"Ein stiller Schrei nach Hilfe"

Eine junge Fotografin gibt Vergewaltigungsopfern ein Gesicht.
Von Sophie Bamler
Yana Mazurkevich/Current Solutions
Yana Mazurkevich/Current Solutions
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Yana Mazurkevich/Current Solutions
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Yana Mazurkevich/Current Solutions
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Jede dritte Frau in Europa wird im Laufe ihres Lebens Opfer sexueller Gewalt. Die Fotografin Yana Mazurkevich ist eine von ihnen. In ihrem ersten College-Jahr wurde sie sexuell missbraucht. Plötzlich war sie Teil einer erschreckenden Statistik. Doch Yana wusste: Sie ist nicht Schuld an dem, was passiert ist. Das ist bei vielen Missbrauchsopfern anders.

Jüngstes Beispiel: der Stanford-Prozess. Eine junge Frau wird auf dem Unicampus hinter einer Mülltonne brutal vergewaltigt. Der Täter kommt mit sechs Monaten Freiheitsstrafe davon. Manche unterstellen der Frau, selbst Schuld an ihrem Schicksal zu sein. Victim Blaming nennt man das. Yana Mazurkevich bewegte dieser Fall so sehr, dass sie ihn in einer Fotoserie verarbeitete.

Die Serie trägt den Titel „Dear Brock Turner“, angelehnt an den Vergewaltiger von Stanford, Brock Allen Turner. Gemeinsam mit Current Solutions, einer Plattform, die Geschichten von Gewalt- und Diskriminierungsopfern veröffentlicht, hat Yana das Projekt realisiert. Sie portraitierte acht Vergewaltigungsopfer. Die Frauen stehen vor einem schwarzen Hintergrund, die Köpfe umgibt bunter Staub, von hinten umschlingen starke Männerarme ihre halbnackten Körper.

Die jungen Frauen halten kleine Tafeln in den Händen. „Mein Rock war zu kurz“, steht darauf. „Ich war zu freundlich“. Oder „Es war mein Fehler, ich war betrunken“. Alles Sätze, die Vergewaltigungsopfern in den Mund gelegt werden. Von Tätern, Verteidigungsanwälten oder gänzlich Unbeteiligten. Sie implizieren, dass sich Frauen geradezu anbiedern würden, vergewaltigt zu werden. 

"Sexuelle Gewalt kann dich jederzeit überall treffen"

„Ich wusste von Anfang an, dass ich die starren Blicke meiner Fotoobjekte portraitieren möchte, weil die für mich die größten Eye-Catcher sind“, sagt Yana. „Es ist eine Art stiller Schrei nach Hilfe, der sich in den Augen der Frauen widerspiegelt. Der Betrachter der Fotos sucht nach einem Gefühlsausdruck, nach einer Emotion im Blick der Frauen. Doch er findet nichts. Die Blicke sind leer. Yana wollte das so: „Wenn du Opfer eines sexuellen Missbrauchs wirst, durchströmen dich Tausende Gefühle auf einmal. Und gleichzeitig fühlst du absolut nichts“, sagt sie.

Die Farben, die in Staubwolken um die Köpfe der Frauen kreisen und sich in Spuren auf ihre Körper legen, sollen zeigen, wie schmutzig sich Vergewaltigungsopfer nach der Gewalttat fühlen. „Ich glaube, das zeigt ganz gut, dass du nie genau weißt, wann und aus welcher Richtung dich so etwas treffen kann“, sagt Yana. „Es kann auf einer Party passieren oder hinter einem Müllcontainer. Das ist die Realität“. 

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