Nach der Vergewaltigung bleibt ein mulmiges Gefühl

Münchner Studentinnen machen sich nach dem Verbrechen an ihrer Uni Sorgen. Die LMU denkt über Sicherheitsmaßnahmen nach.
Von Miriam Pontius und Jakob Wetzel
lmu schellnegger

Auf der Damentoilette der LMU wurde eine Studentin vergewaltigt. Wie fühlt sich das Uni-Leben in der Woche danach an - und was unternimmt die LMU jetzt?

Foto: Allessandra Schellnegger

Der mutmaßliche Täter ist gefasst, aber der Schock wirkt nach. Eine Woche ist es her, dass ein Mann in einer Damentoilette im Hauptgebäude der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) am Geschwister-Scholl-Platz eine Studentin vergewaltigt hat. Am Montagabend, drei Tage nach der Tat, hat die Polizei einen 25-jährigen Verdächtigen festgenommen. Die Gefahr scheint gebannt, die Normalität ist zurück. Die Verunsicherung aber ist geblieben. Bis der Alltag alle Gedanken an die Tat vertrieben hat, wird es wohl dauern.

Es ist Mittwoch, ein wolkenverhangener Nachmittag. Draußen, zwischen den Säulen im Eingang zur Universität, läuft ein Sicherheitsmann auf und ab. Drinnen, im zweiten Obergeschoss der Universität, nur ein paar Schritte entfernt vom Tatort, sitzt Angie in einer Nische. Die 21-Jährige studiert Theaterwissenschaften an der LMU. Sie reagiert abgeklärt. Angst? Habe sie eher nicht, sagt sie – jedenfalls nicht mehr als sonst. „Ich habe vorher schon darauf geachtet, dass ich nicht allein auf die Toilette gehe.“ Aber ein mulmiges Gefühl sei da jetzt schon.

Für Studenten ist die Uni eine Art zweite Heimat. Dieses Gefühl ist jetzt beschädigt

Angie ist nicht die einzige Studentin, die zwar ruhig bleibt, sich aber doch Sorgen macht. Die Vergewaltigung ist eines der beherrschenden Themen in den Gängen. „Ich bin oft bis spätabends in den Computerräumen der Uni“, sagt etwa Sophia, eine Kommilitonin. Sie ist gerade auf dem Weg zu einem Kurs im Hauptgebäude. „Ab einer gewissen Uhrzeit ist in diesen Räumen niemand anderes mehr“, sagt sie. „Jetzt mache ich mir darüber mehr Gedanken als vorher.“ Sophias Freundin Sarah spricht von einer „normalen Angst“, die man als Frau immer habe. Die Vergewaltigung am Freitag habe daran nichts geändert. Sie habe aber gezeigt, dass die Vorsicht begründet sei. Wiederum eine andere Studentin sagt, Vergewaltigungen gebe es ständig, es könne jede treffen, überall. „Aber ich hätte trotzdem nie gedacht, dass so was ausgerechnet in der Uni passiert. Ich habe mich hier immer sicher gefühlt.“

Für Peter Bosanyi ist das, was geschehen ist, ein Einbruch in die Wohlfühlzone. Der 23-Jährige gehört zum Team der Fachschaft an der Fakultät für katholische Theologie. Ihr Raum ist eines von nur wenigen Fachschaftszimmern im Hauptgebäude. Vor allem jüngere Studierende seien immer wieder verunsichert zu den Studierendenvertretern gekommen, sagt Bosanyi. „Die Uni ist ja nicht nur ein Arbeitsraum, sondern auch ein Lebensraum.“ Für Studenten sei sie eine Art von zweiter Heimat, ein Ort, an dem man sich wohlfühle. Dieses Gefühl sei jetzt beschädigt. „Es kommt ja hinzu, dass es kein Außenstehender gewesen ist, sondern offenbar ein Student. Also gefühlt doch einer von uns.“

Nachdenklich gemacht habe sie die Tat, heißt es auch von mehreren Professoren. In den Gängen, in den Büros habe man oft und lange darüber gesprochen – auch wenn Studierende berichten, dass die Vergewaltigung in den Vorlesungen und Seminaren kaum Thema war; die meisten Lehrveranstaltungen liefen demnach ab wie immer. Anders war es bei Markus Vogt. „Das Lebensgefühl ist beeinträchtigt“, sagt der Professor für Christliche Sozialethik. Er hat den Vorfall in seiner Vorlesung am Mittwoch angesprochen. Die Studenten hätten Fragen stellen können, sagt er. Nicht alle hätten am Mittwoch bereits gewusst, was geschehen ist. Er selbst habe dann einen Bezug zu seinem Fach gesucht, sagt er.

