Wie ich einmal zur Zicke wurde

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„Lass uns heute auf diesen Berg hoch gehen, ja?", sagte sie.
„Ich weiß nicht", sagte ich. „Ich fühle mich heute nicht so gut, ich habe Kopfweh."
„Du hast doch sonst nie Kopfweh", sagte sie.
„Na, und? Heute habe ich aber Kopfweh. Was kann ich dafür?"
Am darauffolgenden Tag wachte ich auf und hatte schlechte Laune. Einfach so. (Meine Launen ähneln sonst eher den gleichmäßigen Kaubewegungen eines Rindviechs auf einer Weide.) Sie sagte, lass uns etwas essen gehen.
„Tut mir leid, ich habe keine Lust."
„Aber du hast immer Lust auf Essen", sagte sie.
„Na, und?", fuhr ich sie an. „Jetzt habe ich eben keinen Appetit, wo ist das verdammte Problem?"
Ich verließ das Zimmer, knallte die Tür hinter mir zu und war dabei, eine interessante Entdeckung zu machen. Ich war auf dem Weg in ein Land, in das Männer eigentlich keinen Zutritt haben. Ich reiste zu den Ursprüngen des Zickigseins.

 

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Illustration: Julia Schubert



Es gab überhaupt keinen Grund, mies drauf zu sein. Wir waren im Urlaub, das Essen war wunderbar, vor uns lag der Himalaya und der Himmel schien so nah, wie nirgends sonst auf der Welt. Die Menschen in dieser Stadt hatten alle Grinsegesichter. Nur verstand ich kein einziges Wort. Alles war auf Chinesisch, und selbst, wenn ich ein paar Wörter verstanden hätte, wäre Lesen noch immer unmöglich gewesen. Ich fühlte mich wie ein Analphabet, vollkommen auf die Hilfe meiner des Chinesisch kundigen Freundin angewiesen.

Die ersten Tage verliefen noch sehr harmonisch, will heißen: Mein Verhalten war im grünen Bereich. Ich wusste ja, worauf ich mich einlasse: Ein fremdes Land, in dem ich noch nie gewesen war, dessen Sprache ich nicht spreche und dessen Bewohner nur in den seltensten Fällen etwas Englisch können. Mir war klar, dass ich in den folgenden Wochen das Zepter der Entscheidungen an meine Freundin überreichen müsse, um weiterhin ein menschenwürdiges Leben zu führen, das ohne wildes Gestikulieren und Kehllaute wie „dis da, hm, eheh, nnnnnhhh, nononono!" auskommt. Nur unterschätzte ich, wie sich dieser Verlust der Souveränität auf mein Verhalten auswirken würde. Schleichend veränderte ich mich. Ohne es zu merken, überschritt ich die Grenze und betrat Zickenland.

„Möchtest du diese Dinger mit Fleisch oder ohne?", fragte sie mich am Mittag des dritten Tages.
„Mit Fleisch", antwortete ich und sie sagte etwas auf Chinesisch zu einer kleinen hutzeligen Frau, die eine frappierende Ähnlichkeiten mit einem Faltenhund aufwies. Ich bekam welche mit Gemüse.
„Ich wollte welche mit Fleisch", sagte ich.
„Ich weiß, aber die Frau hat gesagt, es gibt nur noch welche mit Gemüse."
Etwas mürrisch aß ich die Gemüse-Teigtaschen, sie schmeckten nicht schlecht, musste ich mir eingestehen. Aber ich schob meinen Teller beiseite und sagte: „Wenn sie nicht mit Fleisch sind, habe ich keinen Bock."

Ich habe bis heute nur wenig engere Beziehungen zu „zickigen Frauen" gehabt. Vielleicht hat das mit einer gewissen Form der Milieu-Blindheit zu tun, aber ich habe den Eindruck, die „Zicke" ist eine langsam aussterbende Ausprägung des weiblichen Wesens. Moderne Frauen sagen, was sie wollen, und tun, was sie sagen. Sprunghafte Launen, unerklärliche Kopfwehattacken, unbegründetes Rumpampen sind für solche Menschen unnötige Verhaltensweisen. Darin unterscheiden sich junge Frauen kaum noch von jungen Männern. Das ist eine sehr erfreuliche Begleiterscheinung der Emanzipation. Doch auch wenn die Zuordnung „Zicke = weibliche, launische, anstrengende Person, die aus Kleinigkeiten ein Riesenproblem macht", ist die Zicke im öffentlichen Bewusstsein noch stark vertreten. Gerade trieb Sarah Dingens aus dem Dschungelcamp mit ihrem egozentrischen und divenhaften Auftreten Campbewohner und Zuschauer in den Wahnsinn. Desiree Nick (ebenfalls Ex-Dschungelcampbewohnerin) ist eine, und Paris Hilton bestimmt auch.

Nur selbst hatte ich mit solchen Frauen so gut wie nichts zu tun. Ich mag Zicken nicht und Zicken mögen mich nicht. Ich denke: Prinzessin auf der Erbse, fick dich! Und zeige nicht die geringste Bereitschaft, zickigen Frauen die Aufmerksamkeit und Bewunderung entgegen zu bringen, die sie so dringen für Zickigsein benötigen. Doch jetzt war ich dabei, selbst zu einer zu werden.

Sie hatte ein Hotel gebucht für uns beide. Ich bin kein Freund von Hotelbuchungen, ich suche mir lieber eines vor Ort. Aber das Zimmer war sauber, nicht zu teuer und für chinesische Verhältnisse auch ganz ansprechend dekoriert. Als ich es sah, murrte ich. „Es liegt viel zu weit von der Innenstadt entfernt. Da müssen wir ja mindestens 20 Minuten zu Fuß gehen!"
„Stell dich nicht so an. 15 Minuten sind nicht lange und dafür ist es ruhig gelegen."
Ich sagte: „Unter keinen Umständen laufe ich jeden Tag eine halbe Stunde durch eine versmogte chinesische Stadt!"

Ich war undankbar, unfair und unfreundlich. Nichts sprach dagegen, 15 Minuten zu Fuß zu gehen und nichts sprach gegen dieses Hotel. Wenn ich des Chinesischen mächtig gewesen wäre, hätte ich es wahrscheinlich selbst gewählt. Konnte ich aber nicht. Ich konnte außer meiner Bekleidung überhaupt nichts mehr wählen. Alles lag in den Händen einer von mir zwar geschätzten und geliebten Person, aber eben nicht in meinen Händen. Ich fühlte mich wie eine hübsche, blauäugige Puppe, geschaffen, um das Prestige ihrer Besitzerin zu steigern. Aber jeder Mensch, Zicke oder nicht, will Entscheidungen selbstständig treffen. Wird er seiner Autonomie beraubt, sucht er sich Ersatzstrategien.

Schon nach wenigen Tagen hatte ich raus, wie das geht. Man muss sich das als einen eher unbewussten Prozess vorstellen. Ich täuschte kein Kopfweh vor, es fühlte sich wirklich ein bisschen schwummrig an. Meine Laune schlug tatsächlich von einem Moment auf den anderen von hardcore-entspannt zu Leck-mich-doch-am-Arsch-und-lass-mich-in-Ruhe um. Ich hätte dagegen ankämpfen können, aber mein Verhalten hatte Vorteile für mich: Über kleine, hinterfotzige Umwege versuchte ich, ihre Entscheidungen zu boykottieren und so wieder selbst Herr über mein Leben zu werden. Ich war zur Zicke geworden.

Mir gelang es, Zickenland wieder zu verlassen. Mein Aufenthalt dort war auf die Dauer von zwei Wochen begrenzt. Ich weiß jetzt, dass jeder, egal ob männlich oder weiblich, in diesem Land der selbstverschuldeten Unmündigkeit landen kann. Und ich habe einen Rat für jeden, den es dort einmal hinverschlägt: Lern Chinesisch.

Text: philipp-mattheis - Illustration: Katharina Bitzl

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