Passiv bleiben!

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Anfangs dachte ich noch, es würde mir nichts ausmachen. Vielleicht fand ich die Selbstgedrehte in seiner Hand sogar anziehend, irgendwie lässig. Als ich meinen Freund das erste Mal sah, zog er jedenfalls gerade an einer Zigarette. So wie er es die zehn Jahre davor täglich getan hatte. Roter Van Nelle, ocb Filter, Handarbeit. Es störte mich nicht. Als ich mit meinem Freund das erste Mal ausging, schob er mir eine der Selbstgedrehten über den Tisch. Es war die erste Zigarette, die ich in meinem Leben geraucht habe. Ich hustete, er lachte.  

Nach einem halben Jahr war das gemeinsame Rauchen zur Gewohnheit geworden. Mir fiel auf, dass mir Tabak gar nicht schmeckte, ich ließ das Mitziehen bleiben. Und fing vorsichtig an, gegen Zigaretten zu sticheln. Es ist gar nicht der Geruch des Rauches, der überall an Kleidung, Haar und Haut kleben bleibt. Es ist die Küchentüre, die während des Frühstücks bei jedem Wetter geöffnet sein muss. Es ist das Autobahngedonner, das zum Lüften minutenlang durch die runtergelassenen Fenster ins Wageninnere fährt. Es sind ein umgekippter Aschenbecher, wundersam auftauchende Brandlöcher, Nachtwanderungen zu Tankstellen und Umwege über Bahnhofskioske. Winzige Unannehmlichkeiten, wegen derer man gute Freunde niemals kritisieren würde. Den eigenen Freund dann aber irgendwann doch.  

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Illustration: Julia Schubert



„Hast du dir schon mal überlegt mit dem Rauchen aufzuhören?“, fragte ich eines Tages. Mein Freund schüttelte den Kopf. Wenn er wollte, sagte er, könne er aber jederzeit damit aufhören. Daraufhin schüttelte ich den Kopf. Um es mir zu beweisen, rührte er drei Wochen lang keine Zigarette an. Er war sehr stolz. In der vierten roch ich den Rauch in seinen Haaren. Seitdem weiß ich: Man kann aus Liebe viele unmögliche Dinge tun – mit dem Rauchen aufhören gehört nicht dazu.  

Es ist schwierig, diese Tatsache einfach zu akzeptieren. Man stellt sich seinen Freund gerne als starken Mann vor. Man findet es irgendwie schwach, dass er sich mit dieser blöden, von vornherein zum Scheitern verurteilten „Nur diese Eine“-Ausrede heimlich wieder Zigaretten anzündet. Man hat ihn doch gar nicht richtig kämpfen sehen. Vor allem hat man als Nichtraucher keine Ahnung, was es heißt, süchtig nach Nikotin zu sein – und wie es sich anfühlt, keines mehr zu bekommen.  

Das Problem sind irgendwann nicht mehr die kleinen Unannehmlichkeiten. Das Doofe ist, dass aus Liebe irgendwann Fürsorge wird. Und aus Fürsorge Sorge. Rauchen tötet – das weiß er, das weiß ich. Warum ist das nicht Motivation genug, mit den Zigaretten aufzuhören? Als mein Freund wieder anfing zu rauchen, war ich enttäuscht. Manchmal sogar richtig verärgert, wenn einer seiner regelmäßig wiederkehrenden Aufhörversuche – egal ob mit Nikotinkaugummis, Nikotin-Inhaler oder ohne Hilfsmittel – wieder mal gescheitert war. Und genau das ist sein Problem. Er sagt: „Wenn du nicht wärst, hätte ich es vielleicht geschafft.“  

Egal, was ich tue: Ich setze ihn unter Druck. Gerade dann, wenn ich versuche, seine Aufhörversuche zu unterstützen. Wenn ich Lieblingsspeisen koche (weil ja jetzt alles viel besser schmeckt!), eine Radtour organisiere („Guck, wie sich deine Kondition verbessert hat!“) oder einfach nur frage: „Und, wie fühlst du dich?“ Außerdem bin ich als fremde Kontrollinstanz eine super Ausrede für meinen Freund, den eigenen Bestrafungsmechanismus auszuschalten. Was zu Folge hat, dass dann geraucht werden darf, wenn ich es nicht sehe oder riechen kann. Wenn mein Freund zu Besuch bei alten Schulfreunden ist. Wenn ich verreist bin. Bei einem seiner Aufhörversuche hat er mir absichtlich nicht erzählt, dass er gerade auf Entzug lebt. Gebracht hat es trotzdem nichts.

Mein Freund mag Zigaretten. So sehr, dass er nicht von ihnen loskommt. Ich kann diese Tatsache nicht einfach als eine Art Charakterschwäche akzeptieren. Es geht nicht darum, ob man mit einem Fehler des Partners leben kann oder nicht. Für mich fühlt es sich so an, als müsste ich es aushalten können, dass mein Freund vor meinen Augen Selbstmord begeht. Jeder Mensch hat die Freiheit, selbst über sein Leben, die dazugehörigen Risiken und von mir auch über sein Lebensende zu entscheiden. Diese Freiheit dem Menschen, den man liebt, zu lassen, ist eine ständige Herausforderung.

Vor allem dann, wenn man so optimistisch ist zu glauben, dass es irgendwann ein „Unser Leben“ geben könnte. Mit Kindern, Ehegattensplitting und alt werden. Bin ich hysterisch, wenn ich mir meinen Freund als krebskranken Mann vorstelle? Soll ich sagen: „Und wenn schon. Dann pflege ich ihn eben.“ Schließlich würde er das gleiche tun, würde ich Krebs bekommen. So wie meine Oma. Die nie in ihrem Leben geraucht hat.  

Manchmal schimpfe ich. Ich sage: „Du willst doch gar nicht richtig aufhören. Dein Ziel ist es, nur abends beim Weggehen zu rauchen. Drei statt dreißig Zigaretten am Tag. So wird das mit dem Aufhören nie was.“ Mein Freund sagt dann: „Was willst du? Du hast mich als Raucher kennengelernt, also beschwer dich nicht.“ Und: „Wenn du mich richtig lieben würdest, wäre es dir egal, ob ich rauche oder nicht.“ Ich denke mir dann: „Wenn du dein Leben lang rauchen willst, will ich kein Leben lang mir dir zusammen sein.“ Ich sage das nie laut. Denn was wäre die Konsequenz? Trennung? Kann ein überzeugter Raucher nicht mit einem Nichtraucher zusammen sein?

Wenn es mir egal wäre, ob mein Freund raucht oder nicht, wäre mir mein Freund egal. Trotzdem versuche ich in letzter Zeit, mich so passiv wie möglich zu verhalten. Vielleicht funktioniert das. Ich habe mir vorgenommen, meine Sorge nicht nach außen zu tragen. Wenn mein Freund sagt „Ich rauche jetzt an Silvester so viel wie möglich und höre am ersten Januar ruckartig damit auf.“, nicke ich. Dabei sagt mein Verstand: „Du Depp. Dann fällt dir der Entzug doch nur viel schwerer.“ Keine guten Ratschläge, kein Kommentar, kein Kümmern mehr.

Seit zehn Tagen hat mein Freund keine Zigarette mehr geraucht. Vielleicht sollte ich einfach, still und heimlich, stolz auf ihn sein.

Text: anna-kistner - Foto: emoji / photocase.com

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