Sonntagseinsamkeit

An sechs Tagen in der Woche ist unsere Autorin glücklicher Single. Nur den Sonntag fürchtet sie. An keinem anderen Tag der Woche wird man so gnadenlos mit dem Alleinsein konfrontiert.
katharina-elsner
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Illustration: Julia Schubert

Sonntage als Single nerven. Überall scheinen einen nur glückliche Menschen zu begegnen.

Ich liebe mein Singleleben. Ich liebe es, mich quer über die gesamte Bettbreite auszustrecken. Ich liebe es, kompromisslos meine Zeit für Freunde, Sport und Hobbies zu verschwenden und spontan drei Tage nach Malle fliegen zu können. Ohne jemandem Rechenschaft schuldig zu sein. Ich liebe es, nicht zwölf Minuten lang darüber zu diskutieren, bei welchem Lieferservice „wir“ bestellen, oder von der Elektro-Party früh nach Hause gehen zu müssen, weil „wir“ müde sind. Ich liebe es. An sechs Tagen in der Woche.  

Dann kommt der Sonntag. An dem ist alles anders. Denn dieser Tag der Woche gehört den Pärchen. Sie kochen, kuscheln oder gehen ins Kino. Sie spazieren eng umschlungen durch die Stadt. Für jeden sichtbar und so langsam, dass ich meine, sie müssten dabei umfallen. An diesem Tag strotzen die Verliebten nur so vor Zweisamkeit und Harmonie.  

Aus Trotz versuche ich deswegen, diese allwöchentlich zur Schau getragene Glückseligkeit zu vermeiden. Bestes Mittel bisher: der Samstagabend. Tanzen gehen macht glücklich, acht Weinschorlen und drei doppelte Vodkashots ebenso. Zwischen entspanntem Dösen und Binge Watching der letzten „Grimm“-Staffel lässt sich der folgende Tag wundervoll, weil halbkomatös überstehen.

Das Problem nach drei verkaterten Sonntagen: Mein eigener Alkoholkonsum wird mir überdrüssig. Immer schwerer schlucke ich beim Anblick der One-Night-Stands im Morgenlicht, bevor ich mich nach Hause davonstehle. Also beschließe ich: weniger Alkohol. Dafür müssen andere Aktivitäten her. Ausprobiert habe ich: Spazierengehen. Ohne Hund, ohne Telefon am Ohr, ohne Joggingoutfit. Das kommt dem Freitod gleich. Denn gerade am Sonntag spazieren In Scharen Pärchen und Familien. Frischverliebte turteln den Fluss entlang, Eltern rennen gehetzt ihren Gören nach, selbst Omas haken sich in ihren Sonntagskostümen bei Opa ein. Und ich spüre ihre Blicke auf mir. Sehe, wie sie mich anstarren und den Ausdruck in ihren Augen, der irgendwo zwischen Mitleid und Mitgefühl rangiert.

Und ich möchte ihnen entgegen schreien: Ja, ich bin allein. Und nein, ich kann mir heute Abend nichts vom Thailänder bestellen, weil man als Single den Mindestbestellwert nicht erreicht. Bei mir müssen die Tiefkühlbrezeln und Tomaten-Tütensuppen herhalten, weil niemand für mich eingekauft hat.   Das macht mich wütend. Das macht die Grausamkeit der Sonntage aus. Das Gefühl, das dir Pärchen geben. Dass du als Single nicht glücklich sein kannst, weil dir was fehlen müsste. Dass du Mitleid verdienst. Irgendwann realisiere ich aber: Ich darf Singlesonntage verdammen.

Nicht nur, weil das ganze Elend spätestens mit dem montagmorgendlichen Weckerklingeln verschwunden ist. Nein, der Hauptgrund ist: Glückliche Menschen sind nicht interessant. Um es mit Kraftklub zu formulieren. Manchmal muss man grummeln dürfen, schimpfen, sich den ganzen Tag die Decke über den Kopf ziehen und im Weltschmerz sämtlicher Goethe-Romanhelden suhlen. Zuviel Zuckerwattenwelt ist nämlich echt anstrengend. Vor allem, wenn man alleine durchs Leben eiert.


Text: katharina-elsner - Illustration: Yinfinity

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