„Ich bin froh, dass der mutmaßliche Täter so schnell gefasst worden ist“, sagt LMU-Präsident Bernd Huber. Er blickt nach vorne: Gemeinsam mit der Polizei überlegt die Hochschulleitung, wie sie die Sicherheit verbessern könne. Dass das nicht einfach ist, zeigen bereits die Zahlen. Huber zählt 160 Gebäude zur LMU. In ihnen lernen und arbeiten, Studierende und Mitarbeiter zusammengerechnet, knapp 60.000 Menschen auf 800.000 Quadratmetern. Viele Gebäude sind weitläufig; gerade abends bleiben viele Ecken verlassen. Und die Unigebäude sind zum Großteil frei zugänglich. Die Offenheit gehört geradezu zum Selbstverständnis einer Universität. Ein solcher Ort ist schwer zu überwachen.

Was sollte man tun? Videokameras installieren? Zusätzliches Sicherheitspersonal anheuern? Die Polizei um mehr Präsenz bitten? Zugangskontrollen einführen? Es gebe viele Vorschläge, sagt Huber. Einzelheiten könne er noch nicht nennen. Aber eines dürfe in der Diskussion nicht aus dem Blick geraten: „Das war eine furchtbare, aber auch eine singuläre Tat.“ Man könne sich in den Gebäuden der LMU sicher fühlen, sagt der Präsident. So wie man sich auch im öffentlichen Raum in München sicher fühlen könne. Aktionismus sei fehl am Platz.

Cara hat als Reaktion auf den Überfall die Facebook-Gruppe „We Will Be Safe“ gegründet

Mit dieser Haltung trifft Huber auch den Nerv vieler Studentinnen. Die 20-jährige Hannah ist eine von ihnen. Sie studiert Jura, sitzt im Hauptgebäude und wartet auf einen Kurs, allein. „Bloß keinen symbolischen Akt wegen eines Einzelfalls!“, sagt sie. „Das wäre total unverhältnismäßig.“ Übereilte Maßnahmen würden weder den Studenten helfen noch dem Image der LMU. „Mangelnde Sicherheit an der Uni ist nicht das Problem“, sagt Sarah; sie ist 22 Jahre alt und studiert das Fach Religion und Philosophie in Asien. „Das war einfach ein asozialer Typ.“

Nicht nur Hannah und Sarah, auch andere LMU-Studentinnen haben auf die Vergewaltigung abgeklärt reagiert – das legt zumindest nahe, was die Psychotherapeutische Beratungsstelle des Studentenwerks berichtet. Hier heißt es, man habe sich wegen der Vergewaltigung auf vermehrte Anrufe von Studentinnen eingestellt. Tatsächlich aber habe sich bislang keine einzige Studentin explizit deswegen gemeldet. Und auf der Facebookseite der Studierendenvertretung kursierten nach der Vergewaltigung zwar rasch Tipps zu Selbstverteidigungskursen etwa beim Zentralen Hochschulsport. Tatsächlich aber, heißt es dort, hätten sich in dieser Woche auch nicht mehr Studentinnen nach den Kursen erkundigt als sonst.

 

Für Cara Hering sind Selbstverteidigungskurse für Frauen ohnehin nicht die Lösung des Problems. Das sei genau verkehrt gedacht, sagt sie: Statt davon auszugehen, wie man sich als Frau wehren könne, sollte mehr Energie in Prävention gesteckt werden, „zum Beispiel bei männlichen Jugendlichen“, findet sie. Hering hat als Reaktion auf den Überfall die Facebook-Gruppe „We Will Be Safe“ gegründet, um Frauen dabei zu unterstützen, sich über ihre Erfahrungen auszutauschen. Sie wolle Frauen Mut machen, so weiterzumachen wie bisher, sagt sie. „Wir sollten keine Angst haben müssen, nachts auf die Straße zu gehen, sondern uns stattdessen gegenseitig stark machen.“ Und es fehle an Aufklärung darüber, wie es zu sexueller Gewalt komme und wie man vorbeugen könne. Gerade die Uni sei hierfür eigentlich ein guter Ort.

 

„Es ist natürlich eine utopische Vorstellung, dass eine Facebook-Gruppe helfen kann, die Stadt sicherer zu machen“, sagt Cara Hering. Es liegt im Wesen einer Utopie, dass sie nicht zu erreichen ist. Aber den Versuch sei es wert.

 

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