Jule Wasabi und Roger Rekless.

Jule Wasabi und Roger Rekless.

Fotos: BR / Philipp Wulk

Jule Wasabi ist HipHop-Journalistin. Deshalb hat sie oft mit Leuten zu tun, für die Frauen „Bitches“ und „Fotzen“ sind. Lange dachte sie, das gehört dazu. Dann würgte ein Rapper sie bei einem Interview, und seitdem hat sich ihr Blick verändert.

Roger Rekless ist schon seit den Neunzigern im Rapgeschäft unterwegs, als DJ, Rapper und Moderator. Außerdem ist er ausgebildeter Pädagoge und weiß, was Worte in Köpfen anrichten. Beim Zündfunk Netzkongress haben sie mit uns über Sexismus im Hip-Hop gesprochen.

jetzt: Jule, als Moderatorin in der Hip-Hop-Welt hast du jeden Tag mit sexistischen Kommentaren unter deinen Videos zu tun. Warum tust du dir das an?

Jule: Weil ich Hip-Hop liebe und daran glaube, dass Sexismus kein grundlegendes Problem dieser Kultur ist. Die meisten Kommentare sind wirklich nette Nachrichten. Es sind aber auch immer wieder sexistische Kommentare dabei. 

Unter deinen Videos sieht man aber doch viele Kommentare dieser Art: „Was für eine dreckige Fotze“ oder „Schaue mir das Video ohne Ton an und hole mir dabei einen runter“. Was machen solche Kommentare mit dir?

Jule: Am Anfang dachte ich mir: Wenigstens keine Kritik. Ich bin Moderatorin und natürlich wird auch über mein Aussehen gesprochen. Aber irgendwann habe ich gemerkt, dass die nur noch über mein Aussehen sprechen und gar nicht mehr über das, was ich sage. Ich bin bei diesem Thema viel sensibler geworden. Mittlerweile finde ich es auch immer anstrengender, damit umgehen zu müssen. Ich denke jetzt viel intensiver darüber nach, was für eine Frau ich sein will: Was trage ich? Was sage ich? Wie wirkt das auf Menschen?

Roger, als Rapper kennst du sexistisches Verhalten im Hip-Hop vermutlich nur zu gut. Was machst du, wenn du sexistisches Verhalten mitbekommst? Schweigst du, machst du mit, schaust du zu oder schreitest du ein?

Roger: Wenn ich so etwas mitbekomme, sage ich sofort etwas.  Aber das ist noch nicht lange so. Früher ist mir das nicht so aufgefallen. Früher hatte ich einfach keine Antenne für Sexismus. Ich sehe das wie Jule. Hip-Hop und Sexismus sollten sich ausschließen. Hip-Hop ist eigentlich eine Kultur, in der jeder willkommen ist.

Die Rapperin und Moderatorin Visa Vie sagt, Sexismus sei schon fast zu einem fünften Element des Hip-Hop geworden.

Jule: Ich würde sagen, der Sexismus hat sich eingeschlichen. Ich habe mich lange hinter dem Argument versteckt: Das ist Kunst und die sexistischen Texte sind nicht wörtlich zu nehmen. Aber mittlerweile wird mir die Verbindung zwischen den sexistischen Rap-Lyrics und dem Sexismus im Netz deutlicher. Die Kids, die online kommentieren, geben das wieder, was sie in der Musik mitbekommen. Trotzdem finde ich: Sexismus ist im Rap ein ungebetener Gast, den man wieder wegschicken kann – und eben nicht wesentlicher Bestandteil der Hip-Hop-Kultur.

 

Seit den Neunzigern gibt es harten Battle Rap in Deutschland, in dem es um „Mütter ficken“ und „Nutten“ geht. Was finden Hip-Hop Fans an dieser Sprache so faszinierend?

Roger: Ich habe in den Neunzigern zum ersten Mal Kool Savas gehört, der mit seinen Texten wirklich provoziert hat. Unsere Reaktionen darauf war: Krass! Was der da sagt! Wie der da redet! Es hat uns einfach geflashed, dass jemand sich so etwas traut.

