Eine Geburt mit über 180.000 Zuschauern...

... lässt uns über die Live-Streaming-Etikette nachdenken. Gibt es eine?
Von Liza Marie Niesmak
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Foto: axelbueckert/photocase

Über den Kalifornier Kali Kanongata'a kann man schon jetzt, vor der Diskussion, sagen, dass er es übertrieben hat. Er streamte am Pfingstmontag nämlich die Geburt seines Kindes live bei Facebook. Und teilte das Video nicht nur mit Familienmitgliedern und Freunden, wie es ja auch möglich wäre, sondern mit der ganzen Welt. Und die Welt sah und sieht zu. Mehr als 180.000 Leute haben sich das Video bereits angeschaut.

Diejenigen, die das Video tatsächlich live sahen und nicht erst im Nachhinein angeklickt haben, feuerten die werdende Mutter sogar an ("You can do it, PUSSSSH"). Gut gemeint wahrscheinlich. Allerdings wusste die so Angefeuerte zunächst gar nichts von dem Live-Stream, wie der Vater des Kindes und Urheber des Videos im Telefoninterview mit einem lokalen US-Nachrichtensender zugab.

Es ist also leicht, unpassend und indiskret zu finden, was Kanongata'a gemacht hat: die Mutter seines Kindes bloßstellen und dabei wahrscheinlich selbst von der Geburt kaum etwas mitbekommen. Im Vergleich zu dem, was in der jüngeren Vergangenheit in Live-Streams geteilt wurde, ist der Stream in den Kreißsaal allerdings fast schon wieder harmlos:

Das tragischste Beispiel ist wohl eine junge Französin, die ihren Selbstmord auf Periscope streamte. Drei amerikanische Teenager im Alter von 14 bis 15 Jahren gingen dort ebenso mit einem Video live, das sie beim Sex zeigt. Und eine weitere Periscope-Nutzerin musste sich kürzlich vor Gericht verantworten, weil sie die Vergewaltigung ihrer Freundin live streamte – anstatt ihr zur Hilfe zu kommen.

"Ein großartiges Medium für unverfälschte Inhalte" 

Man würde meinen, dass es für das, was man bei Facebook Live oder anderen Streaming-Diensten teilt, unausgesprochene Regeln gibt. So wie irgendwann der letzte deiner Facebookfreunde begriffen hat, dass er über die chronische Untreue seiner Ex-Freundin kein Status-Update verfassen muss. Doch gerade das Regellose, Ungeplante und Unperfekte ist es ja, was das Live-Format so aufregend macht. Das, was ihm die Unmittelbarkeit gibt. Niemand kann vorhersagen, was passieren wird. Nichts kann vorher zensiert werden. Versprecher und kleine Pannen sind verzeihbar und gewollt. Findet auch Mark Zuckerberg. In einem Interview mit Buzzfeed sagte er, dass die Live-Funktion "ein großartiges Medium für unverfälschte Inhalte" sei, das "Nutzern den Druck nimmt, ob sie ein Foto oder Video posten oder nicht."

Das "echte" Leben live auf Facebook? Ein schöner Gedanke – der aber Probleme mit sich bringt. Denn offenbar fehlt beim Live-Streaming noch das Gespür dafür, ab wann eine fremde oder die eigene Scham- und Schmerzgrenze überschritten ist. Bei jeder neuen Technologie muss sich erst einpendeln, was okay ist und was zu viel. Beim Live-Streamen sind wir da offenbar noch ganz am Anfang. Wer live streamt, der tut das momenten vor allem in der Absicht, besonders authentisch rüberzukommen. Besonders viel von seinem wahren, unoptimierten Ich rüber zu bringen. Ohne Rücksicht auf Verluste. 

Auch beim Live-Stream auf Etikette achten 

Dabei sollte man, egal wie verlockend die neue Unmittelbarkeit ist, auch im digitalen Leben Rücksicht auf die Intimsphäre seiner Mitmenschen nehmen. Dabei hilft: Zweimal darüber nachdenken, ob sich der Moment grade wirklich für einen Live-Stream eignet,  bevor man sich auf Facebook öffentlich blamiert oder Kritik aussetzt. Einmal tief durchatmen. Bis Zwölf zählen. Oder zumindest von 1.022 bis 1.024, so wie man es in der Fahrschule gelernt hat, um den Sicherheitsabstand abzuchecken.

Denn Facebook selbst wird einem diese Zensur nicht abnehmen. Dort interessiert man sich nur für das, was offenkundig zu nackt, zu gewalttätig oder zu rassistisch ist. Peinlichkeiten hingegen müssen schon von jedem persönlich erkannt oder halt von der Facebook-Gemeinde geächtet werden.

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