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Mit seinem neuen Album killt Yung Hurn den „Cloud Rap“

Das einst Anarchische an dieser Musik ordnet sich jetzt komplett dem Kapitalismus unter.
Von Johann Voigt
  • yung hurn cover
    Screenshot: youtube
 

Kulturkenner und Feiernde lieben „Cloud Rap“. Es weiß zwar keiner so richtig, was das ist, aber auf „wabernde Sounds“ und vermeintliche Dada-Reime können sich doch viele einigen. So frei ist diese Musik, die junge Männer und Frauen da im Internet veröffentlichen, so rebellisch, so unabhängig von der Musikindustrie, ein Spiegel der Generation X, Y oder Z. Drogen, Tanzen, Tränen, wow. Cloud Rap, das ist der neue Punk! Eigentlich wurde der Begriff mal vom Duo „Main Attrakionz“ in den USA genutzt, weil ihr Sound so vernebelt klang. Aber dort spielt die Bezeichnung längst keine Rolle mehr.

In Deutschland schon. Hier wurde der Wiener Rapper Yung Hurn zum Anführer der von außen konstruierten Bewegung auserkoren, obwohl er sich nie mit dem Begriff identifizieren konnte, ihn selbst nicht mal nutzte. Genauso wie die anderen angeblichen „Cloud-Rapper“ Rin, Crack Ignaz, Haiyti oder LGoony. Mit seinem neuen Album „1220“ entlarvt Hurn das Genre nun endgültig als Hirngespinst.

Die Tracks sind sehr professionell produziert worden, die „wabernden Synths“ sind dabei noch zu hören, der irgendwie abwesend klingende Gesang auch. Aber die Bandbreite der Sounds beschränkt sich eben lange nicht nur darauf. Auch die Idee der frei zugänglichen Musik in der Cloud ist spätestens mit „1220“ Geschichte, weil das Album eben doch auch auf CD und Vinyl veröffentlich wird und Hurn herkömmliche Vertriebswege nutzt. Die Vorstellung vom Mikrofon im Kinderzimmern, die Cloud-Rappern oft zugeschrieben wurde, bleibt eine Fantasie. Und mit Antikapitalismus oder Punk hat das Ganze auch nur sehr wenig zu tun. Yung Hurn ist längst zum It-Boy geworden. Die Musik ist nur ein Teil seiner Gesamtinszenierung.

„Alaba Ala-Alaba“: 2015 saß Yung Hurn in seinem Zimmer in Wien und leckte an einem Kaktus. Er trug ein Cap und ein Shirt von Nike, schielte verstrahlt in die Kamera und wiederholte lallend wieder und wieder den Namen seines Lieblingsfußballers – David Alaba. Seine Autotune-Stimme klang wie aus einer anderen Welt. Der Song zum Video hieß „Wiener Linien“. Es ging ums Schwarzfahren und um Koks. Den Namen Yung Hurn kannten damals zwar Fans der obskuren Internetcommunity Berg Money Gang oder der österreichischen Proto-„Cloud Rapper“ von Hanuschplatzflow, ansonsten aber niemand.

Seitdem hat sich viel getan. Der Clip wurde mittlerweile von Youtube gelöscht. Vielleicht passt der kindliche Hurn von damals nicht mehr in die aktuelle Inszenierung. Nike, deren Logo damals aus freiem Willen auf dem Shirt stand, zahlte vergangenes Jahr dafür, dass Yung Hurn sich mit der Marke schmückt. Für eine Kooperation wurde er mit dem bildenden Künstler Daniel Richter zusammengeführt, malte mit ihm ein Fußballtor und ließ sich die Haare schneiden. Natürlich trug er dabei Nike-Sneaker. 

Yung Hurn ist ein It-Boy geworden

Yung Hurns Video zu „Nein“, das 2015 auf dem Channel des Berliner Labels LiveFromEarth veröffentlicht wurde, legte den Grundstein für seine Karriere. Damals sah er noch aus wie der Jünger des schwedischen Rappers Yung Lean, trug Polo-Cap und eine Fake-Ming-Vase. Dann ging alles ganz schnell. Unzählige Videos folgten, zwei Mixtapes erschienen kostenlos im Internet. Jeder kannte plötzlich Yung Hurn, jeder wollte etwas mit ihm zu tun haben, aber er blieb beim „Nein“. Interviews gibt er kaum und wenn doch, dann mimt er den unberechenbaren Künstler. Vor allem aber baut er seine eigenen Kanäle aus. Bei Instagram hat er mittlerweile 265.000 Follower, also das Level eines mittelgroßen Influencers erreicht. Yung Hurn ist nach Berlin gezogen und hat sich zur Fashion-Ikone entwickelt, zumindest für ein U25-Publikum. Vermutlich folgen ihm viele Menschen, ohne seine Musik großartig zu verfolgen. Sie finden ihn schlicht als Typen cool und wollen an seinem Leben teilhaben.

Die Unmittelbarkeit und die Emotionalität, die „Cloud Rap“ immer zugeschrieben wurde, die hat Yung Hurn sich beibehalten. Sowohl in seiner Musik als auch in seinen Instagram-Stories, in denen er wirres, aber lustiges Zeug redet, seine Fans im Livestream verarscht und dabei gut aussieht. 

Die Musik, die Yung Hurn auf „1220“ gemacht hat, passt bestens zu seiner Inszenierung. Inhaltlich geht es darum, gut drauf zu sein, Drogen zu nehmen, auf Drogen zu feiern und Sex zu haben. Und dann schlecht drauf zu sein wegen der Liebe und dem Runterkommen. Auch auf Instagram inszeniert er sich als feierndes DIY-Kid, das immer die passende Kleidung trägt. Ironische Second-Hand-Teile kombiniert mit protzigen High-Fashion-Marken und Prada-Chic. Rough und fancy zugleich, so wie seine Soundästhetik.

Die Musik ist lange nicht alles

Marken sind mittlerweile ganz heiß darauf, etwas von dieser Ästhetik abzubekommen –  und Yung Hurn macht mit. Anders als es die Fans des freien „Cloud Rap“ vermutlich erwartet haben. Die Eröffnung eines Imbisses der Modeblogger Dandy Diary besuchen, ein Fotoshooting für die Vogue mitnehmen, das Gesicht einer riesigen Werbekampagne des Onlineversandhandels Zalando sein. All das gehört mittlerweile zu seinem Job, bringt vermutlich mehr Geld, als die Musik. Yung Hurn ist gefragt. Wenn er auf eine Party kommt, dann ist das ein Indikator dafür, dass die Party gut ist. Seine Songs spielen muss er dafür nicht unbedingt.

Natürlich ist diese Entwicklung völlig in Ordnung. „1220“ und die Werbedeals sind die logische Konsequenz aus einem von ihm entwickelten Style, den es im deutschsprachigen Raum so sonst kaum gibt. Das lässt sich verkaufen, das haben die anderen sogenannten „Cloud Rapper“ auch verstanden. Haiyti veröffentlichte ein Album beim Major-Label Universal, LGoony und Crack Ignaz kooperierten im großen Stil mit Red Bull, Rin hängt bei Musik-Awards rum. Gegenkultur ist das nicht gerade. Yung Hurn ist als letzter Rapper aus der Riege mitgezogen. „Cloud Rap“ ist nun endgültig vorbei.

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