wohnenbleiben
Illustration: Katharina Bitzl

Links weg vom Gang, da, wo es ins Esszimmer geht, knarzen die Dielen in zwei verschiedenen Tonlagen: ein eher scheues Quieken, wo das Holz noch in Laufrichtung liegt. Und ein kräftiges, von tief aus dem Boden kommendes „Kniiääärrg“ an der kleinen Stufe danach. Im Esszimmer selbst knirscht es überall, als ginge man auf zerkleinerten Cornflakes, und die Bretter, die dort ein bisschen notdürftig hingeflickt wurden, wo früher mal eine Wand stand, geben ein fast katzenartiges Maunzen von sich, wenn man drauftritt.

An die Wand kann ich mich nicht erinnern. Die haben meine Eltern einreißen lassen, als ich noch sehr klein war. Alles andere, was die Wohnung ausmacht, das Knarzen, die Gerüche, die Möbel, die Bilder, den Ausblick, habe ich irgendwo in meinem Körper gespeichert. Ich hatte dafür viel Zeit. Meine Eltern sind ausgezogen, als ich 18 war. Ich bin geblieben.

Ich lebe also schon mein ganzes Leben lang in denselben Räumen, laufe auf denselben Böden, öffne und schließe dieselben Türen, komme durchs selbe Treppenhaus heim, stecke dieselben Schlüssel in dieselben Schlüssellöcher, und wenn ich das gemacht habe, dringt derselbe Geruch aus dem Gang. Den nehme ich aber nicht wahr. Weil er wie die Kirchturmglocken ist, die ich nicht höre, obwohl sie Luftlinie 50 Meter vom Esstisch läuten: schon immer da.

Aber nie wirklich. Ach so: Wenn nicht irgendwann noch einer dieser Brüche im Leben kommt, mit denen man natürlich immer rechnen sollte, wird das alles wohl so bleiben, bis ich sterbe. Und wenn ich das Menschen erzähle, wollen sie immer wissen, wie das denn so sei? Ich verstehe das. Was ist das Leben, was ist vor allem Erwachsenwerden schließlich zunächst mal anderes als eine Abfolge von Ortswechseln? Neue Städte. Neue Viertel. Neue Nachbarn. Neue Lebensmodelle. Man nimmt die wichtigen Dinge mit und lässt die anderen zurück. Mit jeder (Lebens-)Station ein paar Erfahrungen mehr. Und bei mir: Konstanz.

Auch deshalb weiß ich nie, was ich antworten soll. Sein Leben lang in derselben Wohnung zu wohnen, ist nämlich wie Hände zu haben oder Haare. Irgendwie schön also und wahnsinnig praktisch. Bewusst wahrnehmen tut man es aber nicht. Wir reden hier schließlich über eine Geschichte absoluter Nicht-Bewegung.

Bleiben statt weiterziehen. Dalassen statt mitnehmen. Und eine Geschichte ohne echte Aktion spielt in Regionen des Gehirns, die sehr tief liegen. Deshalb muss ich auch wühlen, um das Knarzen und den Geruch und die Möbel und die Bilder und den Ausblick bewusst zutage zu fördern. Meine Wohnung ist für mich das, was man im schlimmsten Sinne selbstverständlich nennen würde. Absolute Gewohnheit.

Und weil Gewohnheit ja der Tod ist, gerate ich, wenn man mich nach der Wohnung fragt, mindestens unbewusst in eine Verteidigungshaltung gegen Vorwürfe, die keiner explizit erhebt. Ich halte mich dann für spießig und unbeweglich. Und weil man ja so leicht zu dem wird, was man denkt, sage ich tatsächlich Dinge, die man von Menschen erwarten würde, die um 11.20 Uhr in die Kantine gehen und sich lustige Abwesenheitsnachrichten ausdenken, wenn sie in Urlaub fahren.

Die Lage zum Beispiel, die sei eben nun mal wirklich toll. Lokale, Supermärkte, U-Bahn: alles da. Fußläufig sage ich wahrscheinlich auch manchmal. Dazu die Raumhöhe. Und erst die geringen Kosten. Trotz München – du verstehst. Absoluter Irrsinn wäre es also, das aufzugeben. Und um diese ganze First-World-Problem-Frühvergreisungs-Inszenierung zu einem würdigen Ende zu führen, sage ich ganz selten sogar noch etwas wie: „Ist ja auch viel Platz. Für später vielleicht mal.“ Denke dabei jedoch: Fuck, wird dir da nicht mal was fehlen? Denn wenn das Leben tatsächlich eine Abfolge von Ortswechseln ist, was heißt das dann für dich?

Die Lösung – wenn man wenigstens halb ernsthaft von einem Problem sprechen möchte – brachte, wie so oft, die Frau, die mich gut kennt; und die mich offenbar schon bald nach dem ersten Date gut kannte. Anders kann ich mir nicht erklären, wie sie es geschafft hat, dass ich plötzlich den Drang hatte, Wände und Einbauregale einzureißen. Dass ich Dauergast auf dem Sperrmüll wurde. Dass ein Zimmer auf einmal lila war. Das klingt banal, ich weiß. Aber ein Schrank, der 30 Jahre an derselben Stelle steht, wirkt, als habe der Herrgott persönlich ihn da hingezimmert. Gewohnheit ist nämlich nicht nur der Tod. Gewohnheit hat auch eine gewaltige Gravitation. Stark genug, sogar Gedanken anzuziehen. Und festzuhalten.

Und obwohl auch ich die Frau gut kenne, weiß ich bis heute nicht, wie sie die Gravitation gelöst und die Möbel verschoben hat. Ist aber auch nicht wichtig. Die Wohnung riecht jetzt jedenfalls anders, wenn ich sie mit denselben alten Schlüsseln aufsperre. Ich nehme das wieder wahr. Und wenn man davon jetzt eine Erkenntnis ableiten will, dann diese: Man kann sich möglicherweise bewegen und dabei immer am selben Ort bleiben.

Zum Weiterlesen: