Was junge CDU-Abgeordnete sich für die Zeit nach Merkel wünschen

Wie stellen sie sich die Politik ohne ihre Vorsitzende vor?
Von Johanna Roth

Angela Merkel gibt das Amt ab, das sie seit 18 Jahren innehatte: Sie will nicht mehr als CDU-Vorsitzende kandidieren. 18 Jahre, das sind vier US-Präsidenten und 22 HSV-Trainer. Diese Jahre haben auch die „Generation Merkel“ geprägt: Kinder, die geboren wurden, als Merkel die Partei 2000 übernahm, machen heute Abi. Sie kennen keine andere Kanzlerin als sie, keine andere CDU als die unter Merkel. Und andere, die damals gerade in die Schule kamen, sitzen heute selbst für die CDU im Bundestag. Können sie sich die Partei ohne ihre Vorsitzende überhaupt vorstellen? Und wie sollte sie aussehen?

Fragt man die CDU-Bundestagsabgeordnete Ronja Kemmer, fällt die Antwort klar aus: jünger. „Personell und auch thematisch muss unsere Generation stärker mit eingebunden werden“, sagt sie. „Bei den anderen Parteien ist es ja längst so, dass auch auf der Spitzenebene jüngere Stimmen vertreten sind. Bei uns nicht.“ Das muss sich dringend ändern, findet sie, denn in der Bundesregierung säßen schließlich auch nicht nur Menschen über 50.

„Ich glaube, dass ein Wechsel an der Spitze der Partei gut tun wird“

Ronja Kemmer, 29

Foto: oh

Kemmer, 29, ist bei der letzten Wahl schon zum zweiten Mal in den Bundestag eingezogen, 2014 war sie das jüngste Mitglied des Parlaments. Anders als bei vielen Kollegen sprudeln aus ihr nicht automatisch Worte der Dankbarkeit für die Vorsitzende, mit der sie groß geworden ist, wenn man sie auf Merkels Rückzug anspricht. Ihr erster Gedanke bei der Nachricht? „Dass das ein Zeichen dafür ist, dass sich die CDU erneuert. Ich glaube, dass ein Wechsel an der Spitze der Partei gut tun wird“, sagt sie. „Ganz grundsätzlich geht es erstmal darum, dass wir mit einem oder einer neuen Vorsitzenden wieder zu Inhalten und Sachthemen zurückkehren.“

Auch Ronja Kemmer lobt Merkels „unglaubliche Verdienste“, sich gerade bei kontroversen Entscheidungen wie der Abschaffung der Wehrpflicht durchgesetzt zu haben. „Merkel hat bei vielen Themen lange den richtigen Fokus gehabt. Man muss aber auch sehen: Politik ist immer eine Aufgabe auf Zeit“, sagt sie. Der Rückzug sei vor allem ein wichtiges Symbol für Aufbruch – „und das war nach 18 Jahren überfällig.“

„Ich will, dass wir Querdenker und Neudenker zusammenbringen“

Kai Whittaker, 33.

Foto: Steven Vangermain

Ihr Fraktionskollege Kai Whittaker, 33, vertritt den Wahlkreis Rastatt in Baden-Württemberg im Bundestag und ist schon 1999 in die CDU eingetreten. Da war er 14. Über die Zeit, die seitdem vergangen ist, sagt er: „Angela Merkel hat dem Land und der Partei unglaublich gut getan.“ Ihre Entscheidung, den Vorsitz jetzt abzugeben, habe ihn tief beeindruckt, weil sie so souverän sei. „In einem Moment, in dem sie das Heft des Handelns noch fest in der Hand hat, der Partei der Gelegenheit zu geben, sich neu aufzustellen für die Zeit nach ihr: Das zeigt einmal mehr, dass es ihr nicht um sich geht, sondern um die Partei.“

