„Ich fühlte mich in diesen Still-Kleidern nicht wie ich selbst“

Hannah gründete zusammen mit April „And Out Come The Boobs“ und designt Punk-Shirts für stillende Mütter.
Interview von Teresa Fries

Mit einem Baby verändert sich alles. Allen voran man selbst. Hannah McFaull, heute 33, arbeitete im Vorstand einer Organisation für Frauenrechte, war in der kalifornischen Punk-Szene unterwegs, ging auf Konzerte, ließ sich Tattoos stechen, färbte sich die Haare. Für sie als Punk war ihr Äußeres immer ein wichtiger Teil Identität, ein Ausdruck ihrer Persönlichkeit. Doch statt in Netzstrumpfhosen und den Shirts ihrer Lieblingsbands fand sie sich als Mutter plötzlich in aufklappbaren BHs und Stillkleidern wieder. Weil sie eine Alternative wollte gründete sie zusammen mit April Hobbs, einer befreundeten Designerin, „And Out Come The Boobs“. Aus Band-Shirts machen die beiden Stillmode für Punk-Mamas.

Hannah McFaull (rechts) und April Hobbs, Gründerinnen von "And Out Come The Boobs"

Foto: "And Out Come The Boobs"

Jetzt: Was ist das Problem mit der Schwangerschaftsmode, die es zu kaufen gibt?

Hannah McFaull: Ich fühlte mich in diesen Still-Kleidern aus den Mainstream-Läden einfach nicht wie ich selbst. Entweder ich dachte, ich gehe in tausend Stoffschichten unter oder ich fühlte mich total entblößt. Diese Stillklamotten sind praktisch – das war’s aber auch. Alles sieht so gleich aus, dass es mich an Uniformen erinnerte. Und alles war echt hässlich. Die Schwangerschaft und die Geburt veränderten mich. Ich war auf Schlafentzug, meine Hormone spielten verrückt und ich steckte in einem Körper, den ich nicht mehr wiedererkannte – und in Klamotten, die mich unglücklich machten.

Wie genau kam es dann zu der Idee für „And Out Come The Boobs“?

April ist auch Punk und hat drei Kinder, sie kannte das Gefühl. Ich erzählte ihr, dass ich damit nicht gerechnet hatte und wie hart es für mich war. Daraufhin bot sie mir an, einen versteckten Reißverschluss in mein liebstes Band-Shirt zu nähen. Und da hatten wir eine Art „Aha“-Moment. Uns wurde klar, dass sicher viele andere junge Mütter die gleichen Probleme haben.

Wie kann man sich eure Still-Shirts vorstellen?

Wir upcyclen T-Shirts von Punkbands, aber auch von Filmen, Serien oder Sport-Teams, und nähen Reißverschlüsse rein. Die machen es für Mütter einfach, ihre Babys zu stillen, sind aber so versteckt, dass das Design des T-Shirts nicht kaputtgeht. Sie sind damit praktisch und die Mütter fühlen sich darin wohl und cool, weil sie wieder die Shirts der Bands tragen können, die sie lieben. Die meisten jungen Eltern bekommen so viel Zeug – Strampler, Spielsachen, Baby-Ausrüstung – aber so gut wie nichts für sich selbst. Ich dachte zuerst auch nicht, dass die Kleidung zum Stillen für mich wichtig wäre. Es stellte sich aber heraus: Es ist sehr wichtig. Wir sprechen schließlich von etwas, was man jeden Tag tragen muss. Die Kleidung muss praktisch und bezahlbar sein. Und wenn du dich dann auch noch zumindest ein bisschen stylisch und authentisch fühlst, ist das ein großer Bonus.

Auch wenn man Mutter ist, will man sich ja trotzdem noch modebewusst anziehen. Das scheint beim Design von Stillkleidern oft vergessen zu werden. Sagt das etwas darüber aus, wie die Gesellschaft mit Müttern im Allgemeinen umgeht?

Man bekommt als junge Mutter viele widersprüchliche Botschaften. Auf der einen Seite bekommen wir gesagt, wir müssen unbedingt stillen, auch die Weltgesundheitsorganisation empfiehlt mindestens sechs Monate, das setzt viele Mütter unter Druck – und bedeutet, wir müssen uns quasi jederzeit freimachen, wenn das Baby Hunger hat. Gleichzeitig ist es schwer, Orte zu finden, an denen man in Ruhe und bequem stillen kann. Eine Toilette ist definitiv kein solcher Ort. Es gibt ein großartiges Gedicht von Hollie McNish mit dem Titel „Embarrased“, das meine Sicht aufs Stillen sehr geprägt hat.

Wie hat sich deine Sicht verändert?

Ich füttere mein zweites Baby jetzt, wenn es hungrig ist, egal wo. Aber ich weiß, dass ich in einer privilegierten Position bin, die mir diese Einstellung erlaubt. Ich kann es mir leisten. einen Kaffee zu bestellen, wenn ich mich irgendwo reinsetzen muss um zu stillen und ich bin selbstbewusst genug, auf mein Recht zu bestehen, wenn sich jemand bei mir beschweren will.

Hast du das Gefühl, dass sich am Rollenbild von Müttern und auch an der Mode für sie gerade etwas ändert? Zum Beispiel dadurch, dass weibliche Stars ihren Babybauch gerne in Designer-Kleidern inszenieren oder sich mal stillend auf Instagram zeigen?

Ich glaube schon, dass sich die Situation langsam ändert und immer mehr Designer erkennen, dass es einen Bedarf an Kleidung gibt, in der Mütter stillen können. Und zwar wie immer sie das möchten: zu Hause, im Bus, verdeckt oder ganz offen.

Du sagtest ja, ihr upcycelt die Shirts. Woher kommen die denn?

Von Second-Hand-Läden, Flohmärkten, Ebay oder Freunden, die ihre Schränke ausmisten. Wir haben aber auch ein Shirt mit unserem Logo rausgebracht und planen ein weiteres zusammen mit einer befreundeten Tattoo-Künstlerin. Kundinnen können auch spezielle Shirts von Bands, Filmen, Sport-Teams oder was auch immer bei uns in Auftrag geben. Nach Deutschland liefern wir auch.

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