Das Traumhaus für das Zusammenwohnen mit Flüchtlingen

Wie sähe da die perfekte Mischung aus? Wir haben es uns ausgemalt.
Von Nadja Schlüter
Illustration: Stephanie Franziska Scholz

Es läuft etwas falsch: Auf der einen Seite reden alle über Flüchtlinge und Integration. Auf der anderen Seite leben viele Flüchtlinge viel zu lange in Massenunterkünften am Stadtrand - fern der nächsten S-Bahn-Station. Das, was es für Integration wirklich braucht, kann so kaum stattfinden: Kontakt im Alltag. Begegnungen und Zusammenleben von denen, die schon lange da sind, und denen, die neu dazugekommen sind. Diese „soziale Mischung“ gilt als eines der wichtigsten Schmiermittel, das Reibungen in der Gesellschaft vermeidet. Denn wenn verschiedene gesellschaftliche Gruppen einander begegnen, bauen sie Ängste ab. Aber was genau steckt eigentlich hinter dem Zauberwort? Wie sieht die perfekte soziale Mischung aus? Und vor allem: Wie könnte sie gelingen? 

Gemeinsam mit Jürgen Friedrichs, emeritierter Professor für Soziologie an der Uni Köln mit den Spezialgebieten Stadtsoziologie und Flüchtlingsunterbringung, haben wir ein Gedankenexperiment gewagt - und versucht, uns das perfekt gemischte Haus auszudenken. Natürlich ist das nicht allgemeingültig. Und überspitzt. Aber es hilft, besser zu verstehen, wie soziale Mischung funktioniert:

Wo ist das Haus?

In der Nähe der Innenstadt einer deutschen Großstadt. Dort wollen viele verschiedene Menschen leben, und die Wege in Cafés oder ins Kino sind kurz. Die Straße ist noch nicht komplett gentrifiziert - aber ein bisschen schon. Es gibt also dieses eine Café, in dem Mittzwanziger den Kaffee von Hand filtern, aber daneben eben auch noch den alten Elektrowaren-Laden mit Waschmaschinen im Schaufenster. „Wenn neue, wohlhabendere Bevölkerungsgruppen in ein Gebiet eindringen, wird das Viertel erst mal bunter“, sagt Friedrichs. Bis die Mieten zu sehr steigen und die weniger Wohlhabenden verdrängt werden.

Was ist das für ein Haus?

Ein Altbau mit fünf Stockwerken und ohne Aufzug - denn auf der Treppe trifft man sich eher. Das Haus hat acht Wohnungen und damit Platz genug für viele verschiedene Parteien. Im Erdgeschoss ist ein Ladenlokal, bestenfalls ein Imbiss oder Café, das bringt Leben ins Haus. Wichtig: Es ist ein Mietshaus. Häuser mit vielen Eigentumswohnungen sind eher homogen.

Wer wohnt in dem Haus?

Als Basis: Menschen aus der Mittelschicht. Familien mit Kindern, vielleicht auch eine Seniorin und eine Studenten-WG. „Und dann lassen wir in dieses Haus mal eine syrische Familie einziehen“, sagt Friedrichs. Nur eine? „Ja. Diese eine Familie wird die Aufmerksamkeit und die Solidarität der anderen Bewohner erregen, und die sind dann im besten Fall bereit, dieses Gefühl in einen Kontakt umzuwandeln.“ Vom Grüßen im Treppenhaus über „sich mal was leihen“ hin zu „wir laden einander gegenseitig ein“.

Friedrichs glaubt, dass sich die Chance auf einen Kontakt verringert, wenn sofort noch eine zweite oder gar eine dritte syrische Familie einziehen würde. „Die werden erst mal untereinander Kontakt haben. Dadurch werden ihr Wunsch und der Druck, Kontakt zu den anderen aufzunehmen, verringert. Auf der anderen Seite wird es der deutschen Familie von nebenan vielleicht zu viel, drei syrische Familien zum Essen einzuladen.“ Das klingt hart, aber der Gedanke dahinter ist: Ich kann mich nicht um alle kümmern - also kümmere ich mich um gar keinen.

Wie treffen die Bewohner sich?

Auch wenn aus dem Grüßen im Treppenhaus eine Einladung zum Essen werden kann – die Gefahr, aneinander vorbei zu leben, besteht auch im gleichen Haus. Das weiß jeder, der Nachbarn hat. Vor allem in einem sozial gemischten Haus haben die Menschen zum Teil sehr unterschiedliche Tagesrhythmen und Interessen. Der Bäcker macht sich um drei in der Nacht auf den Weg zur Arbeit, die freiberufliche Grafikerin steht um neun auf, der Student radelt um zwölf los zur Uni. Kaum Chancen also, dass man sich überhaupt sieht. Dabei ist das wichtig. „Durch Kontakt verringern sich Vorurteile, die man gegenüber anderen Gruppen hat“, sagt Friedrichs. „Man muss Kontaktmöglichkeiten herstellen.“

Braucht unser Haus also einen Gemeinschaftsraum? Friedrichs glaubt nicht, dass das funktioniert: „Die Leute treffen sich nicht, um sich zu treffen.“ Sondern wenn sie eine gemeinsame Ressource nutzen oder sich ihre Wege irgendwo kreuzen. Das kann man punktuell fördern, etwa durch ein Straßenfest. Besser ist aber alles, was sich zufällig ergibt.

