Tennis - eine Liebeserklärung

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Zum Beispiel Thomas Muster. Und daneben Roger Federer. Da genügt doch ein Blick. Ein Einziger. Und man weiß alles über die jeweilige Zeit, in der die beiden die ATP-Weltrangliste anführten. Die mittleren Neunzigerjahre, genauer das Jahr 1996, und noch genauer waren es auch nur vier Tage im Februar, aber immerhin vier Tage, in denen mit Muster ein Österreicher - ohne Skier - Weltmeister war. Und dagegen dieses Nichts von einer Zeit zwischen 2004 und 2008, die Federer dominierte.

Im Jahr, in dem Thomas Muster Nummer eins der Tennis-Welt war, veröffentlichten Rage Against The Machine mit „Evil Empire“ eines ihrer meistunterschätzten Alben (und eines der meistunterschätzten Alben überhaupt), Beck schrieb „Odelay“. Im Kino liefen „From Dusk Till Dawn“ und in „Trainspotting“ gab es nicht nur dem Untertitel gemäß „Neue Helden“. Federers erste Zeit an der Spitze war dominiert von Ben-Affleck-Filmen und endete mit dem Karrierebeginn von Justin Bieber (die Karrieren der beiden verliefen anschließend auffallend parallel). Das sind keine Zufälle.  

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Illustration: Julia Schubert

Teutonisch tumb: Von Boris Becker was über den Zeitgeist lernen.

Es wird gerade besonders viel über Fußball geschrieben. Dieses Finales wegen. „Man spielt deutsch“, „Länderspiel“. Dieser ganze Kram. Viel auch darüber, was sich am Spiel fürs echte Leben ablesen lässt. Chirurgen werden Protagonisten riesengroßer Reportagen, weil sie mit Dortmund-Mützen Schalke-Fans operieren. Und Camus wird wieder oft zitiert: „Alles, was ich schließlich am sichersten über Moral und menschliche Verpflichtungen weiß (...), habe ich bei RUA gelernt.“ Der Philosoph stand bei Racing Universitaire in Algier im Tor. Und er mag Recht haben mit seiner Einschätzung, dass Fußball Anthropologie ist.  

Allerdings lehrt der Sport nur vom Menschen an sich. Der Menschheit. Deshalb hat sich das Spiel auch kaum verändert, seit es im römischen Reich noch mit Speeren und Schwertern gespielt wurde und echte Kaiser statt Franz und Uli die Daumen hoben oder senkten. Wer den Zeitgeist sehen will, den Menschen also, der den Veränderungen der Jahrzehnte unterworfen ist, der muss Tennis schauen. Die dominierenden Spieler waren fast ausnahmslos Kinder ihrer Zeit:  

Andre Agassi, der Ende der Achtziger in Radlerhosen und mit einer Frisur, über die selbst Van Halens David Lee Roth zweimal nachgedacht hätte, zum Star avancierte. Eine Zeit übrigens, in der Tennis endgültig jede aristokratische Noblesse abgelegt hatte und zum Breitensport geworden war. Gerhard Polt: „Heutzutage spielen Menschen Tennis, die hätte man früher aus dem Bierzelt geworfen!“ Und was anderes als Ausdruck der Emanzipation soll es sein, dass die Damen inzwischen mit der gleichen Härte auf die Filzkugeln eindreschen?  

Björn Borg oder Stefan Edberg als Beispiele für die zeitlos reduzierte skandinavische Eleganz. Jimmy „Jimbo“ Connors, der in den ausklingenden Siebzigern ein Verhalten an den Tag legte, das stark an Nixons Flächenbombardements im Kalten Krieg erinnerte. Boris Becker: Das teutonisch Tumbe, das mit der Wiedervereinigung an Bedeutung gewann (erstmals Spitze 1991!).  

Und heute? Eine Ära von windigen Hemden, die auf dem Court herumschlurfen, als seien sie gerade vom Longboard geweht worden. Hipster. Langweilige Streber. Lebensoptimierer, an denen sich nichts und niemand stört. Federer, Đoković, Hewitt. Ein Muster hätte die auf dem Schulhof mit schwieliger Hand verprügelt. Zeit, dass sich wieder was ändert. Bringt Kante ins Spiel. Bringt Kante ins Leben! Bis dahin: eben doch noch kurz Wembley gucken.

Text: jakob-biazza - Foto: dpa

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