Graffiti-Künstler will H&M verklagen

Ein Werk des Künstlers war ungefragt in einer Kampagne aufgetaucht.
Von Quentin Lichtblau

Ausschnitt aus der H&M-Kampagne mit dem Werk von Jason “REVOK” Williams.

Foto: Screenshot /H&M

Der Graffiti-Künstler REVOK, mit bürgerlichem Namen Jason Williams, ist sauer. In einer Kampagne des Moderiesen H&M taucht in Videos und auf Fotos eines seiner Werke auf. Und zwar nicht irgendwo im Hintergrund, sondern als Eyecatcher, vor dem ein Model saltoschlagend die Sportswear-Linie des Unternehmens präsentiert. Die Wand mit Williams' Bild, ein mit einer Art Acht-Düsen-Spraydosenapparatur aufgetragenes Liniengeflecht, befindet sich auf einem Basketballplatz in Williamsburg, New York.

Als Williams sein Werk in der Kampagne im Januar wiedererkannte, setzte er ein anwaltliches Schreiben auf, laut dem „der unerlaubte Gebrauch seines Kunstwerks und die Art und Weise, auf die es verwendet wurde“ schädlich für seinen Ruf seien und dem Betrachter außerdem nahelegten, dass er mit dem Unternehmen zusammenarbeite.

Williams' Anwalt beruft sich dabei auf das Urheberrecht und fordert H&M auf, das entsprechende Material aus der Kampagne zu entfernen. Nun hat H&M laut Hypebeast selbst mit rechtlichen Schritten geantwortet und ist vor Gericht gezogen: Da es sich bei Williams' Bild um ein illegal angefertigtes Werk handele, bestehe keinerlei Anspruch auf Urheberrecht. Die für die Kampagne zuständige Agentur habe sich darüber beim New Yorker Department of Parks and Recreation informiert, dem rechtlichen Eigentümer des Basketballplatzes. Da es sich bei dem Werk schlicht um Vandalismus handele, könne es ohne Nachfrage für jeglichen Zwecke verwendet werden. Die Rechtslage dazu ist in den USA laut Hypebeast bisher sehr uneindeutig in diesen Fragen.

H&M fordert nun im Prinzip die freie Verwendung von Streetart ein, was die Kunstszene wiederum fürchten lässt, dass künftig jegliche Form öffentlicher Kunst ungefragt für Werbezwecke gebraucht werden darf. Unter dem Hashtag #boycottHM kursieren in den Sozialen Netzwerken bereits wütende Aufrufe, das Unternehmen zu boykottieren. Die Reaktion des Unternehmens könnte sich also in den kommenden Tages zu einem weiteren Shitstorm gegen H&M aufschaukeln.

Wie würde so ein Fall in Deutschland ausgehen? jetzt hat dazu mit dem Frankfurter Anwalt Alfred Satur gesprochen, der vielfach Graffitikünstler vor Gericht vertreten hat. „Ich habe keine Ahnung, wie H&M zu seiner Meinung kommt, dass hier kein Urheberrecht gelten soll“, sagt Satur. Die Diskussion, ob illegale Graffiti urheberrechtlich zu schützen wären, sei hier bereits beendet. Satur hat selbst einen Mandanten vertreten, der gegen einen Buchverlag vor Gericht ging, weil dieser durch Foto-Bildbände mit seinen Graffiti Geld verdient hatte. Der Verlag musste damals schließlich Lizenzgebühren an den Künstler zahlen.

„Die einzige Ausnahme ist hier die Rechtslage der sogenannten aufgedrängten Kunst. Wenn jemand illegal und gegen den Willen des Hauseigentümers ein Kunstwerk an einer Hauswand anbringt, hat dieser Eigentümer das Recht, es zu entfernen.“ So könne die New Yorker Parkverwaltung zwar für weiße Wände auf ihrem Basketballplatz sorgen – für jede wirtschaftliche Nutzung des Werks, wozu eben auch Werbekampagnen zählten, bräuchte es allerdings die Zustimmung des Urhebers.

Um solche Rechtsansprüche zu vermeiden, würden daher zum Beispiel für Tatort-Krimis extra Graffitiwände von bezahlten Künstlern in Auftrag gegeben. Ähnlich hätte es auch H&M machen können, meint Satur – und stellt sich klar auf die Seite des Künstlers: „Die Tatsache, dass das Kunstwerk in New York illegal ist, macht rechtlich überhaupt keinen Unterschied. Ich denke also, dass der Künstler mit seiner Klagedrohung ein sehr berechtigtes Anliegen verfolgt.“

Update, 16.03, 10 Uhr: Nachdem zahlreiche Graffiti-Künstler dazu aufgerufen haben, H&M zu boykottieren, knickte das Unternehmen am Donnerstagabend ein und zog seine rechtlichen Schritte zurück. Das sagte H&M gegenüber The Daily Beast. Das Unternehmen meint, es respektiere die Kunst und Einzigartigkeit von Künstlern und hätte anders reagieren sollen. Es sei nie die Absicht von H&M gewesen, die Debatte über die Rechtmäßigkeit von Street Art zu beeinflussen. Deshalb ziehe das Unternehmen die rechtlichen Schritte zurück, die es vor Gericht eingebracht hatte, und versuche, eine Lösung mit dem betroffenen Künstler zu finden. Der Anwalt des Künstlers sagte, die rechtlichen Maßnahmen von H&M wurden noch nicht zurückgezogen. Das Motiv ist immer noch auf der Website des Unternehmens zu sehen. Wann H&M die rechtlichen Schritte zurückzieht, ist noch unklar.

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