Alle lieben "jetzt"

Wieso das Wort so gern sinn- und zwecklos benutzt wird
Von Christian Helten

Folgendes Experiment: Nehmen wir einen beliebigen Begriff, der uns grade einfällt. Sagen wir: „Lampe“. Und dann wiederholen wir ihn sehr oft hintereinander, laut ausgesprochen. Irgendwann verliert der Begriff seine Bedeutung. Die Silben verschwimmen ineinander, Wortanfang wird zu Wortende, bis da nur noch ein komischer Wort-Brei ist. Bis wir nicht mehr wissen, ob wir grade Lampe, Lampe, Lampe oder Ampel, Ampel, Ampel sagen - oder doch Pelam, Pelam, Pelam.

Wenn man etwas zu oft wiederholt, verliert es an Gestalt. Und an Wert. Man darf es nicht übertreiben. Nicht beim Ich-liebe-dich-sagen, nicht beim Hören des neuen Lieblingssongs, der nach 17 Repeat-Schleifen plötzlich nervt. Und nicht beim Benutzen einzelner Wörter.

Das Wörtchen „jetzt“ war und ist für dieses Problem anfällig. Klick mal auf das Video oben.

Das Wörtchen "jetzt" ist so anfällig, weil es so ein starkes Wort ist: kurz, kraftvoll und eindeutig. Und weil es doch Spielraum bietet, in den man Unterschiedliches hineinprojizieren und -interpretieren kann. 

Aber: Weil das Wort sich leicht mit Emotionen aufladen lässt, lässt es sich auch leicht mit übertriebenem Kitsch aufladen. Siehe Bill Kaulitz, wenn er „für immer du und ich / für immer jetzt“ singt. Siehe Silbermond-Stefanie, wenn sie mit pathetischem In-die-Ferne-Blick „So wie jetzt wird's nie wieder / Der Moment ist perfekt“ schnulzt, oder Howard Carpendale oder Nena, die im Jetzt nicht mehr klar kommen, weil die oder der Geliebte gegangen ist. Siehe Helene Fischer, die Großmeisterin des Kitschs, die niemals müde wird, schmachtend den Augenblick zu loben. 

 

Weil das Wort so viel Gegenwärtigkeit und Aktualität verspricht, erliegen auch manche der Versuchung und möchten aus der Zeit Gefallenes oder Abgehängtes damit anpinseln. Siehe Rolf Zuckowski, der seine Osterhasen jedes Jahr aufs Neue behaupten lässt, ein uralter Brauch sei das Freshste überhaupt. Siehe Nicole, die in „Jetzt komm ich“ allen unglücklich Verlassenen mit billigsten Phrasen Mut zum Nach-vorne-Schauen machen will, oder die Grubertaler, die offenbar ernsthaft denken, mit dem Satz „Wenn, dann jetzt“ ließen sich Mädchen abschleppen. 

 

Nicht falsch verstehen: Wir wollen uns da gar nicht drüber aufregen. Nur zu, Nicole, Nena und Co.: Tut, was ihr tun müsst. 

 

Nur wir machen da lieber nicht mit. Wir wiederholen uns nicht, bis die Bedeutung verloren geht. Wir schreiben einmal oben groß jetzt drüber - das reicht erst mal. Und dann achten wir lieber drauf, dass da, wo jetzt drauf steht, auch wirklich jetzt drin ist.

 

–––

 

Wer übrigens wissen will, wen das Video oben zeigt – die Quellen sind (in der Reihenfolge wie im Video):

 

1. Die Grubertaler: “Wenn dann jetzt”

2. Howard Carpendale: “Und jetzt bist du weg”

3. Helene Fischer: “Lass jetzt los”

4. Tokio Hotel: “Für immer jetzt”

5. Rolf Zuckowski: “Jetzt kommt die Osterzeit”

6. Silbermond: ”So wie jetzt”

7. Nena: “Jetzt bist du weg”

8. Nicole: “Jetzt komm ich”

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