Warum die TV-Serie Mad Men der Gleichberechtigung dienlich ist

Wie ausgerechnet die TV-Serie Mad Men dazu führte, dass unser Autor die Emanzipation verstand
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Männer, die über Emanzipation sprechen, fallen in eine der folgenden Kategorien: - Sie finden starke Frauen gut, möchten aber, wenn sie sich es aussuchen können, lieber eine Frau heiraten, die die Kinder erzieht und außerdem jeden Abend ein warmes Essen auf dem Tisch. "Verbale Aufgeschlossenheit bei weitgehender Verhaltensstarre", nannte der Soziologe Ulrich Beck das. - Sie sind Sozialpädagogen, essen den ganzen Tag Müsli und haben Verständnis für jede Form von Randgruppe – auch für al-Quaida. - Sie glauben, dass die Welt in den 50ern noch in Ordnung war, und würden, wenn sie es könnten, die Welt zurückdrehen. Ich fiel bisher unter Kategorie eins mit einer kleinen Portion Kategorie zwei. Ich bin der Sohn einer allein erziehenden, berufstätigen Mutter, ich arbeite gerne mit Frauen zusammen, ich finde es inakzeptabel, wenn Frauen für die gleiche Arbeit weniger Geld verdienen als Männer. Ich bin gegen klassische Rollenmodelle und halte es für vollkommen normal, wenn eine Frau meinen Computer repariert. Ich koche gern und meistens für meine Freundin. Ich bekomme allerdings Bauchschmerzen bei dem Gedanken, die Kinder zu wickeln, während sie Karriere macht. Strukturelle Unterschiede zwischen Mann und Frau gibt es heute zumindest pro forma nicht mehr. In meinem Bekanntenkreis kenne ich niemanden, der etwas von „Herd und Heim“ faselt. Mädchen oder Frauen, die die ganze Zeit über den Sexismus der Gesellschaft sprechen, finde ich deswegen überspannt, erst Recht, wenn sie auch noch unrasierte Beine haben. Ich mag Unterschiede zwischen den Geschlechtern; keine dogmatischen, aber ich halte Frauen die Tür auf und und glaube insgeheim, dass eine Frau, die nichts außer Karriere machen will, nicht wirklich glücklich wird. Männern traue ich das schon eher zu. Feministinnen werden an dieser Stelle schon einen latenten Sexismus in meinem Charakter festgestellt haben.

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Illustration: Julia Schubert

Ein Freund von mir, der sich selbst durchaus als emanzipiert bezeichnet, drückte es kürzlich so aus: „Eine Frau kann sich von mir aus schon wie ein Mann verhalten, nur will ich dann nicht mehr mit ihr ins Bett“. Das dachte ich lange Zeit auch: Man kann niemanden zwingen, mit jemanden anderen ins Bett zu wollen. Das ist irgendwie totalitär, von jemanden zu verlangen, etwas gut zu finden. Ich denke jetzt anders. Schuld daran sind ein paar verrückte Männer. Die Serie Mad Men spielt Anfang der 1960er in einer New Yorker Werbeagentur. Nicht viel passiert, doch Veränderung liegt wie ein Damoklesschwert in der Luft. Es ist die Zeit kurz vor der Bürgerrechtsbewegung, den Rassenunruhen, der Studentenrevolte, Emanzipation und der Erkenntnis, dass Rauchen Krebs verursacht. In „Mad Men“ tragen die Männer Anzüge und Hüte, sie rauchen und trinken, den ganzen Tag, vor allem während der Arbeit. Manche von ihnen sind unsympathische Karrieristen, Schleimer und Rassisten, manche liebevolle Väter, Querdenker und Unikate. Doch alle strahlen sie Souveränität aus. Ihre Gesten und Mimik sind perfekt und verleihen jedem ihrer Worte noch mehr Bedeutung. In ihren Mundwinkeln hängte eine Zigarette, in ihrer Hand ein Whiskey-Glas - ohne Eis. Es ist diese Cowboy-Kargheit, diese Entschlossenheit, die für Männer noch heute als anziehend gewertet wird. Solche Männer sind einfühlsam, doch nie sentimental, haben Erfahrung, ohne dabei arrogant zu sein, sie treffen immer die richtige Entscheidung und diese schnell. Diese Männer haben nichts mit der "Eigentlich-Irgendwie-Man-müsste-mal"-Generation heutiger Tage gemein: Sie zweifeln nicht und wenn sie falsch liegen, scheitern sie wie tragische Helden. Jeder Mann wäre gerne so cool wie Don Draper. Manche Männer wären außerdem gerne wie Roger Sterling, für den außerehelicher Sex genauso normal ist wie acht Whiskeys und zwei Schachteln Zigaretten pro Tag. Nur gibt es in "Mad Men" keine einzige Frau, in deren Haut man gerne stecken würde. Betty, Drapers Ehefrau, langweilt sich als Hausfrau zu Tode. Joan, deren Figur in den USA gerade runden weiblichen Formen wieder zu einer Renaissance verhilft, ist eine Art Vorarbeiterin unter den Sekretärinnen. Anerkennung bekommt sie für ihr gepflegtes Äußeres und die Fähigkeit, dafür zu sorgen, dass Männer sich während ihrer Arbeit wohlfühlen. Alle anderen Frauen sind entweder kichernde Tippsen, die sich ausschließlich für Männer und Lippenstifte interessieren, oder frustrierte Hausfrauen. Sie sind inhaltsleere Geschöpfe, von klein auf dazu getrimmt, Männern zu gefallen. Nur Peggy gelingt es, sich einen Platz in der Männerdomäne mühsam zu erkämpfen. Der Preis, den sie dafür bezahlt, ist hoch: Ihre Attraktivität und ein Baby, das seine Mutter nicht kennt. „Mad Men“ ist ein Sittengemälde über das Ende einer Welt, in der ein paar wenige Männer ein sorgloses Leben führten auf Kosten vieler anderer. Die tragischen Frauenschicksale, die Bigotterie, der latente Rassismus wiegen die wenigen coolen Männerfiguren bei weitem nicht auf. Es gibt diese Welt heute so nicht mehr. Aber manchmal ist es gut, an sie erinnert zu werden, und daran, wie viel Kraft nötig gewesen sein muss, sie zu überwinden. Frauen wie Betty und Joan mögen für Männer auch heute noch hin und wieder bequem sein: Sie sehen gut aus, hören auf zu arbeiten, wenn sie schwanger werden und kochen das Essen. Doch nichts ist langweiliger und trauriger, als Menschen, deren Lebensinhalt darin besteht, anderen zu gefallen. Und Männer wie Don Draper funktionieren nur, wenn es Frauen wie Betty und Joan gibt. Ohne gutaussehende Barbiepuppen an ihrer Seite verwandeln sie sich in anachronistische Clowns.

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