Schussel-Mädchen 2.0: Übers eigene Scheitern schreiben

Mädchen sind anders im Netz aktiv als Jungs. Aber sie wiederholen beim Bloggen eine Schussel-Attitüde, die man schon aus der echten Welt kennt
christian-berg

In der vergangenen Woche wurde in der Wochenzeitung Freitag die Frage erörtert, ob Frauen anders im Web aktiv sind als Männer. Es ging um Blogs, um Twitter, ums Schreiben im Netz. Die Autorin stellte fest: "Während bei Männern durchaus beobachtet werden kann, dass sie beim Bloggen gerne Punkte sammeln und Siege erringen, steht bei Bloggerinnen der Dialog, aber auch die visuelle Darstellung im Vordergrund." Selten habe ich eine so gute Beobachtung dessen gelesen, was mir bei der Lektüre von Mädchenblogs und -Feeds seit ein paar Wochen auffällt - auch wenn der entscheidende Punkt in dieser Beschreibung noch fehlt: Den Bloggerinnen geht es nicht ums Punktemachen, es geht ihnen sogar bewusst ums Scheitern, um die eigenen Unzulänglichkeit, um ihr wortreich ausgebreitetes Versagen.

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Illustration: Julia Schubert

Schon seit einigen Monaten ist Prokrastination das Lieblingswort all der schreibenden Indie-Menschen da draußen. Angestachelt von Kathrin Passig & Sascha Lobo wurde fehlende Selbstdisziplin zu einer herausragenden Eigenschaft eines modernen Menschen. Wichtig dabei: Das Aufschieben muss öffentlich gemacht werden. Vermutlich ist genau dieser Publikationsdruck der Grund für den Aufstieg von beispielsweise Twitter: Man kann das eigenen Nichtstun dokumentieren. Soweit so Berlin, soweit so Web 2.0. Doch mit dem Aufstieg des Web-Schreibens kamen auch immer mehr Schreiberinnen ins Netz und mit den Schreiberinnen kam auch ein Typus, den ich zur Grundlage Meiner Theorie nehmen möchte: Das Schussel-Mädchen 2.0. Dabei handelt es sich um eine netz-attraktive Person (immer super Porträt-Fotos, auf denen sie besser aussieht als in echt), die sich gerne im Indie-Kontext bewegt (immer auf Konzerten von angesagten Bands auf der Gästeliste) und wohl weiß, dass sie eine Anziehungskraft auf die männliche Leserschaft im Netz ausübt. Das findet sie einerseits ziemlich toll, es ist ihr andererseits aber auch nicht ganz geheuer. Deshalb (und weil sie in Wahrheit recht clever ist) wird die Netz-Attraktivität des Schusselmädchens 2.0 durch die Inszenierung des eigenen Scheiterns gebrochen. Gerne zum Beispiel in der ausführlichen Darstellung der Tatsache, dass sie gerade keinen festen Freund hat - und auf der Suche ist. In regelmäßigen Abständen wird in den Texten und Textfetzen auch darauf hingewiesen, dass sie irgendwas nun echt nicht auf die Reihe kriegt, ganz schön unter der Sinnlosigkeit ihres aktuellen Jobs leidet oder heute echt dringend eine Auszeit braucht (Weißwein-Schorle, Prosecco auf Eis oder Gin Tonic). Und spätestens hier wird es anstrengend, denn dieses Jammern ist nicht mehr als ein affiges Kokettieren: Denn das Schusselmädchen 2.0 ist eine Fortentwicklung des verspulten Schusselmädchens aus der Uni: Sie ist erfolgreich (und weiß es auch), sie arbeitet in einer bekannten Agentur/Redaktion/Was-auch-immer und wird von allen Kollegen geschätzt. Jeder weiß: Wenn sie mit dem Studium fertig ist, kriegt sie - Krise, Fuck off! - sofort einen festen Job. Klar, es wäre einfach: Ich könnte die Schusselmädchen 2.0 aus meinen Abos hier bei jetzt.de löschen, ich könnte ihre Blogs aus dem RSS-Reader streichen und sie bei Twitter ignorieren. Kein Problem. Aber einerseits ist da - zugegeben - eine Anziehung, die auch ich nicht ignorieren kann (und die mich ärgert, weil sie das wissen). Und andererseits frage ich mich, ob Frauen nach dem großen Alpha-Feuchtgebiete-Hype des vergangenen Jahres noch eine solche aufs Scheitern fixierte Inszenierung nötig haben. Ich glaube nicht. Bei Jungs jedenfalls empfinde ich eine solch verspulte Selbstdarstellung im Web immer affig. Aber auf deren gutaussehende Porträt-Bilder fall ich auch nie rein ...

Text: christian-berg - Illustration: Katharina Bitzl

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