Tippspiele machen den Fußball kaputt

Teile diesen Beitrag mit Anderen:

Wenn der Moderator bei der WM 1998 Spiele von Ecuador oder Polen ankündigte, dann tangierte das die Pulsfrequenz der hiesigen Zuschauer nur peripher: Mannschaften aus dem Niemandsland der Weltrangliste - man hätte sich gefreut, dass überhaupt Fußball kommt und wäre den Alltagssorgen für zwei Stunden entronnen. Heute ist es mit der Interesselosigkeit vorbei und für die Zuschauer verbinden mit einem beliebigen Spiel ein ganzes Bündel von Mikrostressoren. Selbst bei Ecuador gegen Mainz sind sie auf der Couch so angespannt wie die Trainer auf der Bank. Auch wenn aktuell wieder Staatsanwälte und auflagenghysterische Magazine mögliche „Spiel-Verschiebungen“ und die Rolle der chinesisches Wettmafia untersuchen (und seit ein paar Wochen seltsam still sind): Dass man nicht einmal mehr während der Sportschau seine Ruhe hat, das ist der eigentliche Wettkandal. Kassensturz beim Fan Sportwetten, Tipprunden und Managerspiele: In den letzten Jahren sind rund um den Fußball immer mehr Angebote entstanden, die aus dem Zuschauen selbst einen Sport gemacht haben. Der Wettanbieter Betandwin hat europaweit inzwischen 450 000 Kunden, die im Jahr 2005 knapp 45 Millionen Sportwetten abgeschlossen haben. Im WM-Jahr werden voraussichtlich über eine halbe Million Menschen die Tipprunden-Infrastruktur von Kicktipp im Internet nutzen und auf den Seiten des Sportmagazins Kicker spielen weitere 500 000 Menschen eine Trainer-Simulation, bei dem man aus dem Spieler-Pool der Bundesliga eine Mannschaft zusammenstellt und für jede ge- oder missglückte Aktion „seiner“ Kicker Punkte gut geschrieben oder abgezogen bekommt. Nicht nur die Vereine sammeln an jedem Spieltag Punkte gegen Abstieg und Bedeutungslosigkeit. Auch der Fan macht jeden Sonntagabend Kassensturz auf seinen verschiedenen Punkte-Konten und den Parallel-Tabellen des Internets. „Ich verliebte mich in Fußball, so wie ich mich später in Frauen verliebte", schrieb Nick Hornby in „Fever Pitch", „Urplötzlich, unüberlegt und ohne einen Gedanken daran, welche Schmerzen mir das zufügen würde." Bereits im Begriff des Amateurs steckt der Liebhaber, Fan-Sein war immer dem bürgerlichen Ideal der romantischen Liebe verwandt und ökonomisches Kalkül hatte darin keinen Platz. Die Sympathie für einen Verein wurde vererbt wie eine Sequenz der kulturellen DNA. Für kein Geld der Welt hätte man dem eigenen Verein eine Niederlage gewünscht. Aber im Zeitalter von Betandwin und Tippwettbewerben ist der Konflikt nun vorprogrammiert. Oder soll ein Fan von Trindad&Tobago auf einen Sieg seiner Mannschaft gegen England setzen? Er kennt doch die Statistik. Die Klage über die Passivität des Publikums gehört zu den Standardsituationen der Kulturkritik und im Sport war die Kluft zwischen Konsumenten und Aktiven immer besonders tief. Sicher haben Brecht und Adorno bei der Aktivierung der Zuschauer nicht an Konzepte wie Casting-Shows, SMS-Teds und Tele-Votings gedacht, aber immerhin steht den Rezipienten damit ein Feedback-Kanal zur Verfügung. Im Fußball ist das anders. Zwar kennt Deutschland seit Jahrzehnten die Institution des „Tor des Monats“, aber die einzig wirkliche Möglichkeit, Spiele wirklich und tatsächlich zu beeinflussen, sind illegal wie etwa die Manipulationen von Robert Hoyzer und Signore Motti aus Turin. Wankelmütige Fußballfreude Bei Betandwin stieg die Anzahl der Neukunden um über 200 Prozent. Inzwischen ist das Logo des österreichischen Anbieters auf dem Bildschirm beinahe so präsent wie die Eins der ARD. Seit der staatliche Konkurrent Oddest das Kulturprogramm der Fußball Weltmeisterschaft unterstützt, haben die Buchmacher endgültig den Mief von Mario Puzos Mafiaromanen abgelegt. Und auch wenn das Verfassungsgericht den deutschen Monopolisten vor kurzem dazu verpflichtete, seine Werbeaktivitäten einzuschränken und die Spiel-Sucht zu bekämpfen, sind Wettfieber und Tippleidenschaft doch längst bis in die Mikrofaserporen der Trikotsätze vorgedrungen, die sich Amateurkicker bei Betandwin kostengünstig bestellen können. Zwar haben die Zuschauer immer noch keinen Einfluss auf die Ergebnisse, aber immerhin dürfen sie sich wie kleine Trainer und große Experten fühlen. Mit der Aktivität geht dabei aber die Gefahr der Entfremdung einher. Die Anhänger von Bayern, Schalke oder Hamburg haben Glück, da sie selten gezwungen sind gegen ihr Herz zu setzen. Dafür sind sie nun regelmäßig dem Dilemma ausgesetzt, aus ökonomischem Kalkül heraus der Konkurrenz die Daumen drücken zu müssen. Oder wie wahrscheinlich ist es, dass der HSV gegen die wankelmütigen Künstler aus Duisburg verliert? Und wo der Fernseh-Fan früher aus der aktuellen Situation heraus Sympathie verteilte an Karnevalsvereine und tapfere Außenseiter, da dominiert heute der Geist des Kapitalismus. Den finanziell benachteiligten Außenseitern geht so auch noch das durch Daumendrücken akkumulierte Kollektiv-Karma verloren.

