Noch 30 Seiten

Früher hasste unser Autor fanatische Nichtraucher. Gerade ist er dabei, selbst einer zu werden.
philipp-mattheis

Noch 30 Seiten. Keine Seiten aus dünnem Reispapier mit zehntausend Wörtern, sondern dicke mit großen, gut lesbaren Buchstaben bedruckte Seiten. 30 Seiten, die ich problemlos in einer halben Stunde vor dem Schlafengehen lesen könnte oder in der S-Bahn auf dem Weg zur Arbeit. Aber je näher ich dem Ende des Buches komme, desto langsamer wird mein Lesetempo. Am ersten Tag las ich 50 Seiten am Stück, dann noch 20 und dann noch zehn. Als ich das Buch vor drei Tagen zum letzten Mal aufschlug, brachte ich es nur noch auf drei Seiten. Seit ich dieses Buch lese, rauche ich unter der Woche nicht mehr und am Wochenende nur noch, wenn ich viel Alkohol trinke. Ich habe Angst vor diesen 30 Seiten. Denn wenn ich die letzte Seite gelesen habe, werde ich Nichtraucher sein. Das steht im Vorwort. Es funktioniert hundertprozentig! Ich war 14 Jahre alt und saß mit dem dicken Thorsten im Fahrradschuppen der Grundschule. Die Dorfjugend traf sich damals im Fahrradschuppen, war eben so. Thorsten hielt mir eine goldene Benson&Hedges hin und sah mich prüfend an. Ich griff zu, ich zündete sie an. Ich zog und paffte. Thorsten sagte: „Mama kommt“. Ich hustete. Ich rauchte dann mit Thorsten noch fünf weitere Zigaretten, übte auf Lunge rauchen und Ringe blasen. Schließlich kotzte ich auf den Fahrradständer der Grundschulkinder. Seit diesem Tag bin ich Raucher.

Bis vor kurzem rauchte ich die erste Zigarette zum Frühstück, sie war die beste des Tages. Ich rauchte eine Stunde später die zweite und die schmeckte immer noch verdammt gut. Die Zigarette nach dem Mittagessen war großartig und außerdem gut zur Verdauung. Später trank ich einen Kaffee und jeder der Kaffee trinkt und raucht, weiß, dass diese Kombination so gut zusammenpasst, als hätte die Natur das extra so eingerichtet; als würden Kaffee und Tabak zusammen an einem Strauch wachsen und nur darauf warten, dass sie endlich jemand in seinem Körper vereint. Ich rauchte eine Feierabendzigarette. Eine Feierabendbierzigarette. Zwei Feierabendbierzigaretten. Vier. Pro Bier zwei Zigaretten. Ich rauchte vor dem Sex, um noch mal ganz kurz runterzukommen, bevor es losgeht. Und danach sowieso, um mich wie Jean-Paul Belmondo in „Außer Atem“ zu fühlen. Ich rauchte manchmal sogar währenddessen und außerdem in der Badewanne. Ich rauchte eine vor dem Einschlafen. In all diesen verqualmten 15 Jahren habe ich an ein friedliches Miteinander von Rauchern und Nichtrauchern geglaubt. Ich habe nie versucht, einen Nichtraucher zu missionieren. Mein Körper gehört mir und deiner dir. Ich schaue dich nicht komisch an, wenn du den ganzen Tag braune, ekelhafte nach Schmieröl schmeckende Lakritzschnecken in dich reinstopfst, bis du platzt. Oder wenn du einen Erdbeer-fancy-super-power-cool-Joghurt-Schleimdrink trinkst, bis du Diabetes bekommst. Oder wenn du stinkst, weil du nur Gemüse isst. Nichtraucher waren für mich ganz normale Menschen mit einer Tendenz zur Langeweile, Ängstlichkeit und fehlender Risikobereitschaft, aber davon abgesehen auch Lebewesen. Raucher waren sowieso in Ordnung. Die einzigen Arschlöcher waren Typen, die gerade „Endlich Nichtraucher“ von Allen Carr gelesen hatten. In Gegenwart von solchen Gestalten kann man nämlich keine Zigarette in Ruhe rauchen. Sie sagen Sätze wie „Wenn du nicht süchtig bist, dann rauch’ doch drei Wochen nicht“, „Das einzige, was du bei einer Zigarette genießt, ist die Linderung deiner Entzugsschmerzen“ oder „Eine Zigarette entspannt dich nicht, sie treibt deinen Blutdruck nach oben“. Sie vermiesen dir jede Zigarette, weil sie ihren fanatischen Mist bei dir abladen müssen. Sie können dich nicht so lassen, wie du bist. Sie wollen dich verändern, weil sie glauben, sie hätten die Offenbarung erhalten. „Endlich Nichtraucher“-Typen sind Fanatiker, gehirngewaschene Fundamentalisten, die Taliban der Antitabaklobby, spaßfreie Renegaten, zu allem fähig! Noch 30 Seiten. Letzten Samstag habe ich zwei Freunden von diesem Buch erzählt. Der eine sagte: „Ganz aufhören? Ich rauche eh nur am Wochenende?“ Ich antwortete: „Blödsinn! Früher oder später wirst du Kettenraucher. Die logische Konsequenz vom Rauchen ist Kettenrauchen!“ Der andere sagte: „Aber eine Zigarette zum Bier schmeckt einfach gut.“ Ich wurde lauter: „Schwachsinn! Das ist das Nikotinmonster in deinem Kopf! Je mehr Nikotin du dem Monster gibst, desto mehr will es!“ Sie schüttelten den Kopf. „Ihr kapiert es nicht“, schrie ich sie an. „Das Nikotin versklavt euch. Rauchen macht euch fertig! Es ist die häufigste Todesursache in der westlichen Welt. Warum wollt ihr euren Körper freiwillig vergiften?“ Sie meinten, ich solle mich mal locker machen und eine rauchen. Aber ich bin locker und zum Lockersein brauche ich kein Nikotin. Was ich sage, ist die Wahrheit. Nur Raucher sind blind für die Wahrheit. Ich bin überzeugt, ich werde sie bald überzeugen. Noch 30 Seiten.

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