Nur ein paar Wochen Freiheit

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Phase 1: Kurz vorm Ziel Es war an einem heißen Junitag, als ich gegen Mittag ins Auto stieg, um zum letzten Mal die 25 Kilometer zwischen Elternhaus und Schule zurückzulegen. Ich war angespannt, dafür hatte ich auch gute Gründe. Die Verkündung der schriftlichen Abiturnoten stand an, später eine große Feier, und dann wohl das, was man meinen Mitschülern und mir so oft als Freiheit beschrieben hatte. Es war ein Mix aus Vorfreude und Angst, der mich auf der Fahrt durch die norddeutsche Provinz begleitete, und den ich in dieser Intensität noch nicht kannte. Hinzu kamen Ungeduld und freilich Ungewissheit, es war kaum auszuhalten. Ich dachte daran, wie es wohl sein würde, wenn mir in Kürze wirklich jemand mitteilte, dass alles bestanden und ich fertig mit der Schule war. Ich stellte mir das traumhaft schön vor. Den Gedanken, dass am Ende etwas schief gehen und das mit dem Freisein doch nicht hinhauen würde, verdrängte ich mehrfach.

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Illustration: Julia Schubert

Phase 2: Freiheit In der Schule angekommen, ging alles sehr schnell. Die Ergebnisse unserer Klausuren wurden bekannt gegeben und damit fast alle von uns glücklich gemacht. In einer kleinen Gruppe fuhren wir an einen See, um das Erfolgserlebnis in Ruhe genießen zu können. Wir waren so unheimlich zufrieden. Mit uns, und vor allem mit der Situation, in der wir uns plötzlich befanden. Wir hatten geschafft, was es zu schaffen gab. Der Lohn für das viele Lernen: Freiheit. Unsere Beine wurden leicht, jeder Schritte machte uns großen Spaß. In den paar Stunden, die wir mit den Füßen im Wasser auf einem Steg saßen, entspannten wir uns mehr als in den sechs Wochen Sommerferien, die man uns bisher als größtmögliche Freiheit zugestanden hatte. Phase 3: Narrenfreiheit In den Tagen darauf machten wir uns auf die Suche nach noch mehr Freiheit. Viele von uns, mich auch, zog es dafür vom einen ins andere Extrem. Vom 1.000-Einwohner-Nest in die Millionenstadt. Vom Big-Brother-Container in die Anonymität. Nach Berlin. Groß genug für ein solches Abenteuer fühlten wir uns längst, Selbstzweifel gab’s keine, im Gegenteil. Die Stadt wurde für uns zum XXL-Rummelplatz, auf dem wir uns ausprobierten und zielstrebig nach unseren persönlichen Grenzen fahndeten. Anspruchslos, was unsere Unterkünfte anging. Anspruchsvoll, was unsere Freiheit betraf. Das Leben im Altbau mit Außenklo und ausziehbarer Badewanne unter der Spüle kostete nicht viel. Jobs im Café oder im Call-Center waren schnell gefunden, um genug Geld fürs Austoben in Bars und Diskotheken zu verdienen. In den Nächten machten wir Freiheit zu Narrenfreiheit. Erst nach und nach suchten wir uns neue Aufgaben - auch wenn das nur bedeutete, mal zu einer Hochschule zu fahren, um vielleicht einen geeigneten Studiengang und damit ein neues Ziel kennen zu lernen. Es war, als versuchten wir mit ein bisschen Aktionismus unsere Zügellosigkeit zu legitimieren. Phase 4: Schon vorbei? Wenn ich die Mitschüler heute wieder treffe, die damals auch nach Berlin gegangen sind, lachen wir über unseren Lebensstil während der ersten Monate und den Überschuss an Energie, den wir hatten. Wir waren Duracell-Häschen vom Dorf, viel zu aufgeladen und überdreht, um ordentlich denken und handeln zu können. Worüber wir beim Wiedersehen weniger lachen, ist die Freiheit, die uns in dieser Zeit abhanden kam. Denn noch während der in die Länge gezogenen Party nach dem bestandenen Abitur begann für uns ein neuer Alltag. Wir bauten Freundeskreise auf und führten Beziehungen, an denen wir festhielten und manchmal fast zugrunde gingen. Wir stritten mit Beamten, die uns nicht verstanden, mit Nachbarn, die uns nervten, und mit der Polizei, wenn die Nachbarn mal von uns genervt waren. Ein Umbruch deutete sich an, der wenige Wochen später nicht mehr zu vermeiden war. Zivildienst, Ausbildung oder Studium sollten wieder Struktur in unser Leben bringen. Und Freiheit? Die gab’s nur noch häppchenweise. Wenn wir uns am Ende der Arbeitswoche kurzzeitig wieder im Nachtleben verloren; wenn wir eine Prüfung bestanden hatten, und uns stolz zurücklehnten; wenn Besuch kam, und wir uns auf einer gemeinsamen Bootstour über die Spree die stressige Stadt von weitem ansahen. Manchmal kommt es mir so vor, als sei Freiheit nur vier Seiten lang. Solange lese ich in einem guten Buch vor dem Schlafen gehen. Ehe ich einschlafe. Phase 5: Der Wanderpokal Ich erinnere mich noch gut an das, was mein Vater zu mir sagte, als er meinen Getränkedeckel nach dem Abschlussball übernahm. Er scherzte: „Wenn du das nächste Mal Abi machst, gebe ich dir wieder einen aus!“ In der Euphorie meiner Freiheit habe ich ihm geglaubt. Das war genauso blauäugig wie darauf zu spekulieren, der Schulabschluss garantiere ein langlebiges Freiheitsgefühl. Denn das Glück, das wir in den Wochen nach der letzten Notenverkündung gefunden hatten, mussten wir wieder abgeben. Wie einen Wanderpokal, den man so nur einmal im Leben gewinnen kann.

Text: erik-brandt-hoege - Illustration: Shireen Stengel

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