Unser Autor mischt sich einen Tag lang in jede Situation auf der Straße ein

Unter Freunden und Verwandten verteilt er sonst gerne kluge Tipps, bei Fremden würde ihm das nie in den Sinn kommen. Zeit, das zu ändern.
Von Jan Kawelke
cover einmischen photocase 2sam goodwindan
Foto: 2sam-goodwindan/photocase.de

In meinem direkten Umfeld mische ich mich oft ein. Ich zwinge Leuten meinen Musikgeschmack auf, vergebe Beziehungstipps wie Hostien und setze meinen Vater auf Diät. „Papa, ich habe keinen Bock, dass du krank wirst, wegen dem Übergewicht“, sagte ich neulich zu meinem Vater. Teils aus Egoismus, weil ich ihn nicht pflegen will, wenn er krank ist, teils natürlich aus ehrlicher Sorge um seine Gesundheit. All das ist jedenfalls ein Eindringen in das Leben anderer Menschen. Aber immer aus dem Glauben heraus, dass diese Übergriffe ihr Leben – und damit ja auch unsere Welt insgesamt – ein Stückchen besser machen. 

Die Frage ist: Lässt sich das aus dem Privaten ins Leben da draußen übertragen? Wäre es da nicht auch besser, sich viel öfter einzumischen? Öfter mal das Maul aufzumachen, wenn man sieht, dass etwas schief läuft? Jemandem zu helfen, anstatt einfach wegzuschauen, weil das grade bequemer ist?

Das will ich probieren: Mich einen Tag lang ganz bewusst überall einmischen. Draußen, auf der Straße, im Bus, an der Kasse. Vielleicht lerne ich dabei, wie schwierig oder leicht es wirklich ist, sich in das Leben fremder Menschen einzumischen? Vielleicht lerne ich, wann es sich lohnt und wann es Joko-und-Klaasig wird?

Ich rede mit einem Freund über meinen Plan: einen Tag Einmischen. „Einmischen ist undeutsch,“ sagt er. "Wir können gut die Fresse halten.“ Können wir? Sollten wir? Wer sich einmischt, nimmt einen Zustand nicht hin. Wird aber gleichzeitig auch zum Hauptdarsteller der Szenerie. Normalerweise nicht meine Bühne. Ich bin eher der Typus: Abwäger, Nachdenker. Nicht unbedingt Raushalter, wenn es ernst wird – Aufzwinger aber auch nicht.

Käsetheken-Talk

Heute wechsle ich also vom Das-geht-mich-nichts-an-Modus in den Lass-reden-verdammt-Modus. Erst mal aber klein anfangen. Zum Eingewöhnen. Fremde Menschen einfach anzusprechen, da muss man sich ja erst eingrooven.

Mein Vater hat mir geraten: „Geh zum Käsemann. Da plaudern alle.“ Es ist Mittwoch. Also ist Markt. Vor dem Holland-Mobil steht eine lange Schlange. Ich stelle mich an. Eine alte Frau steht vor mir, vor ihr eine noch ältere Frau im Rollstuhl. Sie murren sich etwas zu. Ich verstehe nichts. Ich bin aber auch sicher, sie verstehen einander nicht. Ich mische mich also ein, der Völkerverständigung am Käsewagen wegen: „Hier muss man immer lange warten, ne?! Aber dafür lohnt es sich.“ Die Frau dreht sich um, blickt mich an, murrt, dreht sich zurück. Die Schlange rückt vor. Toller Auftakt.

Mit einem Apfel, fünf Scheiben mittelaltem Gouda, Cherry-Tomaten und Champignons latsche ich Richtung Bushaltestelle. Neben mir hechelt eine alte Frau mit drei Tüten den Hügel hoch. Nächster Versuch, ich packe die Floskel der Vorzeigeschwiegersöhne aus. Ob ich ihre Taschen tragen dürfe. Sie winkt mit ihren Katzenbeuteln ab. Ob sie denkt, dass ich sie ausrauben will? Ob sie es unverschämt findet, dass ich davon ausgehe, sie sei so schwach und gebrechlich, dass sie ihre Tüten nicht selbst tragen kann? Habe ich sie also indirekt beleidigt? Grotesk: Ich denke darüber nach, was eine fremde Frau denken könnte, obwohl ich sie wahrscheinlich nie wieder sehe. Ich wollte mich doch nur einmischen, um ihr zu helfen. An der Haltestelle bleibe ich stehen. Sie wünscht mir einen schönen Tag und pendelt weiter mit dem Taschen-Ballast die Straße entlang.

Mehr Reibung im Bus

Die bisherige Ausbeute ist also bis auf den Inhalt meiner Beutel eher mau. Dabei war das noch nicht mal richtiges Einmischen, es gab ja noch gar kein Konfliktpotenzial. Trotzdem merke ich: Sich in fremde Angelegenheiten einzubringen, ist schwieriger als gedacht. Die meisten Menschen winken ab. Vermeiden jedes weitere Gespräch.

Trotzdem will ich es weiter versuchen. Diesmal an einem Ort mit wirklicher Chance auf Ärger. Zum Beispiel den Bus: Schlecht gelaunte Leute, im Berufsverkehr zusammengepfercht auf engstem Raum, da geht bestimmt was.

An der Haltestelle Ludwigshütte am Volkspark existieren nur zwei Arten Fahrgäste: Jugendliche von der angrenzenden Realschule und Alkoholiker aus dem Volkspark.