Default Bild

„Meist schweißt es die Partner eher zusammen, wenn sie gemeinsam die Depression überstehen”, sagt Dr. Gabriele Pitschel-Walz.

Illustration: Julia Schubert

Angesichts der Vielzahl der Wettangebote sind inzwischen multipel gespaltene Persönlichkeiten denkbar, die unter dem Stichwort Sportschau-Schizophrenie einen Eintrag im Pschyrembel verdient hätten. Denn oft ist der Zuschauer nicht nur aktiv, sondern hyperaktiv. Ein Fan aus Costa Rica könnte heute etwa schweren Herzens eine Oddset-Wette auf einen Sieg der deutschen Mannschaft im Eröffnungsspiel abschließen und in seiner privaten Tipprunde etwas optimistischer auf ein Unentschieden tippen. Vielleicht hat er dann aber noch Michael Ballack in seiner Startelf beim Managerspiel. Wenn der deutsche Spielmacher nun in der 87. Minute das Spiel per Eigentor entscheidet, dann ist der Rollenkonflikt komplett und fiktive Fan aus Mittelamerika hat nur noch eine Chance: Falls er das Spiel live verfolgt, kann er im Internet noch hastig eine Livewette auf seine Mannschaft abschließen und so das Schlimmste verhindern. Dann „hedged“ der Fan in Echtzeit wie ein Daytrader, der sich mit Derivaten und Optionsscheinen gegen die Risiken der Finanzmärkte absichert, Homo fanaticus und Homo oeconomicus sind endgültig verschmolzen. Übrigens: Wer heute bei Betandwin zehn Euro darauf setzt, dass Deutschland bei der WM mit drei Niederlagen bereits nach der Vorrunde ausscheidet, kann sich am Abend des 20. Juni über 5 760 Euro freuen. Bilder: dpa Mehr über die Fußball-WM bei jetzt.de: - ein Fall für Zwei: Wird Deutschland Fußball-Weltmeister 2006? - ein Gespräch zwischen Glenda Almeida dos Santos und Martin Hofman, die als Helfer bei der WM arbeiten. - ein Interview mit den Machern der Seite wmticketsgewinnen.de - ein Einblick in die Münchner Hooligan-Szene vor der WM. - ein Porträt des jungen Polizisten Jörg, der beim Spezialkommando der Polizei während der Weltmeisterschaft für Sicherheit sorgen soll. - eine Sexkritik über Fußball in deutschen TV-Serien und Kino-Filmen. - eine Serie über die zur WM veränderten Lebensmittel in unseren Supermärkten: vom Milka Fußball-Mix über die Maggi Fußball-Suppe, die Müller Ecke des Monats bis zum schlanken Comeback der Cola-Dose. Und die jetzt-WM sagt dir einen Tag vor dem echten Spielen die Ergebnisse voraus.

  • teilen
  • schließen