Unser Ideal-Haus hat zum Beispiel einen Kellerraum, in dem alle Waschmaschinen des Hauses stehen. Außerdem gibt es viele Kinder im Haus, sie spielen gemeinsam im Hof oder gehen in dieselbe Schule, die Eltern treffen sich dann ebenfalls draußen oder beim Elternabend. Auch im Laden im Erdgeschoss läuft man sich vielleicht über den Weg. In unserem Ideal-Haus bewirtschaften die neu Zugezogenen diesen Laden. „Kleinteilige Gewerbe bieten Migranten die Möglichkeit, sich selbstständig zu machen“, sagt Friedrich, „was ja sehr viele tun und was auch zur Vielfalt eines Stadtteils beiträgt.“

Und was ist drumherum?

Unser Haus ist natürlich Teil eines Stadtviertels – und ob die soziale Mischung funktionieren kann, hängt auch stark von eben diesem Viertel ab. Dass es innenstadtnah ist, wissen wir ja schon. Und es ist überwiegend ein Mittel- oder Ober-schichtsviertel. Zum einen weil Vorurteile zunehmen, je niedriger der Bildungsstand ist. Zum anderen wegen der „Bedrohungslage“: „Es gibt zwei Arten von gefühlter ‚Bedrohung‘ durch Migranten“, sagt Friedrichs, „die kulturelle und die ökonomische.“ Die kulturelle Bedrohung, die Angst vor dem Fremden an sich, empfinden auch viele wohlhabende Menschen. Die ökonomische aber nicht – kein deutscher Hausarzt hat Sorge, der syrische Arzt könne ihm den Job wegnehmen. In der Unterschicht hingegen ist die ökonomische Bedrohung groß, weil Arbeiter eher um Jobs konkurrieren und es dort auch eher zu Sozialneid kommt – zum Beispiel bei staatlicher Unterstützung. Friedrichs glaubt darum, dass man Migranten nicht in sozial schwachen Vierteln ansiedeln sollte, „weil dort beide Bedrohungen zusammenfallen“.

Das löst natürlich nicht das Problem, dass in diesen Gebieten die Vorurteile besonders hoch sind – und ohne Kontakt zu Migranten und Flüchtlingen auch nicht abgebaut werden können. Aber Friedrichs’ Empfehlung ist eben eine pragmatische, an die akute Situation angepasste, in der all die neuen Mitmenschen ja möglichst schnell irgendwo wohnen müssen. Manchmal muss man eben den Weg des geringsten Widerstands gehen.

Und dann, so Friedrichs, sei eine gute soziale Mischung eben auch immer eine Frage des zahlenmäßigen Verhältnisses von Migranten und Nicht-Migranten. „Es ist kühn, aber denkbar, unsere ‚Haus- Regel‘ auf ein Stadtviertel umzurechnen“, sagt er. Die eine syrische Familie, die in ein Haus mit acht Wohnungen einzieht und wohlwollend aufgenommen wird, macht nur etwas mehr als zehn Prozent der gesamten Hausgemeinschaft aus. Und auch für ein Stadtviertel seien darum zehn bis zwanzig Prozent Migranten erst mal genug. Umgerechnet auf ein Viertel mit, sagen wir mal, 4000 Einwohnern ergäbe das einen Anteil von 400 bis 800 Migranten. Die möglichst nicht in Massenunterkünften wohnen sollten.

 

Ob die Menschen im Viertel einander begegnen, hängt wiederum davon ab, ob ihre Interessen dort irgendwo zusammenfallen. In der Kita oder der Schule, in einer Gewerkschaft oder beim Sport. „Und es braucht Initiativen vor Ort“, sagt Friedrichs. „Zum Beispiel Begleitung bei der Wohnungssuche. Wenn ich mir vorstelle, ich wäre seit drei Monaten in Teheran und müsste eine Wohnung finden – da hätte ich auch keine Ahnung, was ich machen muss, und würde mich über Hilfe freuen.“ Neben all den eher praktischen Faktoren braucht die perfekte soziale Mischung am Ende also wohl vor allem eines: das Wohlwollen aller Menschen, die gemeinsam in dem Haus oder dem Viertel leben.

 

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