Plötzlich wieder da

Wenn ein alter Freund sagt: "Ich ziehe in deine Stadt!", dann ist das eine gute Nachricht. Oder? Denn wie, bitteschön, integriert man einen Menschen von früher in ein neues Leben?
bisenk-ergin

Freund X. rief vor kurzem an. Wir kennen uns noch aus der Schule und sind auch Freunde geblieben, als er in eine andere Stadt zog. Wir sehen uns nicht oft, aber dann intensiv. Und jetzt geriet X. ins Schwärmen: Er bekomme vielleicht einen Job in meiner Stadt. Wie toll das doch wäre! Und ich? Wurde nervös. Und das verwirrte mich. Der Freund gehört zu meinen Lieblingsmenschen, warum konnte ich mich also nicht so für die Idee begeistern wie er?

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Illustration: Julia Schubert

Und dann ist er auf einmal da, der Mensch aus der Vergangenheit

Man kennt das Problem von Freundschaften, die sich geografisch verändern, sonst ja eher andersherum: Menschen ziehen weg und damit kommt die Frage, wie man die Beziehung trotzdem nah hält. Das haben Freund X. und ich soweit gut hinbekommen. Aber jetzt geht die Veränderung in die andere Richtung: Er kommt dahin, wo ich lebe.

Und damit zieht ein Flashback unserer Freundschaft vor meinem geistigen Auge vorbei: Unsere gemeinsame Schulzeit war im Ganzen der Höhepunkt unserer Beziehung. Seitdem haben wir eine stabile Freundschaft. Natürlich hat sie sich mit den Jahren auch weiterentwickelt, aber nicht sehr ausgeprägt. Bisher hat das auch nie gestört. Ab und zu, aber regelmäßig, haben wir uns getroffen, sehr gerne sogar. Meistens in der Stadt der gemeinsam verbrachten Jugend, wo die Eltern einen sowieso immer jung sein lassen.  Dort waren wir jedes Mal automatisch wie früher. Und wenn wir einander in unseren neuen Städten besucht haben, planten wir immer aufregende, außeralltägliche Dinge. Weil die Zeit zu zweit so besonders ist. Stundenlang konnten wir nostalgisch über früher reden und die Besonderheit der Beziehung betonen. Und wenn man sich diese Begriffe ansieht: „nostalgisch“, „früher“, „besonders“, „außeralltäglich“, dann merkt man: Im Grunde ist unsere Freundschaft eine Zeitkapsel.

Wie soll ich den Freund jetzt in die begrenzte Zeit zwischen Studium, Beziehung und Freundesclique integrieren?

Aber jetzt wird an der etablierten Art unserer Beziehung gerüttelt. Und auf diese Veränderung scheine ich nicht vorbereitet zu sein. Ich stellte mir viele Fragen: Wie soll ich den Freund jetzt in die begrenzte Zeit zwischen Studium, Beziehung und Freundesclique, also in meinen Alltag, integrieren? Ich habe dieses ungute Gefühl, dass ich dafür verantwortlich bin, dass ab seinem Eintreffen alles super läuft. Für ihn. Und für uns. Müssen wir dann 24 Stunden aufeinander hängen? Oder reicht für einen langjährigen Freund einmal in der Woche Kaffee trinken? Wie viele Biere verdient der beste Freund im Monat? Und was passiert, wenn wir uns irgendwann zwischen dem zweiten und dem fünften total nerven? Wenn uns die Geschichten ausgehen und wir kein „Weißt du noch, als...“ mehr aufbringen können?

Und dann, nachdem ich mir all diese Fragen gestellt hatte, merkte ich, worum es wirklich geht:

Es geht nicht um Kaffee oder Biere. Es geht nicht mal um den Kampf „besondere Momente vs. Alltag“. Es geht in Wirklichkeit darum, dass ich die Zeitkapsel nicht mehr anmachen kann, wann ich es will. Oder darum, dass ich für meinen weit entfernten Freund nicht mehr Protagonistin meiner tollen Lebensstorys sein kann. Geschichten, an denen ich ihn, als Außenstehenden, als Zuhörer teilhaben lasse.

Dieses Dilemma ist nur eine peinliche Projektion meiner Unsicherheit und Angst vor dem Neuen. Gute Freundschaften zeichnen sich doch genau dadurch aus, dass sie immer wieder verschiedene Situationen meistern. Der Anfang in einer neuen Stadt ist schwer. Freund X. scheint bei Nachfrage aber ziemlich zuversichtlich zu sein, was die neue Ära unserer Freundschaft anbelangt und vertraut darauf, dass wir uns ihr anpassen. Deshalb sollte ich wahrscheinlich auch die langen Jahre der Beziehung als ein gutes Zeichen für die Flexibilität unserer Freundschaft sehen.

Alten Freundschaften sollte man auch die Chance geben, sich neu zu definieren. Um neue Zeitkapseln zu schaffen.


Text: bisenk-ergin - Foto: photocase/cydonnabielmeier

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