Pärchen, hört auf mir die Feier zu versauen

Pärchenstreits auf Partys machen unsere Autorin fertig. Jedes Mal, schreibt sie, wird sie dabei als Publikum missbraucht. Eine Anklage
franziska-finkenstein
Default Bild

Illustration: Julia Schubert

Letztes Wochenende ruft mich Susi an. Ob ich mit ihr und ihrem Freund Philipp auf eine Party gehen wolle? Natürlich habe ich Lust und noch nichts geplant, ich sage zu. Doch ich bin auch skeptisch: Auf den meisten Partys ist ein Streit zwischen Susi und Phillip programmiert. Der endet entweder darin, dass beide kein Wort mehr miteinander reden oder solange im Gefühlschaos feststecken, bis einer das Handtuch wirft. Zu Beginn ist die Party nett. Ich bin ausgeglichen und fröhlich. Doch schon nach dem zweiten Bier flüchtet Susi urplötzlich auf die Toilette. Sie habe genug von Philipp. Der zeige ihr keine Aufmerksamkeit mehr, erzählt sie mir unter Tränen. „Hat er mich überhaupt je geliebt?“ Haben wir uns nicht erst vor kurzem über ihre Beziehung und ihre Zweifel unterhalten? Susis Beziehung ist eigentlich immer das Hauptthema unserer Gespräche. Susi und Philipp kennen sich jetzt drei Monate und haben sich entschlossen (nach einer längeren Sexbeziehung), eine feste Bindung einzugehen. Probleme haben sie immer. Das weiß ich mittlerweile. Streiten tun sie aber nur auf Partys. Kurz vor einem Nervenzusammenbruch stehend, rate ich Susi, mit Philipp zu reden. Nachdem sie eine Stunde lang neben der Tanzfläche provokant schmollt, merkt endlich auch er, dass etwas nicht stimmt. Ich versuche, eine objektive Haltung zu bewahren und die Mittlerin zu spielen. Der Versuch geht schief. Philipp steuert auf Susi zu, beide beginnen mit heftigen Gesten laut zu diskutieren. Während Susi immer wütender wird, ist Philipp erst ahnungslos und dann zunehmend verzweifelt. Bald lodert ein ausgereifter Streit voller Vorwürfe und Fragen. Die Menschen auf der Tanzfläche werden zum Publikum. Susi und Philipp stehen jetzt im Zentrum der Aufmerksamkeit. Irgendwann holen beide ihre Jacken und verlassen die Party. Und damit ist auch mein Abend um. Ein paar Tage später spielt sich ein ähnliches Ereignis auf der Geburtstagsfeier einer Freundin ab. Isabel bringt ihren Freund Markus mit. Beide kennen sich seit über einem halben Jahr. Besuche ich das Paar Zuhause (sie wohnen seit vier Monaten zusammen), beeindruckt mich die Harmonie zwischen den beiden. Dann kochen wir zusammen und gucken Filme, ohne dass zwischen den beiden auch nur der Funke einer Meinungsverschiedenheit aufkommt. Doch kaum befinden sie sich in größerer Gesellschaft, lassen sie es krachen. Auf besagtem Geburtstag kommt es zum Inferno in der Küche. Isabel verdächtigt Markus, immer noch in seine Ex-Freundin verliebt zu sein. Bald ist die Party ein Schlachtfeld. Die anderen Gäste und ich schauen mal wieder zu. Ich möchte ja nicht gefühlskalt erscheinen und habe auch durchaus Mitleid mit den Paaren, aber die öffentliche Streiterei regt mich auf. Für mich ist sie ein Mysterium. Liegt es vielleicht daran, dass die Partysituation die Paare unsicher werden lässt? Auf Feten sind sie von zufriedenen Menschen mit Drinks in den Händen umgeben. Vielleicht fühlen sie sich davon unter Druck gesetzt. Andere Leute entfliehen auf der Feier dem Alltag, können sich auf andere Themen und Leute konzentrieren. Doch die Streit-Paare lassen sich darauf nicht ein. Oder nur sporadisch, bevor sie später das große Mitteilungsbedürfnis ausleben und ihre Beziehungsprobleme vor dem Partypublikum präsentieren. Meine Theorie bezüglich der öffentlichen Paar-Streite umfasst vier unterschiedliche Gründe, die nachvollziehbar sind, aber nicht zwingend ein Verständnis gegenüber den Pärchen entstehen lassen: Erstens gibt es die narzisstischen Pärchen. Diese wollen, dass alle Leute an ihren Problemen teilhaben und fokussieren deshalb das Geschehen auf sich. Hauptsache, sie bekommen die Aufmerksamkeit des Publikums. Dass die anderen Gäste Spaß haben wollen, interessiert sie nicht. Zweitens ist freilich auch der Alkohol eine Ursache für Überemotionalität und Streit. Analog zum steigenden Pegel steigern sich die Paare auch in ihre Probleme und Ängste hinein. Sie sind gereizt. Das führt zu Tränen, die führen zu Aggressionen und schließlich mündet alles in Streit. So lässt sich natürlich auch schlecht ein Konsens finden. Drittens sind Geburtstagsfeiern und Partys auch gute Orte, um die öffentliche Meinung zu erfahren. Dann denken sich die Partner: „Die Mehrheit wird dem anderen schon zeigen, dass ich im Recht bin.“ Viertens und letztlich gibt es noch eine Gruppe von Pärchen, die sich lieber auf einer Party streiten als Zuhause, wo sie sich die Köpfe einschlagen würden. Auf der Feier besteht ja immerhin die Möglichkeit, beschützt zu werden. So sieht die Feier-Paarpsychologie aus - und ich bin sie leid. Ich will nicht mehr hören, was sich Pärchen vorwerfen. Zumindest nicht, wenn ich auf eine Party gehe. Dort möchte ich Spaß haben, tanzen und glücklich sein. Ich bin ja auch nicht so narzisstisch und konfrontiere jeden mit meinen Problemen. Deshalb, liebe Pärchen: Sucht euch ein anderes Publikum, bitte.

Text: franziska-finkenstein - Illustrationen: Katharina Bitzl

  • teilen
  • schließen