"Ich merke richtig, wie ich wütend werde"

Mø ist Popstar und singt Hits mit Justin Bieber. Am liebsten würde sie aber grade politische Songs machen.
Interview: Charlotte Haunhorst

Okay, ja, wir fangen mit der Aussprache an. Die Sängerin Mø spricht sich Moo, genau wie der Laut der Kuh, übersetzt heißt das so viel wie "Jungfrau" oder "junges Mädchen". Neben einem interessanten Namen hat die 1988 geborene Dänin ein düsteres Debütalbum und mehrere internationale Nummer-eins-Hits zu bieten: unter anderem Lean on mit Major Lazer (das, was 2015 andauernd im Radio lief) und derzeit Cold Water mit Major Lazer und Justin Bieber.

Am Freitag hat Mø ihren neuen Song "Drum" veröffentlicht, Samstagabend spielt sie im Technikum in München. Das Konzert ist ausverkauft.

jetzt: Du wirst als „typische, gelangweilte Dänin“ beschrieben.  Erkennst du dich darin wieder?

Mø: Ja, ich war wirklich lange sehr gelangweilt (sie dreht demonstrativ mit einem Finger eine Haarsträhe). Ich bin in einem Vorort von Odense in Dänemark aufgewachsen, da passierte kaum etwas. Als Kind dachte ich immer „Okay, ich lebe in einem Land, das keine Sau kennt. Niemand interessiert sich für uns.“

Ich bin als Kind oft in die Ferien nach Dänemark gefahren, es hat immer geregnet. War nicht gerade inspirierend.

Ich konnte das zumindest in meinem ersten Album verarbeiten.  Das handelt ja davon, wie es ist, in der Vorstadt aufzuwachsen und darauf zu warten, dass irgendetwas passiert.

Und wie ist das heute? Bist du immer noch so gelangweilt?

Ja, aber heute würde ich es eher "ruhelos" oder "abwesend" nennen. So wurde ich geboren. Aber klar, ich bin auch kein Teenager mehr. Die Welt hat sich verändert, ich habe mich verändert, in den letzten Jahren ist sehr viel passiert. Und ich bin jetzt auch professioneller. Ich würde nicht mehr zeigen, wenn mich etwas langweilt. Gerade war ich in den USA, dort finden die meisten es übrigens sehr exotisch, wenn sie hören, dass ich aus Skandinavien komme. Kaum jemand hasst Skandinavien. Das überrascht mich dann immer. Fühlt sich aber auch ganz gut an.

Lustig, dass du Skandinavien so kritisch sieht. Wir in Deutschland sind irgendwie alle der Meinung, dass ihr auf jeden Fall schöner und besser angezogen seid als wir. Das bessere Bildungssystem habt ihr auch. Ist dir das bewusst?

Ist das so? Ach, es gibt auch an Skandinavien eine Menge zu kritisieren. Wenn ich an die dänische Politik denke, fühle ich mich einfach scheiße. Da habt ihr in Deutschland übrigens vieles richtig gemacht. Ihr habt viele Flüchtlinge aufgenommen. Das fand ich so super.

Inwiefern fühlst du dich mit der dänischen Politik scheiße?

Ach, ich habe Momentan einfach das Gefühl, dass die Welt durchdreht. Seit mehr Flüchtlinge kommen, sind die Menschen in Dänemark sehr ängstlich. Es kommen immer mehr neue, seltsame, rechte Parteien bei uns auf. Die Leute driften immer mehr nach ganz rechts oder links, anstatt sich mal in der Mitte zu treffen, es gibt kaum noch Dialog. Ich hasse das. Aber gleichzeitig – und ich weiß, das klingt jetzt illusorisch und naiv – hoffe ich auch, dass es zukünftig gar nicht mehr so sehr darum geht, woher jemand kommt. Dass wir uns alle mischen und dieses komische "Stämmedenken" aufhört.

Aber wäre es dann nicht vielleicht klug, anstatt diese demonstrative "Ihr langweilt mich"-Attitüde aufzusetzen, etwas zu tun? Politische Songs zu schreiben, zum Beispiel?

