Stolz auf Oskar?

"Ich bin stolz auf dich!" - ein Satz, den man gerne von seinen Eltern hört. Vielleicht sogar noch von den Großeltern. Aber was ist mit Freunden? Über das seltsame Phänomen Fremdstolz.
julian-schmitzberger

Ein wohliges Stolzsein erfüllte mich. Ein Gefühl, das ich bis dato nur von selbst erbrachten Leistungen kannte. Gerade hatte ich die erste Übungsreportage eines langjährigen Freundes gelesen. Ich wollte ihm sagen: "Ich bin stolz auf dich!" Aber ist das nicht irgendwie ein seltsamer Satz? Klar, es ist nachvollziehbar, dass ich mich für ihn freue, doch kann man sagen, dass das Stolz ist? Ist es nicht eher eine trügerische Zufriedenheit, die ich für die andere Person empfinde? Zumal ich wohl wenig Einfluss auf die Arbeit und Entwicklung meines Freundes genommen habe. Im Streitfall müsste ich mir sogar eingestehen, dass der umgekehrte Fall der Realität entspricht! Bin ich überheblich geworden? Was meine ich überhaupt, wenn ich vom Stolzsein rede? Verwechsle ich da nicht zwei völlig unterschiedliche Emotionen?

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Illustration: Julia Schubert



Stolz – das ist zunächst einmal etwas, das ich mit der Beziehung zu meinen Eltern verbinde. Und das von Anfang an: Schon kurz nach der Entbindung werden Eltern mit dem Attribut stolz versehen. Dies liegt wohl weniger daran, dass man ihnen Respekt dafür zollt, die schwierigen Etappen auf dem Weg zur Geburt gemeistert zu haben (Zeugung, Alkohol- und Rauchverbot, regelmäßige Arztbesuche, Kauf von Stramplern, Windeln und Spielzeug), sondern um kenntlich zu machen, dass sie sich über ihr neues Kind freuen. In diesem Fall konstruiert sich Stolz aus dem innigen Verhältnis zwischen den Generationen, aus der Tatsache, dass der kleine, „unfertige“ Mensch, der da gerade sachte von links nach rechts gewogen wird, die fleischgewordene Essenz der Liebe des Elternpaares darstellt. Eltern – also auch meine - dürfen stolz auf ihre Kinder sein.

Schließlich tragen diese auch aktiv einen beachtlichen Teil zur Persönlichkeitsentwicklung ihres Abkömmlings bei. Je älter der Säugling wird, desto deutlicher wird es, dass er mehr als ein determiniertes Bündel von Genen und Chromosomen ist: Er lacht, weint – lernt. Und nach und nach, vielleicht schon, wenn die ersten eigenen Gehversuche gelingen, stellt man einem Kind frei, selbst stolz zu sein. Von da an beginnt ein lebenslanger Kampf um die Zufriedenheit mit sich, der ausgewogenen Hochachtung vor der eigenen Person. Eltern – hoffentlich auch meine – bleiben weiterhin stolz auf ihre Kinder, der Stolz aber verlagert sich weitgehend dorthin, wo er auch hingehört: Auf das Selbst.

Bedeutet dies nun, dass ich völlig neben mir stehe? Irgendwo dort, abseits meiner Person, wo mein Gefühl und Stolz gelandet ist? Bin ich zu einem verbitterten Vater mutiert, der brüllend am Spielfeldrand steht, um seinen Sohn anzuspornen, auf welchen er seine zerronnen Sehnsüchte projiziert? Oder stehe ich so neben der Realität, dass ich stolz auf andere bin, wie manche stolz darauf sind deutsch zu sein oder einen Geländewagen zu besitzen?

Natürlich bin ich nicht auf diesen Fragen sitzen geblieben und habe nachgeforscht: Die pathologische Form von Stolz wird, nach der Psychoanalytikerin Karen Horney, als neurotischer Stolz bezeichnet. Hier ist ein zwanghafter Stolz gemeint, der sich beliebig auf das richtet, was einem gerade geeignet erscheint. Auf Unverletzbarkeit, auf Selbstlosigkeit oder auf Ehrlichkeit. Immer mit dem Ziel, die eigenen Schwächen und Unvermögen als Stärken zu tarnen.

Gibt es eine Grauzone? In der Fremdstolz moralisch vertretbar ist?


Naja, so streng will ich dann auch nicht mit mir sein. Außerdem scheint diese Schablone nicht ganz auf die Beziehung zwischen zwei Menschen zu passen. Gibt es also eine Grauzone, in der so etwas wie Fremdstolz moralisch und psychologisch vertretbar ist?

Zur Klärung der Frage, zurück zum „klassischen“ Stolz – also den, den man hat, wenn man mit einer Eins in der letzten Ex am Mittagstisch erscheint. Auch diese Form kennt zwei Gesichter: Er kann entweder ein gesundes Selbstbewusstsein beziehungsweise Selbstachtung ausdrücken oder zur Eitelkeit und Hochmut verkommen. In letzterer Variante stellt Stolz sogar die erste der sieben Hauptsünden der römisch-katholischen Kirche dar, bei Thomas von Aquin steht Stolz sogar noch über den Hauptsünden! Hier wird deutlich, dass Stolz sich immer an einem gesellschaftlich tradierten Wertehorizont orientiert und das Gefühl meint alles richtig gemacht zu haben. Aber wie hilft mir das jetzt weiter, richtig in meiner Angelegenheit zu entscheiden?

Irgendwo zwischen Ausrede und Antwort bewegt sich der Ratschlag an mich selbst: Leg deine Schwarz-Weiß-Brille ab! Freu dich über den Erfolg deines guten Freundes, bleib dir dabei bewusst, dass er die Leistung selbst erbracht hat und nicht darauf angewiesen ist, dass du ihm dies bescheinigst – obwohl das selbstverständlich eine freundliche Geste ist. Und einen Geländewagen braucht in der Stadt kein Schwein, also denk gar nicht daran!

Nach diesem Fazit kann die Kategorie „Fremdstolz“ ad acta gelegt werden. Es bleibt: Die Notwendigkeit zur Unterscheidung zwischen gut gemeinten Ausdruck von Anerkennung und zwangsneurotischem Wahnsinn. Wer dieser fähig ist, erlebt hoffentlich einen stolzen Augenblick.

Text: julian-schmitzberger - Illustration: Yinfinity

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