Publikumsbeschimpfung: Digital ist besser!

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Wir müssen miteinander reden: Ich habe ein Problem mit dir. Du bist ein mäßig bis gut gebildeter Mensch jungen Alters. Du hast eine eigene Meinung, von der du glaubst, dass sich jemand dafür interessiert. Du machst dein eigenes Ding, hast große Pläne. Und deshalb bist du – klar – besser als der Durchschnitt. Trotzdem fühlst du dich oft nicht gut, bist nicht zufrieden mit dir. Aber wer ist das schon? Im Grunde bist du, und deshalb muss ich dich heute beschimpfen, so ähnlich wie ich. Wir hören die gleiche Musik, mögen ähnliche Bücher, im Kino saßen wir womöglich sogar schon mal nebeneinander und beim Herausgehen haben wir fast unsere Umhängetaschen vertauscht. In einem Punkt aber unterscheiden wir uns: in der Frage, wie wir mit Technik umgehen. Ich liebe das Internet und du hasst es. Wenn ich das Wort Blogs höre, frage ich nach, du hingegen kriegst das Kotzen. Wenn in einem Text der Begriff Web2.0 steht, lese ich interessiert rein, du klickst auf „Löschen“. Wenn ein neues Gerät auf den Markt kommt, frage ich, ob mir das helfen kann, gähnst du.

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Illustration: Julia Schubert

Bis vor kurzem dachte ich, das sei bloß eine persönliche Präferenz, eine Geschmacksfrage, lediglich zwei unterschiedliche Sorten in der auswahlreichen Eisdiele der Einstellungen. Soll doch jeder meinen, was ihm schmeckt. In unserem Fall stimmt es aber nicht. In unserem Fall geht es um eine Entwicklung, die an dir vorbei gegangen ist und die du deshalb jetzt hasst. Rupert Murdoch und Hubert Burda haben vor dir gemerkt, dass hinter dem http tatsächlich eine Revolution von statten geht. Das ärgert dich – zu Recht – und deshalb tust du jetzt so als seien die Medienmogule Deppen und das Internet ein überschätzter Hype. Wir stehen auf Partys nebeneinander, unterhalten uns in der Uni oder sitzen in der Kneipe an einem Tisch – und immer muss ich deine zur Meinung geformte Ahnungslosigkeit anhören: dass doch nur einsame Deppen ein Blog führen oder dass nur isolierte Menschen ohne Freunde sich in Communitys registrieren. Den Höhepunkt des Schwachsinns musste ich vor zwei Wochen auf einer Party hören: Dort erläuterte eine Germanstik-Studentin, die aussah wie Sarah Kuttner und sich durchaus für Medien interessierte, warum die Kommunikation übers Internet ja qualitativ viel schlechter sei als ein echtes Gespräch „zwischen echten Menschen“. Wir standen direkt nebeneinander und ich hätte mir gewünscht, die Gastgeber hätten eine „Ignorieren“-Funktion für die Party im Angebot. Da die Kuttner-Frisur aber wusste, dass ich manchmal für jetzt.de schreibe, war ich gezwungen, auf ihre Frage zu antworten: Ich sagte ihr, dass ich sie für konservativer halte als Roland Koch. Und weil ich schon etwas betrunken war, sagte ich „scheiß“-konservativ und schämte mich danach ein bisschen. Sie drückte die Ignorieren-Taste und verschwand. Am nächsten Tag schämte ich mich nur noch wenig, ich war mir sicher: Die Frau mit der Sarah-Kuttner-Frisur hätte sich schämen sollen. Und dann schrieb ich diesen Text hier, der vor allem eins sagen will: Ihr coolen Menschen da draußen, Ihr klugen Trend-Gläubigen und Indie-Möger, sperrt mal die Augen auf! Vor vierzig Jahren wärt Ihr gerne dabei gewesen, als die 68er die Gesellschaft verändert haben – und heute seid Ihr zu blöd zu erkennen, dass sich gerade etwas verändert, was größere Folgen haben kann als ein Sitzstreik im Hörsaal. Ich spreche dabei nicht von den Unsummen, die für YouTube oder StudiVZ ausgegeben werden, ich spreche von den kulturellen Veränderungen, die das Internet bringt. Ich spreche davon, dass Medien, Musik, ja Kultur im Allgemeinen in fünf Jahren komplett anders aussehen werden als heute. Und wenn du dich dafür nicht interessierst, werden sich Medien, Musik, ja Kultur im Allgemeinen in fünf Jahren nicht mehr für dich interessieren. Ich habe leider keine Antwort darauf, warum gerade die vermeintlich offenen, toleranten und fortschrittlichen Menschen, technischen Fragen gegenüber manchmal provinzieller denken als ihre eigenen Großeltern. Woher kommt diese Skepsis? Wieso überlässt du der CSU die Laptop-Floskel und bringst es selber nicht fertig, einen anderen Browser zu installieren? So dämlich der Klischee-Satz auch ist, die Zukunft ist nunmal digital. Nur du bist offenbar zu dumm für digital. Illustration: Marcus Holzmayr

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