Ja, es passiert so viel Scheiße, dass es höchste Zeit wird, wieder politisch zu sein. Ich meine, fucking Donald Trump droht gerade US-Präsident zu werden. Auf meinem kommenden Album wird es deshalb auch politische Songs geben. Es wäre gut, wenn ich sie jetzt schon rausbringen könnte, aber leider sind sie noch nicht fertig. Ich merke richtig, wie  ich richtig wütend werde, wenn ich darüber spreche. Da muss ich aufpassen.

Inwiefern aufpassen?

Na, diese Leute, die so extreme Positionen einnehmen, die haben vor allem Angst. Und auch wenn man ihre Ängste nicht versteht, muss man mit ihnen reden. Man kann nicht einfach singen „Fuck you, you stupid shit“ (sie steht auf, hüpft rum und fuchtelt mit den Armen). Sondern muss versuchen, sich in der Mitte zu treffen. Etwas Positives kommunizieren. Die eigene Meinung, aber so, dass sie jeder versteht. Ohne Wut. Wut sät nur mehr Hass.

Bevor du Popstar wurdest,  hattest du eine Punkband. War das auch die Langeweile?

Natürlich war ich vor allem Punk, um gegen meine Eltern zu rebellieren. Nicht falsch verstehen – ich habe eine tolle Familie. Aber ich war eben ein Teenager, alles veränderte sich. Tat weh und fühlte sich gleichzeitig doppelt gut an. Und das in einem kleinen Vorort. Gleichzeitig war ich nie ein klassisch schönes Mädchen, ich bin nie auf eine süße Tanzschule gegangen oder sowas. Sondern habe mich eher wie ein Junge angezogen und verhalten. Die ganze alternative Musikszene, Aktivismus und Punk, das zog mich an. Die Punkband war da ein logischer Schritt.

Heute bist du das komplette Gegenteil. Du machst Popmusik, dein letzter Song war zusammen mit Justin Bieber. Wie kam das?

Bevor ich so ein linker Punk wurde, habe ich Pop geliebt. Die Spice Girls, Vengaboys, Cher – das fand ich alles richtig toll. So albern das klingt: Ich hatte das Gefühl, deren Songs sprechen zu mir. In meiner Punkphase war diese Vorliebe natürlich indiskutabel und musste verheimlicht werden. Erst mit dem Älterwerden habe ich verstanden, dass man sich dafür nicht schämen muss. Dass das eben beides Seiten von mir sind. Ich habe dann etwas Radikales getan: Ich war einfach ist selbst. Heute gebe ich gerne zu: Ich liebe Pop! Aber eben auch Bands wie Black Flag und den härtesten Punk, den du dir so vorstellen kannst.

 

Naja, aber es ist auch kein Geheimnis, dass Pop sich besser verkauft als Punk.

Klar. Aber da denke ich nicht so viel drüber nach. Ich mache nicht Musik, um reich zu werden. Da hätte ich Anwältin werden sollen. Ich mache Musik, weil sie meine Ausdrucksform ist. Aber aus künstlerischer Perspektive muss man ja auch mal sagen: Major Lazer und Diplo machen keinen „Na na na“-Pop, sie verschieben die Grenzen, lassen andere Stile einfließen. Ich würde nie einen hohlen Song singen, der keine Bedeutung für mich hat. Und dann kann man ja auch noch an der Attitüde schrauben, wie man einen Song rüberbringt: Ich bringe Pop immer ein bisschen weird rüber, das ist auch besonders. Und nochmal: Ich liebe Pop, wirklich! Spice Girls finde ich super.

 

Ich kann das tatsächlich ganz gut verstehen. Wir haben früher auch immer aus Langeweile so getan als seien wir die Spice Girls. Ich war Sporty Spice.

Du hattest da aber echt Glück! Ich musste immer die langweilige Victoria sein. Nur, weil ich einen ähnlichen Haarschnitt hatte.

 

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