"Rache? Nur mit Betonmischmaschine!"

Und weitere Gedanken, die auf einer durchzechten Japanreise zusammenkommen.
Von Stefanie Sargnagel

Ein Text übers Mischen also? Leichteste Übung. Ich bin schließlich gerade in Japan auf Reisen. Und die Reise teile ich mit den unterschiedlichsten Begleitern – Bekannte und Freunde aus Wien, die zufällig auch gerade hier sind. Das ist gut, weil es Einblicke in viele Formen des Mischens gibt, für die man gedanklich allerdings etwas springen muss. Und das ist wiederum schlecht für all jene, die hier einen stringenten Text erwarten. Die sollten jetzt besser gleich weiterblättern. Für alle anderen gibt es allerdings einige Erkenntnisse:

Zu den Menschen, die ich treffe, gehört nämlich zum Beispiel eine Schwangere und ihr Freund. Die Schwangerschaft war eine Überraschung, und jetzt erwarten sie Zwillinge. Ihr Freund und sie diskutieren deshalb beim Yakitori-Essen immer wieder über die zukünftige Erziehung. Waldorf soll es auf keinen Fall werden. Die Kinder sollen etwas von der Realität mitbekommen und sich auch mit anderen Gesellschaftsschichten mischen. Deshalb ist ihr Plan, eines in eine bekannte österreichische Eliteschule zu schicken, wo es gutes Benehmen und Fechten lernt. Und das andere in eine Hauptschule in einem migrantischen Arbeiterbezirk, damit es Streetcred und Messerstechen lernt. Da die Zwillinge eineiig sind, könne man sie ohnehin jeden Monat austauschen.

Damit würden sie Beziehungen zu verschiedenen Milieus knüpfen. Und könnten, um das Einkommen der Eltern aufzubessern, sowohl die teuren als auch die billigen Drogen verticken. Eine hervorragende Idee, finde ich. Danach gehen wir Sake trinken.

Ein anderes Paar besuche ich in Tokio. Sie haben dort im Rahmen eines Stipendiums ein Künstleratelier zur Verfügung gestellt bekommen. Von der Botschaft. Ein 100-Quadratmeter-Haus, in dem ich mich ausbreiten kann. Deshalb bekomme ich von Tokio vor allem die Küche des Gebäudes mit, in dem das Paar und ich bis sieben Uhr morgens saufen. Hauptsächlich „Highballs“ aus der Dose. So wird in Japan das Mischgetränk Whisky Soda genannt.

Weil wir den Namen so geil und actionfilmmäßig finden, werden wir dadurch irgendwie auch geiler besoffen. N. holt um fünf Uhr ein Päckchen Spielkarten hervor, die sie für eines ihrer Kunstwerke für die Endausstellung des Stipendiums gekauft hat. Es sind „Hanafuda“-Karten, und N. erklärt mir, dass der Spielkonzern Nintendo seine Erfolgsgeschichte durch diese kleinen Karten begonnen hat – nicht durch Videospiele. Ende des 19. Jahrhunderts war das, und die Karten wurden für illegales Glücksspiel von der japanischen Mafia, der „Yakuza“, erworben. Unter die ersten Produktionen mischten sich immer wieder fehlerhafte Karten, die dann für Betrug benutzt wurden, aus dem Messerstechereien und Verstümmelungen resultierten. Nintendo bekam deshalb immer wieder Besuch von der wütenden Yakuza. Als sie aber die Produktion verbesserten, sank dadurch auch die Kriminalitätsrate. N. blättert die Karten vor uns auf. „Wahnsinn, diese Japaner“, sage ich und öffne meinen nächsten Highball. Danach gehe ich schlafen.

In Kyoto treffe ich wieder andere Freunde, um schwarze Ramen zu essen. Die japanische Nudelsuppe wird hier in einer außergewöhnlichen Form zubereitet: Sie erhitzen Schmalz auf 300 Grad und verbrennen darin Miso oder Soja, bis es ganz schwarz ist. Das Aschenschmalz mischen sie mit Suppe, und in diese schwarze Brühe kommen die Nudeln. Es schmeckt fantastisch. Dazu trinken wir ebenfalls Highballs und reden über dieses und jenes und schimpfen über den Sexismus in der Kulturszene in all seinen Ausformungen.

S. sagt, dass sie sich an einem der Sexisten rächen wird und dass es für sie nur eine Form der Rache gäbe: Wenn dieser jemand jemals vor habe, ein Haus zu bauen, wird sie sich auf die Baustelle schleichen, die Hose runterziehen und in die Betonmischmaschine scheißen. Wenn das Ganze dann durchgemischt ist und verarbeitet wird, stinkt sein Haus, sobald es Sommer wird, für mindestens 50 Jahre. Das, sagt sie, habe sie irgendwo gelesen. Ich danke ihr für den Tipp. Danach gehen wir in einen buddhistischen Tempel – eine Kerze anzünden. 

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