„Du hast viel gesehen von der Welt und hast auch nie zuwenig Geld. Die Accessoires sind schon perfekt, doch eins hast du noch nicht gecheckt: Die glatte Haut im Gesicht, nein darauf stehen die Frauen nicht.“ Die Ärzte, „3-Tage-Bart“ Prinz William hat keinen Vollbart mehr. Britische Zeitungen veröffentlichten am Mittwoch Bilder des 24-Jährigen mit seiner Freundin Kate Middleton, auf dem der Prinz ein glatt rasiertes Gesicht hat. Nächste Woche tritt er seinen Militärdienst bei den Rettungsfliegern an und da ist ein Bart nicht erlaubt. Ich bin neidisch auf Prinz William. Nicht weil er Royal ist und Kate Middleton seine Freundin und erst recht nicht, weil er jetzt Flugzeuge fliegt. Das wäre mir alles viel zu anstrengend. Ich bin neidisch auf seinen Bartwuchs. Mittlerweile bin ich Ende 20 und in meinem Gesicht wächst zwar etwas, was man mit etwas Wohlwollen als „Drei-Tage-Bart“ interpretieren könnte, aber dieses Gekräusel hat wesentlich mehr Zeit in Anspruch genommen als drei Tage. Eher so drei Wochen, vielleicht auch fünf. Immerhin. Immerhin wächst jetzt irgendetwas in meinem Gesicht. Auch das war lange Zeit nicht so.

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Ich war 15, als mein bester Freund mit einem Ziegenbart in die Schule kam. Ziegenbärte sind ein eigenes Thema, aber damals waren „Goaties“ ziemlich angesagt. Plötzlich veränderte er sich. Sein Auftreten wurde selbstbewusster und sicherer. Die Mädchen, die Lehrer, die Typen aus der 11. – alle verhielten sich ihm gegenüber anders, irgendwie respektvoller. Immer wenn er meinte, etwas Wichtiges sagen zu müssen, strich er sich mit seiner linken Hand über den Bart. Das war eine Denkerpose! Daraufhin wollte ich auch so einen Kinnbart haben. Ich wartete drei Tage, doch nichts passierte. Dann begann ich zu rasieren, weil ich gehört hatte, dass der Bart schneller wächst, wenn man oft rasiert. Das ist übrigens nicht wahr. Kein Haar wächst schneller, bloß weil man es schneidet. Als ich genug rasiert hatte, begann ich wieder zu warten. Nach zehn Tagen kroch langsam ein lichter Flaum aus meiner Gesichtshaut. Weg damit, dachte ich mir. Denn nichts sieht schlimmer aus als ein Bart, der kein richtiger ist. Bei einem glatten Gesicht kann man sich noch auf modische Pseudoargumente stützen. Flaum dagegen tragen nur 14-Jährige mit Migrationshintergrund, deren Kultur es verlangt, jedes Anzeichen von Männlichkeit, sei es auch noch so lächerlich, zu zelebrieren. Männer mit Vollbart wirken attraktiver und netter. Im Rahmen einer Studie wurden vor ein paar Jahren männlichen und weiblichen Probanden Fotos von Männern mit und ohne Vollbart vorgelegt. „Obwohl alle Abgebildeten gleich ausdruckslos schauten, wurden die Bärtigen im Durchschnitt von den Versuchspersonen eindeutig positiver beurteilt“, lautete das Fazit. Als Bartloser ist man zu einem gewissen Grad von der Modewelt ausgeschlossen. Das ist so, wie wenn plötzlich alle Menschen bis zu Schuhgröße 43 grüne Wildlederschuhe tragen würden, man selbst aber Schuhgröße 44 hat und in dieser Größe gibt es keine grünen Wildlederschuhe. Selbst wenn man solche Schuhe total blöd findet, man fühlt sich in seinen Möglichkeiten beschränkt. Es ist gar nicht so, dass ich unbedingt einen Vollbart haben möchte. Eigentlich stellte ich es mir ziemlich unangenehm vor, so viel Gestrüpp im Gesicht zu haben. Wahrscheinlich müsste ich jeden Morgen, bevor ich das Haus verlasse, im Spiegel prüfen, ob sich nicht Nutella oder Eireste darin verfangen haben. Kratzen würde er auch und Pickel darunter müsste man ewig suchen. Außerdem haben Vollbärte etwas Altbackenes und Pseudointellektuelles. Ich will auch nicht wie der Freund von Judith Holofernes und diese ganzen Berlin-Mitte-Nichtsnutze aussehen. Mir geht es gar nicht um den Vollbart an sich. Mir geht es um die Möglichkeit, einen zu haben. Ich möchte frei darüber entscheiden zu können, wie viele Haare in meinem Gesicht wie wachsen. Aber die Natur macht mir einen Strich durch die Rechnung und verordnet mir zwangsweise jugendliches Aussehen. Immerhin, die Zeit ist auf meiner Seite. Ich werde warten. Und während ich warte und mein Bart langsam wächst, sprießen die Haare der Bärtigen auch an deren Brust, Rücken und an allen anderen Stellen, an denen man als Bartloser mit Haarlosigkeit gesegnet ist. So gesehen ist die Aufteilung dann doch gerecht.

Text: philipp-mattheis - Foto: photocase.de/froschperspektive