An die Streben des Haltestellenhäuschens hat jemand „Deutsche Helden NSU“ und „Nazis hauen euch aufs Maul“ geschrieben: Die Vorzeichen für einen aussichtsreichen Konflikt scheinen schon mal zu stimmen. Doch auf der Bank sitzen gerade nur zwei Frauen und unterhalten sich darüber, wo man am ehesten aussteigt, wenn man zum Kaufland will. Naja, denke ich, wenn schon keine Diskussion mit einem rumschmierenden Rassisten, dann wenigstens ein paar Ratschläge verteilen.

Ich räuspere mich, die universelle Ankündigung für: Obacht, jetzt rede ich. Meine Hände schwitzen, der Puls pocht. Es ist mir unangenehm. Aber warum? Weil ich mich frage, was die anderen denken: dass ich sie beklauen oder Stress machen will? Sie anbaggere? Egal, weg mit meinen Gedanken, ich mische mich ein. „Neumarkt oder Hagelkreuz. Geht beides. Man kann sogar von hier laufen.“ „Gut“, sagt sie, aber sie sei zu faul zum Laufen. Sie lacht. Ich frage, ob es etwas im Angebot gibt bei Kaufland? Das wisse sie nicht. Sie rafft ihre Tasche, Altglas knirscht übereinander.

Vom Einmischer zum Gerechtigkeitskämpfer

Ein Bus steht rumpelnd an der roten Ampel. Eine ausländische Familie mit Kinderbuggy steht verwirrt vor der hinteren Tür des Busses. Sie ist geschlossen. Ich frage, ob sie einsteigen wollen. Sie sprechen kein Deutsch, aber der Mann nickt. Eine alte Frau hastet zur vorderen Tür. Der Fahrer öffnet, aber lässt die hintere geschlossen. Ich trabe zur vorderen Tür und mische mich ein. „Können sie hinten mal aufmachen? Da möchte eine Familie einsteigen!“

Der Fahrer guckt mich ausdruckslos an und schließt die Tür. Ich quetsche meinen Arm durchs Gummi. Er guckt mich weiter an. „Wo sollen die denn noch hin?“, fragt er. Ich gucke in den Gang. Es ist genug Platz. „Die Leute können doch noch rücken?“ Er guckt mich an. Die Leute gucken mich an. Wir sind die Hauptdarsteller der Szenerie. Es ist unangenehm. Für ihn, aber nicht für mich. Ich finde es grade sehr okay, was hier passiert.

Warum ist es diesmal anders als beim Käsemann und der alten Frau mit den Taschen? Warum fühle ich mich jetzt nicht unwohl? Vielleicht deshalb: Diesmal ist mein Einmischen keine kleine Provokation an der Käsetheke. Es besteht auch nicht wie bei der alten Frau Ungewissheit darüber, ob mein Einmischen überhaupt gewünscht und gerechtfertigt ist. Diesmal verfolgt mein Einmischen einen für jeden klar ersichtlichen Zweck: Menschen sind ausgesperrt, der Willkür des Busfahrer-Tyrannen ausgeliefert. Pathetisch gesprochen: Es geht hier um Gerechtigkeit. Der Fahrer wiederholt: „Wo sollen die denn noch hin?“ Er wendet sich ab, schließt die Tür und fährt weg. Die Wartenden gucken auf den Boden, quetschen die Hände in die Hosentaschen, schaben mit der Fußspitze an Kaugummi-Flecken, versenken sich in ihre Handys.

Einmischen aus Egoismus

Ich muss Geld wechseln und fahre zur Bank. In der Sparkasse stehen etwa 20 Leute vor mir. Die Schlange windet sich in einer Linkskurve durch den Raum. Ein Mann kommt herein. Graues DJ-Ötzi-Beanie, rosa Pullover, Parka, Chucks – ein Einmisch-Profi. Man sieht das. Schon beim Anschlendern stöhnt er: „Was ist das denn für ne Scheiße.“ Ich mische mich ein. Diesmal anders. Statt zu antworten, blicke ich ihn unangenehm lange an. Unangenehm für mich, für ihn scheinbar nicht. Er reagiert. „Wie lange stehst’n hier schon?“ „Gerade angekommen. Dauert wohl noch 20 Minuten“, sag ich. „20 Minuten am Arsch“ DJ Ötzi geht ein paar Schritte nach vorne, dreht sich im Kreis und stapft zu einem Büro. Die Schlange blickt ihm nach. Er mischt sich ein. Das gehe so nicht, höre ich ihn noch sagen. Dann ist er verschwunden. Fünf Minuten später verlässt er zufrieden die Filiale. Das war Einmischen als Form von Egoismus. Einfach mal jemanden anlabern, um einen Vorteil zu ergattern. Seinen Kopf durchzusetzen, unbeirrt von der Meinung anderer. Kurz regt sich etwas unter den Umstehenden. Jemand tritt aus der Reihe und schnauft. Andere schütteln den Kopf, schauen mit dem grimmigsten Blick. Der Wunsch sich einzumischen, aufzubegehren. Er kommt auch in mir hoch. Doch alle warten brav in der Schlange. Keiner möchte zum DJ-Ötzi-Unsympathen-Hauptdarsteller werden. Ich auch nicht. Und was sich im Bus andeutete, wird jetzt langsam Gewissheit: Sich einmischen, das geht, wenn ich mich wirklich auf der richtigen Seite sehe. Wenn ich das Gefühl habe, etwas sehr Richtiges zu tun. Vielleicht klappt das auch in Zukunft, nach dem Ende meines Experiments.

Mehr zur Hauptsache Mischen:

  • teilen
  • schließen