 

Also die Faszination am Regelbruch?

Roger: Absolut.

 

Roger, du hast als Pädagoge lange mit Jugendlichen aus schwierigen sozialen Verhältnissen zusammengearbeitet. Übernehmen die die Sprache aus den Raptexten?

Roger: Die haben das relativ ungefiltert angenommen. Wenn die Rapper hören, die sexistisch über Frauen rappen, sagen die: „Ja, so macht man das“. Die Kommunikation on- und offline ist bei den Jugendlichen sehr ähnlich. Die meinen: „Wenn ich ‚Hurensohn’ sage, dann mein ich doch nicht Hurensohn, sondern ‚Hör mir doch mal zu’“. Aber im Internet ist es schon noch etwas krasser. Da werden Gedanken und Ideen ausgedrückt, die in den Jugendlichen drin sind, die sie aber sonst nicht rauslassen können, weil sie wissen, dass die nicht ok sind. Das Internet zeigt einem, was in den Köpfen der Menschen wirklich drin ist.

 

Jule, du hast in einem Interview gesagt, dass du Sexismus im Netz nicht so schlimm findest, wie in der direkten Begegnung. Warum?

Jule: Im Internet sind die Kids anonym, die Hemmschwelle ist niedriger, sie wollen provozieren. Es macht einen Unterschied, ob mir das jemand ins Gesicht sagt, oder das unter ein Video schreibt. Ich mache diesen Unterschied auch, weil ich sonst nicht damit leben könnte. Wenn ich das, was ich im Internet jeden Tag bekomme, wirklich ernst nehmen würde, hätte ich schon längst aufgehört. Im realen Leben hat noch nie jemand zu mir gesagt: „Ich will dich ficken und danach umbringen.“  

 

„,Hure‘ und ,Fotze‘ sind einfach ausdrucksstarke Wörter und im Rap möchte man nicht einfach ,Dummi‘ oder ,Blödian‘ sagen“

 

Du kritisierst den Sexismus im Netz. Hast du offline bisher keinen Sexismus erlebt?

Jule: Doch. Während eines Interviews hat mich der Rapper Taktloss gewürgt. An dem Tag war mein Partner, mit dem ich sonst die Interviews führe, nicht da, ich war alleine. Er hat sich so verhalten, wie sich mir gegenüber noch nie ein Mann verhalten hat. Während ich gesprochen habe, hat sich Taktloss immer wieder hinter mich gestellt und mich dann plötzlich am Hals gepackt. Ich habe gemerkt, wie ich Angst bekomme, mein Puls immer schneller wurde. Ich wollte nur noch weg. Die Situation hat mich wirklich verunsichert. Jetzt im Nachhinein sagt er, dass er es nicht so gemeint hat. Bis heute habe ich diese Erfahrung noch nicht richtig verarbeitet. Der Moment mit Taktloss war aber ein Wendepunkt. Seitdem denke ich kritischer über Sexismus nach.

 

Der erfolgreichste Deutschrap ist ausgerechnet der sexistischste. Kollegah und Farid Bang rappen zum Beispiel über Carolin Kebekus: „Wer dich Nutte fickt, ist zu faul zum Wichsen.“ Ist man bei solchen Texten überrascht, dass sich ähnlicher Sexismus in den Kommentarspalten wiederfindet?  

Jule: Ja, mich hat das lange überrascht. „Hure“ und „Fotze“ sind einfach ausdrucksstarke Wörter und im Rap möchte man nicht einfach „Dummi“ oder „Blödian“ sagen. Man möchte das Ultimative ausdrücken, die Steigerung der Steigerung. Das ist oft sexistisch, rassistisch oder homophob. Das darf Rap auch. Er will provozieren. Aber wenn ich höre, was Roger über seine Arbeit mit den Jugendlichen sagt, bringt mich das zum Nachdenken. Ich sehe, dass es für viele Jugendliche schwer ist, Realität von Kunst zu trennen. Wenn das mal in den Köpfen drinsitzt, ist das wie Gift.

