Schöner Wohnen

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Seit kurzem schneide ich dünne, gleichmäßige Apfelschnitze. Das macht mich glücklich. Jahrelang waren meine Apfelschnitze nämlich eher unvorhersehbar quadratisch, manchmal zackig und vor allem: ungleichmäßig. Dass ich Obst und Gemüse bis jetzt mehr häckselte, als schnitt, war eigentlich nicht weiter schlimm. Es gehörte zum WG-Leben genau so dazu, wie dass es immer zu viel Müll gab und zu wenig Milch.

Jetzt bin ich umgezogen. In eine Erwachsenen-WG. Da sind alle berufstätig. Und da sind die Dinge anders. Es gibt dort zum Beispiel Messer, mit denen man sehr fein schneiden kann. Klingen aus geschliffenem Stahl, aus Porzellan, ja wenn ich so genau hingucke, vielleicht sogar aus Silber. 

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Illustration: Julia Schubert

Nett hier: In der Berufstätigen-WG kann man den Fernseher als Ganzkörperspiegel benutzen.

Überhaupt glänzt in der Erwachsenen-WG sehr viel. Die Armaturen und die Töpfe. Der Boden im Bad. Die Fensterscheiben. Die Lampenschirme aus Chrom. Sonst ist hier aber alles normal: Jeder hat ein Zimmer, es gibt eine Küche, ein Bad und einen Fernseher zum Tatort gucken. Nur, dass all das sehr groß ist, besonders der Fernseher. Und dass das Putzmittel ein eigenes Zimmer hat. Es heißt Kämmerchen. Ich bin mir ziemlich sicher: Das ist das Paradies.

WGs sind eigentlich der provisorische Platz zwischen Eltern und eigenem Zuhause. Alle haben wenig Geld, alle wissen noch nicht ganz genau wohin, alle schneiden mit stumpfen Messern und keiner hat Bock auf den Abwasch. Das Leben ist improvisiert, genau wie das Küchenregal aus Spanplatten oder der Bierkasten-Hocker. Das war bis jetzt in Ordnung so. Aber ich wusste ja nicht, dass es da noch was anderes gibt.

Ich komme aus einer Welt, in der Duschvorhänge schimmeln und man rostige Räder fährt.


In der Berufstätigen-WG fühle ich mich plötzlich ungeahnt frei. Ich habe jetzt einen Häcksler. Und ich werde gefragt, wenn jemand eine Banane von mir möchte. Die Möbel sind nicht von IKEA, sondern aus etwas, das ich mir unter „Massivholz“ vorstelle. Alles, was in der Studenten-WG immer kaputt ist, funktioniert hier nicht nur, sondern es gibt sogar zwei davon: der Wäscheständer, der Pürierstab, die Kaffeemaschine. Keine Schrankleichen, tot geliebte und mit verbrannten Gerichten verwachsenen Auflaufformen, Töpfe mit halblockeren Henkeln und ohne Deckel. Töpfe werden hier abgetrocknet und poliert, mit einem Geschirrhandtuch, das nach Mandeln duftet.

Der Duschvorhang  ist kein schimmliger Fetzen, der am Rücken haftet, er ist eine Scheibe mit einem Wischer zum Abziehen. Als ich meinen Mitbewohner neulich fragte, ob er mir vielleicht ein Rad leihen kann, sagte er: „Klar.“ Das traurige Rostgestell, das ich als „Ersatztrad“ erwartete, war in Wirklichkeit ein schlankes, neues Fixie. Und als meine Mitbewohnerin später ein ganzes Glas Bio-Chutney, das ich mir früher einmal im Schaltjahr geleistet hätte, über fein geschnittenem Gemüse in einen glänzenden Chromtopf leerte, verstand ich: hier beginnt ein neuer Abschnitt des Erwachsenseins.  

Ich komme aus einer Welt, in der Duschvorhänge schimmeln und man rostige Räder fährt. Das liegt daran: Meine bisherige Heimat, die Studenten-WG ist ein Auswilderungsbecken für Erwachsenwerder. Man kann hier ganz ungestört für den Ernstfall üben, ohne dass er eintritt. Und deshalb ist es in der Regel auch egal, ob die Übungsutensilien dabei glänzen oder rosten.  

In meiner neuen WG ist das nicht mehr egal. Und das Schöne daran ist: mit dieser Ernsthaftigkeit entsteht auch ein neues Vertrauen. Ich wische zum Beispiel einfach so den Boden oder leere den Müll. Weil ich weiß, dass es das nächste Mal eben jemand anderes macht, ohne dass ich fragen muss. Und das gefällt mir: Ich kann mich auf Dinge verlassen. Dass der Wischer funktioniert, das Regal hält und der Müll leer ist. Wenn Erwachsenwerden bedeutet, dass man sich auf Dinge verlassen kann, man mehr plant und mehr kehrt,  dann ist die Berufstätigen-WG der perfekte Ort, um es zu lernen.

Denn sie ist ein kein Übungsbecken für Erwachsenwerder, sondern für Erwachsene. Noch gibt es das nicht: Kinder, Bausparvertrag und eigenes Zuhause. Und bis dahin schwimmt man eben ein bisschen zusammen, in dem Wissen, dass man es kann.

Text: valerie-dewitt - Illustration: Daniela Rudolf

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