„Wir handeln menschlich“

Im April wurde ein Regensburger Student von der Polizei erschossen. Noch ist unklar, ob die Beamten richtig handelten. Falls nicht, wäre dies nur menschlich. Das sollte auch die Politik verstehen.
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Wenn ein Wirtschaftsunternehmen sein Leitbild vorstellt, hat das vor allem Imagegründe. Von sozialer Verantwortung ist dann die Rede, von Vertrauen und Gewissenhaftigkeit. Dann „menschelt“ es plötzlich in einer Welt, die eher für Profitdenken und Gewinnmaximierung bekannt ist, denn für ethisches Moralbewusstsein. Leitbilder in der Wirtschaft sind meist Wunschbilder: Sie zeigen einen Entwurf dessen, wie man gerne sein würde, nicht zwingend davon, wie man tatsächlich ist. Auch die bayerische Polizei hat seit geraumer Zeit ein eigenes Leitbild. „Wir handeln menschlich“, heißt es darin explizit. Natürlich wäre es ungerecht, zu behaupten, auch dies sei ein Wunschbild. Und doch müssen sich acht Regensburger Polizeibeamte derzeit Zweifel an der Menschlichkeit ihres Handelns gefallen lassen. Anfeindungen durch die Bevölkerung gehören seit dem 30. April zu ihrem Dienstalltag. An jenem Tag wurde Tennessee Eisenberg bei einem Polizeieinsatz getötet (jetzt.de berichtete). 16 Mal schossen die Polizisten, zwölf Kugeln trafen den 24-Jährigen. Auch wenn als sicher gilt, dass der Musikstudent den Polizisten mit einem Messer gegenübertrat, bleibt weiterhin die Frage bestehen, warum acht ausgebildete Beamte die Situation nur mit tödlichen Schüssen lösen konnten.

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Illustration: Julia Schubert

Am 30. April 2009 wird der Student Tennessee Eisenberg, 24, von zwölf Polizeikugeln getötet. Zuvor soll er einen Beamten mit einem Messer bedroht haben. Die vergangenen Wochen waren für die am Einsatz beteiligten Polizisten wohl ähnlich belastend wie für Tennessee Eisenbergs Angehörige. Es wäre daher falsch, sie zu verurteilen, bevor die Umstände des Falles restlos geklärt sind. Als ebenso falsch erscheint es aber auch, dass Vertreter der bayerischen Politik und Justiz die Regensburger Polizisten schon jetzt von jeder Schuld freisprechen. Der zuständige Staatsanwalt sprach bereits am Tag des Vorfalls von „Notwehr“, der bayerische Innenminister hat keinen Zweifel daran, „dass Notwehr oder Nothilfe vorlagen“ – dabei war es ihm kürzlich noch „unbegreiflich, wie der Einsatz in Regensburg so eskalieren konnte“. Das Vertrauen der Politik in sein Personal scheint im Fall Tennessee Eisenberg grenzenlos zu sein. Freilich heißt es im Leitbild der bayerischen Polizei auch „Politiker sind unser Rückhalt und wahren unsere Interessen“; doch sollte der Vertrauensvorschuss wirklich so groß sein, dass jene zwei Beamte, die auf Tennessee Eisenberg schossen, schon kurze Zeit nach dem Vorfall wieder im Streifenwagen saßen? Erst als dies über die Medien bekannt wurde, reagierte der Innenminister und ließ die beiden Polizisten zurück in den Innendienst versetzen. Eine Maßnahme, die allein aus Schutzgründen gegenüber den eigenen Beamten sinnvoll erscheint. Natürlich könnte sich schon bald herausstellen, dass die Einsatzbeamten richtig gehandelt haben. Doch deutet zumindest zum jetzigen Zeitpunkt allein die hohe Anzahl der Schüsse nicht darauf hin, dass der Einsatz reibungslos verlaufen ist. Und sieben Schüsse, die von hinten auf Tennessee Eisenberg abgefeuert wurden, lassen die Notwehrthese fragwürdig erscheinen. Auch die Tatsache, dass die Beamten überhaupt in eine solche Notwehrsituation geraten sein könnten, spricht nicht für ein durchdachtes Vorgehen. Dabei wäre es doch nur menschlich, sollte sich letztlich herausstellen, dass die Polizisten einen Fehler gemacht haben. „Jeder ist ein Mensch, jeder macht Fehler“, sagt selbst Benedict Eisenberg, Tennessees jüngerer Bruder. „Wir handeln menschlich“, heißt es doch auch im Leitbild der Polizei. Derzeit wird es ruhiger um den Fall: Die Anwälte der Angehörigen sind mit der Auswertung eines 800-seitigen Polizeigutachtens beschäftigt, der Staatsanwalt wartet auf das Ergebnis einer zweiten Obduktion und Bayerns Politiker machen Sommerferien. Mit neuen Erkenntnissen ist in den nächsten Wochen also nicht zu rechnen, viele Fragen bleiben offen. Bis all diese Fragen geklärt sind, gilt nur zu hoffen, dass sich die bayerische Polizei wieder auf ihr Leitbild besinnt und aus Fairnessgründen zumindest in Erwägung zieht, dass zu menschlichem Handeln auch Fehler gehören können, die man eingestehen kann. *** Auf www.tennessee-eisenberg.de haben die Angehörigen eine Homepage mit weiteren Informationen eingerichtet.

Text: andreas-glas - Foto: privat

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