Roger: Die Härte in den Texten erzählt immer von der Welt, aus der die Texte stammen. Wir müssen uns fragen, warum diese Welt so ist. Rap ist das Medium, das von denen erzählt, denen man sonst nicht zuhört. Ich habe während meines Studiums in München-Neuperlach gelebt. Wenn ich Kommilitonen von mir eingeladen habe, wollten die mich dort aber nie besuchen. Durch harten Rap bekommt der Mittelstand erst einen Einblick in das, was in manchen Vierteln des Landes los ist.

 

„Die Rapper müssen verstehen: Ein Wort hat fucking Gewicht!“

 

Tragen Rapper Verantwortung für ihre Texte?

Roger: Absolut. Ein schwuler Freund von mir hat mich vor ein paar Jahren wegen einer Textzeile kritisiert, die er als homophob empfand. Jetzt passe ich bei diesem Thema viel mehr auf. Man kann nicht einfach sagen: „Ich sag das einfach so, wie ich will“. Weil die Kids, die sich das anhören, das aufsaugen, das bestimmt ihr Männerbild. Für Jugendliche, die aus einem schwierigen sozialen Umfeld kommen, ist es ohnehin schwer, ihre Identität zu formen.

 

Inwiefern?

Roger: Weil sie aus vielen Männlichkeitsbildern ausgeschlossen sind. Männer, die so sprechen wie sie, erfolgreich sind und stark wirken, werden zu ihren Vorbildern. Sobald einem jemand zuhört, hat man Verantwortung für das, was man sagt. Die Rapper müssen verstehen: Ein Wort hat fucking Gewicht! Manche Menschen ändern sogar ihr Leben, wegen einer Platte. Unter den Jugendlichen, mit denen ich gearbeitet habe, gab es viele, die zu Rappern aufgeblickt haben. Einer hat zum Beispiel gesagt, „Ich glaube alles, was der Rapper Alpa Gun sagt“. Und es hat zwei Jahre Arbeit mit ihm und den anderen Jugendlichen gebraucht, bis sie verstanden haben: Es gibt einen Unterschied zwischen dem echten und dem Rap-Leben.  

Gibt es einen Weg, Hip-Hop zu machen, der subversiv ist und provoziert, ohne sexistisch und homophob zu sein?

Roger: Du bist unangepasst und provozierst, wenn du eben nicht sexistisch oder homophob bist: wenn du tiefsinnigere Texte über Gefühle oder Probleme schreibst.

 

Jule, glaubst du, du kommst auch irgendwann an den Punkt, an dem du sagst: Ich höre auf.

Jule: Nein. Ich finde es schade, dass es im Hip-Hop so wenige weibliche Künstlerinnen und Moderatorinnen gibt. Man braucht ein dickes Fell, aber ich würde trotzdem jeder Frau raten, in die Szene zu gehen. Und ich habe nicht den Eindruck, dass es bei meinen Kommilitonen im Jurastudium viel kultivierter zugeht, was Sexismus, Rassismus oder Homophobie angeht. Klar, im Hip-Hop ist das alles sichtbar, weil es offen ausgesprochen wird. Aber es gibt auch außerhalb der Hip-Hop-Welt Männer, die mir auf die Brust schauen, wenn sie mir nicht auf die Brust schauen sollten. Und das ist eigentlich nur die höfliche Variante von „Fotze, ich möchte dich ficken“. Das ist beides nicht cool. Ich werde in der Szene bleiben, weil sie ehrlich ist. Und die Probleme muss man als Aufgabe sehen. Man muss dem Rap auch Zeit geben. Es wird sich etwas verändern. Aber es wird dauern, bis wir zu einer Modernität im Hip-Hop finden. Und dann endlich sagen können: Es ist für alle Platz.

 

Nabila Abdel Aziz und Matthias Bolsinger sind Schüler der Deutschen Journalistenschule. Dieser Text ist entstanden im Rahmen des Zündfunk-Netzkongresses, dem Digital Kongress vom Bayerischen Rundfunk und der Süddeutschen Zeitung.

 

Mehr HipHop: