Nett gemein

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Alle lachen, einer kaut: Beim Essen in der Großfamilie fühlen sich Einzelkinder schnell einsam.

Das erste Mal bei jemandem zu Hause sein, ist immer ein bisschen, wie dem anderen unters Bett zu leuchten: ein Blick in eine fremde, unbekannte Welt, in der man eigentlich nichts zu suchen hat. So fühle ich mich, als ich mit der Großfamilie eines Freundes beim Abendessen sitze. Klirr, macht meine Gabel auf dem Teller. Ein paar dicke Fäuste schlagen auf die Tischplatte. Lautes Lachen aus sonoren Kehlen. Der Vater vergleicht gerade die Fahrkünste seines ältesten Sohnes mit denen einer grenzdebilen Altersheimbewohnerin. Ich nippe hilflos an meinem Wasser und weiß plötzlich nicht mehr, wie das geht, laut lachen.

Dabei kann man mich durchaus zu sich nach Hause einladen: Ich putze mir regelmäßig die Zähne, kann mir mit überzeugendem Gesichtsausdruck Angelanekdoten anhören, mit zahlreichen Adjektiven Essen loben, Teller abräumen und meinen Lebenslauf einigermaßen kohärent vortragen, ohne gemeinsame Saufgeschichten auszupacken. Aber meine antrainierten Soft-Skills sind in der Großfamilie nicht gefragt. Hier geht’s ums Überleben. Und das habe ich nicht gelernt. Ich bin nämlich Einzelkind.

Auch am Kleinfamilientisch folgt nicht auf jeden Spaghetti-Nachschlag der Ausspruch: „Iss, du Wunderkind!“

In einer Großfamilie herrscht am Essenstisch ein Kommunikationskreislauf, in dem ich nicht zu Hause bin: sich necken, sich ärgern, ein bisschen am Stolz kratzen und dann darüber lachen. In einer Kleinfamilie haben sich auch nicht alle lieb. Ein Hauptfaktor fürs Necken fällt aber weg: die geschwisterliche Konkurrenz. Man muss keinem beweisen, dass man eigentlich ein bisschen schneller, schöner, schlauer ist, weil ganz einfach keiner da ist, der das sein könnte. Ohne Direktvergleich lebt es sich beim Abendessen also recht entspannt. Zwar folgt am Kleinfamilientisch nicht auf jeden Spaghetti-Nachschlag der Ausspruch: „Iss, du Wunderkind!“, aber in der Regel werden Dinge ehrlich und ohne Beilagen serviert. 

Und deswegen überfordert mich Spott im Familienkreis: Ich weiß nicht, was ernst gemeint ist, und was nicht. Wenn meine zwei besten männlichen Freunde mich wegen meiner Tollpatschigkeit mal wieder als Trampeltier bezeichnen und Orang-Utan-Moves nachäffen, gucke ich deswegen eher zu Boden, als zurückzufeuern. Dann sagen sie: „Merkt man, dass du keine Brüder hast.“ Stimmt.

An fremden Tischen bekomme ich deshalb einen Haussegen-Schutzreflex. Beim Familienmitglieds-Bashing will ich am liebsten ganz laut rufen: „Habt Euch doch alle mal lieb!“ Aber das haben sie ja. „Dass wir uns Necken, ist der Beweis, das wir uns gern haben.“, sagt mein Freund auf dem Nachhauseweg. Necken heißt auch: Ich kenne deine Schwächen. Und du kennst meine. Es ist wie ein gegenseitiges Nacken-Entblößen. Ein Vertrauensbeweis: Man weiß, dass der, der da vor einem sitzt, niemals zu tief beißen würde. Verkehrt wäre an diesem Spiel nur, wenn einer nicht mitmacht, so wie ich. Denn alle, die mitmachen sind: eine Familie.

Und beim Spielen nicht mitmachen zu dürfen, wäre für mich als Einzelkind sehr traurig. Dann hätte ich am Ende gar keine Freunde mehr. Deswegen nehme ich mir vor: Das nächste mal sage ich was richtig fieses. Und dann lache ich laut und haue mit der Faust auf den Tisch.

Text: sina-pousset - Foto: SZ Photo/Scherl

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