Die Züricher Gokart-Gang ist nur ein Fake

Foto: Screenshot Youtube / WD40

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Vor einigen Wochen tauchten im Netz Videos auf, die die Schweiz in Aufregung versetzten: Eine Gokart-Gang machte nachts die Straßen Zürichs unsicher. Die Fahrer ließen sich von Straßenbahnen den Zürichberg hochziehen und cruisten so schnell durch die Straßen, dass sie geblitzt wurden. Das Adrenalin ließen sie später bei geheimen Raves raus. Es war eine Underground-Szene, vor der sowohl die Polizei als auch die Medien warnten. Und die trotzdem (oder gerade deshalb?) extrem gehypt wurde.

Nun kam heraus: alles ausgedacht. Die Dokumentation "Der Wilde Werner". Der Facebook-User Luis Lienhard. Die Raves. Alles um die Züricher Gokart-Gang hat es nie wirklich gegeben. Sie ist ein Fake, eine Jan-Böhmermann-Idee in light sozusagen.

Hinter der Erfindung der Subkultur stecken nämlich zwei Jungs: Michael Schwendinger und Alun Meyerhans studieren an der Zürcher Hochschule der Künste und wollten für ihre Bachelorarbeit das Phänomen "FOMO" untersuchen. Dem Medienportal Watson gegenüber erklärt Alun: "FOMO ist eine Abkürzung für Fear of Missing Out, also die Angst, Happenings zu verpassen – das neue Pop-up-Restaurant, die Vernissage, die beste Party, die coolste Gästeliste. Ein in Zürich weit verbreitetes Phänomen."

Sogar das Blitzer-Video ist gefaket

Die zwei Filmstudenten wollten wissen, inwieweit digitale Medien FOMO verstärken können. Deshalb dachten sie sich den Gokart-Gang-Mythos aus, verbreiteten ihn gezielt über das Internet und spielten ihn den Medien zu. Für ihre Videos engagierten Michael und Alun Schauspieler. Vierzehn Tage lang drehten sie dann die nächtlichen Rennen. Sie seien aber nur mit maximal 20 km/h durch die Stadt gefahren, erzählt Michael im Interview. Und auch die Szene mit dem Blitzer sei nicht echt: "Wir haben einen externen Fotoblitz an dem mobilen Blitzkasten montiert und ihn ausgelöst, während wir ganz gemütlich daran vorbei gefahren sind."

Um auch wirklich eine große Reichweite zu bekommen, legten die Studenten zusätzlich bei Facebook einen Fake-Account an. Mit Luis Lienhard erschufen sie jemanden, der der Geschichte Authentizität verlieh – und dafür sorgte, dass die richtige Zielgruppe von der neuen Untergrundszene erfuhr: "Geholfen hat uns die erfundene Person Luis Lienhard, dessen Facebook-Profil wir mehrere Monate im Voraus bespielten, der mit allen hippen Menschen in Zürich befreundet war und als Filmemacher auftrat, der die Möglichkeit erhielt, die Gokart-Gang zu begleiten." Dabei kam die Dokumentation "The Wild Werner" heraus, die den Hype um die Gang noch einmal um ein vielfaches verstärkte.

Die Taktik der Studenten ging auf: Sämtliche schweizer Medien berichteten von der Gang, die Dokumentation "The Wild Werner" wurde in mehr als 100 Ländern angeschaut. Es funktionierte sogar so gut, dass den Studenten ein wenig unheimlich wurde. "Wir haben uns mit unseren Dozenten zusammengesetzt", sagt Michael. "Sie haben uns versichert, hinter uns zu stehen und uns motiviert, weiter zu machen."

Mit ihrer Bachelorarbeit wollten die Studenten nicht nur FOMO und die Auswirkungen digitaler Medien darauf untersuchen, sie wollten den Zürichern und auch den Onlinemedien einen Spiegel vorhalten. Alun sagt: "Mit der Auflösung jetzt soll man sich diese Fragen stellen: die Medien, wie sie mit gefälschten Videos und Bildern umgehen sollen. Die Konsumenten, was sie eigentlich von Medien erwarten, und die Menschen, inwiefern sie die Angst, etwas zu verpassen umtreibt." Die finale Botschaft, die in ihrer Bachelorarbeit steckt: Don't believe the Hype.

 

mew

 

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