"Och, passt schon"

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Manchmal wünsche ich mir, in den USA zu leben. Dann hätte ich mein Problem nicht. Auf die Frage "How are you?" erwidert man dort immer "fine" und alle sind zufrieden. Nicht, weil das immer die ehrliche Antwort wäre. Aber zumindest ist es die Antwort, die alle erwarten. Jemand, der bei "How are you?" anfängt, von seiner unbequemen Matratze und der nervigen Kirchensteuernachzahlung zu erzählen, wird irritiert angeschaut.

Nun lebe ich allerdings in Deutschland, dem Land, in dem man sich gern über die USA und speziell die floskelige US-Begrüßungskultur aufregt. In dem man sagt: "Schlimm, dass niemand dort zu seinen wahren Gefühlen stehen kann." Dabei ist unsere deutsche Antwort auf die Frage "Wie geht es dir?" mindestens genau so verlogen. Nur halt andersrum.

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Illustration: Julia Schubert

Verletzt meine Zufriedenheit andere, die weniger zufrieden sind?

Denn, und das sage ich jetzt das erste Mal seit Wochen ganz aufrichtig: Mir geht es super! Würde ein Amerikaner mich danach fragen, ich würde nicht "fine" sondern "awesome!" antworten, so prima ist gerade alles. Job toll, Privatleben toll, Gesundheit toll. Die drei Säulen des Lebens, von denen meine Mutter immer im besten Sozialpädagogendeutsch erklärt, sie seien elementar zum Glücklichsein – sie tragen mein Leben gerade richtig gut. Allerdings kann ich das nicht zugeben. Weil ich mich dann direkt dafür schäme.

Ich glaube, für diese Scham gibt es zwei Gründe, von denen einer sehr deutsch ist: Ich habe das Gefühl, meine Zufriedenheit verletzt andere, denen es vielleicht nicht so gut geht. Es macht mich auch zu einem miesen Gesprächspartner. Denn anders als in den USA ist bei uns der lauwarme Gefühlszustand der höflichste. Man antwortet auf das "Wie geht’s?" mit "Läuft" oder "Passt schon". Nie "Supergeil". Meist folgt danach ein Gespräch über den Ärger in der Beziehung, den doofen Chef oder Kopfschmerzen. Wer in diesem Austausch von Kleinproblemen nicht mitspielt, ist entweder ein Angeber oder, noch schlimmer, ein Konversationskiller.

Nicht umsonst enden Märchen immer dann, wenn das Paar glücklich ist: Alles danach ist für Außenstehende superöde.


Denn häufig, wenn ich in letzter Zeit mal zugab, dass gerade alles super ist, verstummte das Gespräch. Was zur Hölle sollte mein Gegenüber darauf auch erwidern? "Was genau bedeutet super?", "Auf einer Skala von eins bis zehn – wie super geht es dir?"  Probleme kann man diskutieren, der Optimalzustand ist langweilig. Märchen enden ja auch stets an dem Punkt, wenn das Paar glücklich bis an sein Lebensende ist – der Teil danach ist einfach superöde für alle Außenstehenden.

Die einzige funktionierende Variante ist da noch, sich mit jemandem zu treffen, dem es auch super geht. Da kann man sich zumindest darüber austauschen, wie seltsam es doch ist, anderen Leuten gegenüber Kleinigkeiten zu erfinden, die das eigene Leben angeblich stören. Denn das ist es, was ich gegen das Super-Gefühl tue. Ich erfinde Kleinigkeiten: "Die Küche in der neuen Wohnung ist doch wirklich winzig", sage ich, dabei ist mir das völlig wurscht, ich koche eh selten. Ich rege mich künstlich darüber auf, wie ich neulich aus Dämlichkeit mit der Kurzstreckenkarte eine Station zu weit gefahren bin und dabei erwischt wurde. Dabei finde ich eigentlich, dass Kontrolleure ja auch nur ihren Job machen. Ich suche also nach Sandkörnern in meinen eigentlich superbequemen neuen Turnschuhen, damit ich andere mit meinem Glück nicht unglücklich mache. 

Jetzt habe ich es fast geschafft, den zweiten Grund für meine kleinen Erfindungen zu verschleiern. Der ist nämlich leider etwas absurd. Die Wahrheit ist: Ich habe Angst vorm Karma. Denn ich weiß, dass mein momentanes Glück zerbrechlich ist. Die Katastrophe kann jeden Moment eintreffen – wenn das Schicksal halt merkt, dass es mich momentan ziemlich übervorteilt. Wie dem auch sei: Habe ich schon erwähnt, dass die neue Küche wirklich viel zu klein ist?

Text: charlotte-haunhorst - Illu: Daniela Rudolf

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