"Deine Stimme ist ein Laser hinter deinen Augen"

Schrei-Coach Melissa Cross erklärt, wie man richtig brüllt.
Interview: Jan Kawelke

Und jetzt bitte alle noch mal mit Gefühl: David Coverdale, Sänger der Band Whitesnake, hat am Wochenende die Massen in Wacken dirigiert.

Bild: dpa/Axel Heimken

Brüllen, Rufen, Schreien – am Wacken-Wochenende wurde auch der wahrscheinlich extremsten Form des Gesangs gehuldigt. Wie sich die Stimmbänder danach nicht wie Schmirgelpapier anfühlen erklärt Melissa Cross.

Am Telefon schreit Melissa Cross nicht. Dafür lacht sie viel. Slipknot, Bring Me The Horizon, Slayer – Cross ist Schrei-Coach und hatte schon so gut wie jeden Superstar aus dem Genre auf ihrer Schrei-Couch. Seit den Neunzigern lehrt die New Yorkerin Screaming, Shouten und Growlen. Im Interview erklärt die Gesangstrainerin das gutturale Phänomen und gibt Tipps, wie wackere Wackenfans in Zukunft beim mitgrölen und mitgrowlen nicht ihre Stimme ruinieren.

jetzt: Am Wochenende war Wacken. Da haben viele Fans ihre Lieblingsbands gefeiert. Dazu gehört natürlich auch das Mitschreien der Lieblingslieder. Wie übersteht man so ein Festival-Wochenende ohne Stimmschaden?

Melissa Cross: Die oberste und einfachste Regel ist: Mach es nicht, wenn es weh tut. Wenn sich deine Kehle anfühlt, als hätte jemand sie von innen zerkratzt, dann machst du irgendwas falsch. Behalte die Kontrolle über die Stimme, auch wenn du trinkst oder Drogen nimmst. Es geht um Vorstellungskraft: Stell dir deine Stimme als Laser vor. Dein Schrei ist ein Laser der sich den Weg durch die Menge bis zur Bühne bahnt. In deinen Gedanken entsteht deine Stimme hinter deinen Augen, nicht in deinem Rachen.

 

Wie wird man eigentlich Schrei-Trainer?

Es waren die späten Neunziger, als ich damit anfing. Ich bekam einen verzweifelten Anruf von einem Freund aus Connecticut. Er hatte in seinem Studio einen Haufen Underground Hardcore Bands zusammengetrommelt. Aber die Sänger schafften keine Aufnahme-Session ohne ihre Stimme zu verlieren. Also fragte er mich, ob ich ihm helfen könne. Ich hab es mir angehört und die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen. Aber anders, als die meisten Lehrer, die sagen: „Hör auf zu Schreien!“, wusste ich, die Jungs werden damit nicht einfach aufhören. Also habe ich rumprobiert. 48 Stunden später kam ich ins Studio und hatte einen Weg gefunden. Ich imitierte die Stimmen der Jungen, aber ich tat es in einer ruhigen Art. Und von dort aus lernte ich, wie man es immer lauter machen konnte. Auch wenn man dasselbe Resultat bekommen kann, ohne so laut zu sein. Denn Laut ist das, was dir die Probleme einbringt. Es muss nicht weich sein. Aber die Aggression, die eine Person in die Stimme legt, bringt ihnen Probleme. Wenn die Stimmlippen auf so eine aggressive Weise zusammengebracht werden, schwellen sie an. Das passiert wenn die jungen Leute die CDs der Bands hören und es zuhause ausprobieren. So wie man es tun würde, wenn man wütend oder genervt ist. Die Muskeln in deinem Rachen können einen bestimmten Grad an Gewalt nicht aushalten.

 

Dabei lebt ja dieses Genre vor allem von seiner Emotionalität.

Ja, aber die Aufrichtigkeit muss aus der Seele kommen, nicht aus dem Rachen. Man kann das mit einem guten Schauspieler vergleichen. Der auch kein schlechter Mensch ist, nur weil er einen Bösewicht spielt. Ich nenne das „Überwachendes Ego“. Es erlaubt dir die Dinge aufrichtig zu tun, ohne die Kontrolle zu verlieren. Wenn du tourst und nicht diese Kontrolle über dich und deine Stimme hast, wirst du nicht durchhalten. Echte Wut zerstört. Wenn du immer wütender wirst, brennst du aus.  Leute lernen das irgendwann. Egal, ob sie zu mir kommen oder nicht.

 

Die meisten wählen den autodidaktischen Weg. Starten in ihrer Garage oder im Keller mit ein paar Kumpels und schreien drauf los.

Aber das geht nicht lange gut. Diese Szene ist komplett überladen. Wer Erfolg haben will, muss auf Tour gehen und viele Shows spielen. Und wenn du vier, fünf Jahre lang 28 Shows im Monat spielst, dann braucht du Ausdauer und die richtige Technik.

 

Wie lange dauert es, richtig schreien zu lernen?

Das kommt auf die Erfahrung an. Jeder kann das lernen. Aber es dauert unterschiedlich lang. Eine erfahrene Person braucht vielleicht vier oder fünf Stunden. Aber das sind wirklich Leute, die eine gute Kontrolle über ihre Stimme haben. Für Menschen, die bei null anfangen, ist es natürlich eine ganz andere Geschichte. Das kann viel länger dauern.

 

Wer kommt zu dir?

Entweder es kommen Menschen, die schon Stimmbandschäden haben, Menschen die es vermeiden wollen oder Menschen, die vielseitiger schreien wollen. Viele schreien sehr einseitig und wollen ihr Spektrum erweitern. Oder klingen wie ein bestimmter Sänger, den sie gut finden.

 

Hattest du auch schon Kunden bei denen ihre Hilfe zu spät kam?

Stimm-Operationen haben in der letzten Zeit rasante Fortschritte gemacht. Es gibt manche Menschen, die vertreten den Standpunkt: Ich kann tun, was ich will, zur Not lasse ich mich operieren. Das ist kein guter Weg. Nicht jeder Stimm-Chirurg ist ein guter Arzt. Und wenn etwas schief geht, kannst du deine Stimme für immer verlieren.

 

Warum überhaupt schreien?

Schreien ist eine starke Form sich emotional auszudrücken. Es strahlt pure Aufrichtigkeit aus. Und das ist ganz wichtig, in einem Genre in dem es um Authentizität und Leidenschaft geht. Es gibt keine Verstellung, keine Affektiertheit. Schreien ist die rohe Emotion – das zieht die Leute an. Wenn du es allerdings tust, um cool zu sein, lass es. Das fällt auch auf. Schreien ist sehr authentisch, es ist sehr echt. Aber es muss getan werden ohne Schaden zu hinterlassen. Weil es nicht normal ist, es 28 Tage im Monat zu tun.

 

Du hast eine besondere Stellung in dieser Szene. Auch weil du in dieser männerdominierten Szene eine Frau bist. Spielt das eine Rolle?

Das ist keine große Sache. Dass die Szene von Männern dominiert wird, liegt nur daran, dass mehr Männer Metal mögen als Frauen.  Ich bin nicht Mann oder Frau in dieser Situation, ich bin Experte. Da spielt mein Geschlecht keine Rolle. Und Hater wird es immer geben, ganz gleich, wer oder was du bist.