So spricht nur ein glühender Merkel-Fan. Und doch wünscht sich Kai Whittaker eine ganz andere CDU als die, die sie als Vorsitzende hinterlässt. Vor allem, was das Personal angeht. Die leitenden Posten und Gremien der CDU werden – wie auch bei der SPD – vor allem nach Proporz besetzt. Das bedeutet: Es wird genau darauf geachtet, dass das Verhältnis von Landesverbänden und unterschiedlichen politischen Strömungen innerhalb der Partei stimmt. „Bislang ist immer bloß die Frage, woher man kommt, und nicht, was jemand kann“, sagt Kai Whittaker. „Ich will, dass wir Querdenker und Neudenker zusammenbringen.“ Er wünscht sich, dass die CDU auch mal einen Ideenparteitag macht, wo es um Politik geht und nicht nur um Personen.

Jens Spahn zählt zum konservativen Flügel der CDU, was viele jüngere Wähler abschrecken könnte

Die Frage ist nun: Welche Person kommt nach Merkel? Bis jetzt gibt es drei mutmaßliche Kandidaten. Nur Minuten nach der Nachricht, die Kanzlerin werde den Parteivorsitz abgeben, meldete sich einer ihrer ältesten Gegner per Bild zurück: Nachdem Friedrich Merz vor 16 Jahren einen Machtkampf in der CDU gegen Merkel verloren hatte, will er sie nun beerben. Wie von vielen erwartet, haben aber auch Gesundheitsminister Jens Spahn, der Angela Merkel das Leben in den letzten Jahren nicht gerade leicht gemacht hat, und ihre Vertraute und CDU-Generalsekretärin Annegret Kramp-Karrenbauer jeweils Ansprüche angemeldet. Merz ist 62, Kramp-Karrenbauer 56 Jahre alt. Spahn ist mit 38 Jahren zwar deutlich jünger, er zählt aber zum konservativen Flügel der CDU, was viele jüngere Wähler abschrecken könnte. Merz Einfluss in der Partei reicht schon viel länger zurück als der von Spahn, sodass dessen Chancen wohl nicht die größten sind.

Für eine Verjüngung von ganz oben spricht das also eher nicht. Den jungen CDUlern geht es aber auch gar nicht unbedingt darum, wie alt der oder die neue Vorsitzende ist – sondern um das Gesamtpaket für die Erneuerung der Partei. Kai Whittaker findet außerdem: „Man kann auch mit jungen Jahren sehr altbacken sein“. Das könnte man als Seitenhieb auf den Jüngsten in der Fraktion verstehen. Philipp Amthor ist erst 25 und hat sich im vergangenen Jahr einen Namen gemacht, weil er einerseits die AfD im Bundestag zusammenstauchte, andererseits aber auch das konservative Profil der CDU stärken will. Damit wurde er so bekannt, dass es auf Facebook eine ironische Fanclub-Seite gibt, die „Philipp Amthor Ultras”.

Die CDU solle ihre Rolle als Volkspartei erhalten und enttäuschte Wähler zurückgewinnen

Philipp Amthor

Foto: Bernd Wüstneck / picture alliance

Amthor selbst teilt seine Vision der Politik nach Merkel per Mail mit: „Ich will eine Zukunft, in der wir stolz sein können auf unser Land und wir trotz zunehmender Individualisierung den Zusammenhalt in Deutschland und das Vertrauen in die Politik stärken.“ Die CDU solle ihre Rolle als Volkspartei erhalten und enttäuschte Wähler zurückgewinnen. Dazu wünscht er sich „Zukunftsmut, klare Linien und innerhalb der Partei eine wertegeleitete Debattenkultur mit Haltung, Stil und Anstand.“ Auch dieser Konflikt gehört natürlich zur Politik in der Merkel-Ära, er ist ein Teil des Erbes, das sie dem CDU-Nachwuchs hinterlässt: Harte Verluste bei den Landtagswahlen, eine über die Flüchtlingspolitik gespaltene Union und eine große Koalition, die vor allem durch Streit und Skandale auffällt, während ihre Erfolge kaum wahrgenommen werden.

