Von der Asche- zur Datenwolke

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Auf Gavin Pretor-Pinney und seine Freunde von der „Cloud Appreciation Society“ wird in den nächsten Monaten viel Arbeit zukommen. Denn die Wolke, ihr Objekt der Verehrung, hat nach den Frühlingflatulenzen des isländischen Vulkans Eyjafjallajökul ein Imageproblem. Nach mehreren Nächten auf den Plastikschalen einer Flughafenlobby würde wohl jedem Pretor-Pinneys hippiemäßiger Kampf gegen „blue-sky-thinking“ wie böser Zynismus vorkommen. Die Aschepartikel scheinen nicht nur europaweit den Flugverkehr lahmzulegen, auch der Humor bewegt sich derzeit eher in Bodennähe. Dass eine Facebook-Gruppe wie „Es war keine Aschewolke! Chuck Norris hat die Grillsaison eröffnet :)“ eher Gähnen hervorruft , ist bestimmt nicht allein der Frühjahrsmüdigkeit zuzuschreiben. Dabei ist es nicht neu, unerklärbare Wolkenphänomene mit dem Wirken von übersinnlichen Wesen in Verbindung zu bringen: Was heute Chuck Norris ist, hieß vor 2000 Jahren noch Gott und die Rolle des omnipräsenten Hyperleitmediums mit schwerkalkulierbaren Nebenwirkungen war damals nicht Facebook, sondern die Bibel.

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Illustration: Julia Schubert

Dort ist über eine Begegnung von Mose mit Gott zu lesen: „Sobald aber Moses das Zelt betrat, ließ sich die Wolkensäule herab und stand am Zelteingang, und Gott sprach mit Moses. Das Volk sah die Wolkensäule am Zelteingang stehen. Da erhoben sich alle Leute und warfen sich an ihrem Zelteingang voll Ehrfurcht nieder.“ Beim Auszug aus Ägypten tritt eine Wolke sogar ganz deutlich in verkehrsverhindernder Funktion auf: „Sie kam zwischen das Lager der Ägypter und das Lager der Israeliten. Die Wolke war da und Finsternis, und Blitze erhellten die Nacht. So kamen sie die ganze Nacht einander nicht näher.“ Man muss nicht besonders bibelfest sein, um zu erkennen, dass das verhinderte Aufeinandertreffen in diesem Fall seine Vorteile hatte. Vielleicht hat uns ja auch die ach so apokalyptische Aschenwolke des Eyjafjallajökull letztlich vor schlimmeren Schicksalen bewahrt? Oder am Ende gar kollektiv-therapeutische Wirkung gehabt? Pretor-Pinneys „Cloudspotter‘s Guide“ ist eine Art Vereinsmagazin der Cloud Appreciation Society. Dort wird die positive Wirkung kontemplativer Wolkenbetrachtung gepriesen, unter anderem soll sie als Ersatz für die Psychotherapie geeiget sein. Das vermehrte Auftreten reisestressbedingter Traumata in den letzten Wochen wird aber vermutlich nicht die Ursache sein, dass vom Cloudspotter’s Guide bei Amazon.de aktuell nur noch fünf Exemplare vorhanden sind. Zum Glück hat Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer das Buch noch nicht zur Pflichtlektüre für alle Ministeriumsmitarbeiter erhoben.

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Illustration: Julia Schubert

Unverhoffte Hilfe könnte der Cloud Appreciation Society von einem Ort zukommen, an dem sie sich als aufrichtige Naturfreunde eher selten aufhalten: aus der digitalen Welt. Die sei nämlich schon längst eine einzige „cloud-culture", behauptet der selbsternannte amerikanische „Innovationsberater“ Charles Leadbeater. Mit Kastenbrille und Dreiviertel-Glatze bringt Leadbeater nicht nur den für einen waschechten Zukunftsguru unverzichtbaren Anti-Charme (s. Bill Gates, Steve Jobs) mit. Die Form, in der wir unsere Daten heute nicht mehr auf unseren eigenen Festplatten horten, sondern zunehmend auslagern auf externe Server, auf die jeder unbegrenzt zugreifen kann, käme einer Wolke gleich. Majestätisch, erhaben, aber auch flüchtig und immer in Bewegung. Wikipedia ist ein Paradebeispiel so einer Wissenswolke. Webseiteninhalte werden heute in „tag-clouds“ visualisiert und auch neuartige Arbeitsinfrastrukturen wie die der digitalen Boheme funktionieren nach dem Prinzip Wolke: Feste Bindungen an einen Arbeitgeber sind passé, im Netz liegt der nächste Arbeitsauftrag nur einen Klick entfernt. Im Web ist längst Realität, was sich Pretor-Pinney und Co. auch für die unvernetzte Welt wünschen: Je dichter die Bewölkung, desto besser die Stimmung. Denn hohes Wolkenaufkommen bedeutet eine hohe Auftragslage, strahlend blauer Himmel dagegen Ebbe im Portemoneé. Ganz so selbstverwirklichungsromantisch stellt sich die neue Wolkenkultur aber nicht dar. „Cloud-control“ und „Cloud-capitalism“ heißen die Schreckgespenster, die die Idylle bedrohen, gesteuert werden sie von den Datenkraken Google, Microsoft und Apple. Denn mit der wachsenden Offenheit und Flexibilität des Netzes sinkt auch seine Sicherheit. Sensible persönliche Daten sind so schnell auch für jene verfügbar, vor denen wir sie eigentlich lieber bewahren wollten. Längst hat das Netz eine Macht über unseren Alltag bekommen, die bei Missbrauch zu viel größeren Schäden anrichten kann, als es der Eyjafjallajökull in diesem Frühjahr getan hat. Statt einer Aschewolken-Taskforce bräuchte es dann wohl eine Datenwolken-Taskforce Vielleicht sollten Pretor-Pinney und Leadbeater gemeinsam nach einem Ausweg aus der Imagesackgasse suchen und ein Strategiepapier anlegen. Der Titel könnte lauten: „Alles Gute kommt von oben.“

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