Neben der Spur

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Da sitzt man sich gegenüber, über das schmutzige Geschirr gebeugt, und merkt, dass das Problem nur noch größer wird, je länger man darüber redet. Oder man liegt im Bett und dreht einander den Rücken zu, nachdem man sich angeschrien hat. Oder man weint am Telefon. Streiten ist nie schön. Der kritische Punkt ist aber häufig nicht das Gespräch, sondern der Ort, an dem man es führt. Es würden viel mehr Probleme gelöst, wenn man sie anderswo beprechen würde.

Der ideale Ort ist das Auto. Hier kann man ansprechen, was man immer schon mal sagen wollte. Dinge, die schon lange stören, sich bis jetzt aber immer zu sehr nach pedantischer Grundsatzdiskussion angefühlt haben. Themen, die zu sperrig erscheinen, wenn man sich ein Stündchen auf einen Kaffee trifft und ständig fürchten muss, dass der andere noch einen Termin hat und jeden Moment nach seiner Jacke greift.

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Illustration: Julia Schubert

Streit im Auto bleibt im Auto

Es kommt natürlich darauf an, wie lange die Fahrt dauert. Unklug, einen Streit zu erzwingen, wenn man nur mal eben zum Bäcker fährt. Am Besten sind lange Fahrten: viel Zeit, viel Proviant und ab und zu ein paar Dehnübungen auf dem Rastplatz. Mit 600 gemeinsamen Kilometern vor sich hat man Zeit, über alles zu reden, was die gewöhnliche Kaffee-und-Kuchen-Unterhaltung sprengen würde. Man kann eine Dreiviertelstunde vom schlechten Verhältnis zu den Großeltern zu erzählen – weil die einzelnen Minuten weniger kostbar sind. Genauso kann man aber auch einfach mal entspannt sagen: "Ich finde ja nicht, dass du dir leisten kannst, so wählerisch zu sein" oder "Hast du auch manchmal das Gefühl, dass wir uns nichts mehr zu sagen haben?"

Die kommenden Stunden im Auto sind wie ein Puffer zur Realität, mit dessen Hilfe quasi jedes Problem aus dem Weg geräumt werden kann. Und das aus mehreren Gründen. Zum einen ist man zusammen in einem abgeschlossenen, winzigen Raum, der zwei Menschen einander sehr nah bringt – physisch und psychisch. Der eine bringt den anderen sicher ans Ziel, dafür gießt der ihm vorsichtig heißen Tee in seinen Plastikbecher. Gute Voraussetzungen also, um ehrlich zu sein.

Man hat im Streit das Gefühl, man würde vorankommen, wenn Rapsfelder und Baustellen vorbeiziehen

Dann lohnt sich ein Streit im Auto ja allein der Perspektive wegen. Wenn man zuhause streitet, schaut man auf das Gewürzregal oder den Wäscheständer und in das immergleiche Gesicht desjenigen, der gerade erklärt, was alles falsch an einem selbst ist. Das kann sich seltsam trostlos anfühlen. Anders auf der Autobahn: Die Welt fühlt sich groß an auf der linken Spur, voller Lösungen für jedes noch so vertrackte Problem. Man schaut nach vorn, alle beide, und hört sich zu. Das verhindert, dass man irgendwann das Gesicht des anderen leid ist. Stattdessen hat man sogar im Streit das Gefühl, man würde vorankommen, wenn Rapsfelder und Baustellen vorbeiziehen.

Und es lenkt einen ja auch nichts ab. Bloß Überholvorgänge, Regen auf der Windschutzscheibe und vorbeirauschende Lärmschutzwälle; nichts, was die Aufmerksamkeit des Mitfahrers so richtig mindern könnte. Keine Bedienung, die fragt, ob sie schonmal abkassieren dürfe, keine vorgeschobene Müdigkeit. Es bleibt nichts übrig, als zuzuhören. Hätte das selbe Gespräch auf einer Parkbank stattgefunden, wäre man vielleicht aufgestanden und gegangen. Wenn man aber mit einem vollgepackten Kombi an die kroatische Küste fährt, dann muss man sich eben anhören, was es noch zu sagen gibt. Oft erscheint alles viel schlüssiger, wenn beide Zeit haben, sich zu erklären. Es muss schon viel Schlimmes gesagt werden, bevor man an der nächsten Tanke rausgeschmissen wird.

Und wenn doch etwas Unvorhergesehenes passiert, betrifft es automatisch alle beide. Es gibt Situationen, in denen man dann doch wieder ein Team sein muss: Wenn man vom Navi in eine Vollsperrung geleitet wird oder man anrufen muss, dass man später kommt, oder der Fahrer plötzlich wasserfallartiges Nasenbluten hat.

Eine gemeinsame Fahrt ist auch deswegen so toll und streitgeeignet, weil darauf meistens noch mehr gemeinsame Zeit folgt. Ein Urlaub oder ein Festival oder ein Besuch bei der Familie – irgendetwas, was die lange Fahrt wert ist. Man hat gemeinsam etwas Schönes vor sich.  Man ist fast gezwungen, die Sache wieder hinzubiegen, bevor man das nächste Mal ein gelbes Ortsschild sieht. Weil ja sonst alles versaut wäre, was danach kommt.

Wenn man am Ziel ist, ist man sich im besten Fall näher als vorher. Man steigt aus, schlägt die Türen zu, atmet frische Luft ein – und der Streit bleibt im Auto zurück.

Text: kristin-hoeller - Illustration: Lisa-Marie Prankl

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