Vor kurzem wurde beispielsweise das sogenannte Rückkehrrecht von Teilzeit- in Vollzeitjobs beschlossen, das vor allem jungen Familien bei der Vereinbarkeit von Kind und Beruf helfen könnte. „Im Moment arbeiten wir die Dinge aus dem Koalitionsvertrag ab, aber das kommt in der Öffentlichkeit nicht an. Das ist für mich auch frustrierend“, sagt Kai Whittaker. Und Ronja Kemmer ergänzt: „Der Streit und der Stil des Umgangs, den man in der Großen Koalition in letzter Zeit gesehen hat, hat alle Beteiligten beschädigt.“ Alle Beteiligten, das heißt auch: inklusive Merkel. Und mit ihr die Partei, in die die drei Jüngeren ihre Hoffnung setzen.

Aus ihren Forderungen an die Nachfolge erkennt man, dass sie eine ganz unterschiedliche Bilanz der Ära Merkel ziehen

Nicht nur deshalb könnte der Zeitpunkt von Merkels Rückzug für die junge Generation in ihrer Partei ein Vorteil sein. Denn die CDU steht vor einem wichtigen Schritt: Sie will ein neues Grundsatzprogramm entwickeln, und der Parteitag im Dezember, auf dem auch der oder die neue Vorsitzende gewählt wird, soll dafür wichtige Leitfragen verabschieden. „In dem Programm will ich nicht lesen, welche Wurzeln die Union hat – liberal, konservativ, christlich-sozial –, sondern was die heute bedeuten“, sagt Kai Whittaker. „Was ist die Mobilität der Zukunft? Was bedeutet Digitalisierung? Bei 400.000 CDU-Mitgliedern werden dazu einige was zu sagen haben. Aber die begegnen einander nicht und kommen auch nicht zu Wort.“ Er will deshalb die Struktur der Partei komplett renoviert sehen – und die Junge Union dabei als Vorreiter im Kampf für junge Themen. Denn die, kritisiert er selbst als JU-Mitglied, funktioniere bislang noch wie eine Mini-CDU. So sehr, dass es neulich zum Lacher im Netz wurde, als die Kanzlerin sich auf offener Bühne darüber lustig machte, dass wieder nur Männer im JU-Vorstand gelandet waren.

Auf einen Wunschkandidaten festlegen will sich zu diesem Zeitpunkt keiner der drei „Generation Merkel“-CDUler – Jens Spahn als jüngster Kandidat scheint also nicht automatisch zu ziehen. Und aus ihren Forderungen an die Nachfolge erkennt man, dass sie eine ganz unterschiedliche Bilanz der Ära Merkel ziehen. Philipp Amthor erwartet vom neuen Vorsitz „einen klaren Fahrplan, um unsere dramatischen Stimmenverluste zu stoppen.“ Kai Whittaker ist für den oder die Kandidatin, „der oder die am ehesten verspricht, den Strukturwandel in der Partei umzusetzen.“  Und Ronja Kemmer wünscht sich, „dass es jemand wird, der die Partei wieder zusammenführt, sie vereint und vor allem wieder versöhnt.”

Alle drei haben, jeder für sich, eine erstaunlich genaue Vorstellung davon, wie die CDU nach Angela Merkel aussehen sollte. Das zeigt: Merkels Rücktritt scheint nicht zum schlechtesten Zeitpunkt zu kommen, zumindest für ihre Partei. Wie es mit der Zukunft deutschen Politik nach dem Ende ihrer Kanzlerschaft aussieht, ist schwerer vorherzusagen – aber mitbestimmen werden Philipp Amthor, Ronja Kemmer und Kai Whittaker vermutlich auch dann. Die Generation Merkel fängt jetzt, da ihre Namensgeberin langsam von der politischen Bühne verschwindet, schließlich gerade erst an.

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