Und überall sind Kameras

Mit einer interaktiven Karte will Max Kamba sämtliche Überwachungskameras erfassen – aus Protest gegen den Sicherheitswahn.
Von Melanie Wolfmeier
Bild: Screenshot/ Surveillance under Surveillance

Auf der Trauerfeier für die Opfer des Münchner Attentats ließ Horst Seehofer folgenden Satz fallen: "Sicherheit ist das höchste Gut einer Demokratie." Neben einer verstärkten Polizeipräsenz will er auch die Zahl an Überwachungskameras drastisch erhöhen.

Vielleicht sind es Pläne wie diese, die Max Kamba dazu bewegt haben, auf openstreetmap.org eine Karte mit sämtlichen Überwachungskameras der Welt anzulegen. Sein Projekt "Surveillance under Surveillance" ist interaktiv.  Jeder, der sich einen Open-Street-Map-Account zulegt, kann also mitmachen – und wird auch explizit von dem Initiator dazu aufgefordert. Was Kamba damit zeigen will ist, dass aufgrund des steigenden Bedarfs an Sicherheit andere Güter für unsere Gesellschaft verloren gehen: nämlich die Privatsphäre und vor allem die Freiheit. Und damit klinkt er sich in die Dauerdiskussion ein: Was ist wichtiger? Freiheit oder Sicherheit?

Auf Kambas Karte lassen sich nicht nur die einzelnen Kameras markieren, durch unterschiedliche Icons lässt sich auch festhalten, ob es sich um unbewegliche oder 360-Grad-Kameras handelt. Außerdem stehen verschiedene Farben zur Verfügung, die signalisieren, ob das Geschehen auf einem öffentlichen Platz, einem Privatsitz oder in einem Gebäude aufgezeichnet wird. Auch die Winkel, in welchen die Kameras die Szenen erfassen, lassen sich eintragen.

Überwachung als Antwort auf den Terror

Kamba erklärt der Seite Netzpolitik.org: "In unseren Städten gibt es kaum noch einen öffentlichen Raum, der nicht unter dauernder Beobachtung steht. Vielen scheinen die Kameras nicht mal aufzufallen und wenn doch, nicht zu stören. Dient ja der 'Sicherheit' und 'wer nichts zu verbergen hat' …" Es stimmt: Kameras fallen in der Umgebung mittlerweile genauso wenig auf wie Gartenzwerge in Schrebergärten. Es gibt sie in vielen Bussen, auf öffentlichen Plätzen, in Geschäften. Und selbst, wenn man sie anfangs noch befremdlich gefunden hat, ist man manchmal irgendwie auch froh über den vermeintlichen Schutz des Linsenauges.

Vor allem jetzt, in Zeiten, in denen Anschläge und Attentate vermehrt auftreten, scheint eine Aufwertung der Überwachung nicht mehr so verdammenswert zu sein – zumindest wird mehr darüber geredet. In einem Interview mit der Zeit kritisiert der israelische Psychologe Carlo Strenger die Abneigung in Deutschland gegen mehr Überwachung: "In Deutschland herrscht eine gefährliche Abneigung gegen Geheimdienste. Aber gerade Linke dürfen den Wunsch nach Sicherheit nicht als reaktionär betrachten. Die Leute haben Angst, und zwar zu Recht." Dem Staat solle man seiner Meinung nach mehr Macht erteilen, um die Menschen zu überwachen, ihm mehr vertrauen.

Die weißen Flecken auf der Karte als Indikator für eine heile Welt?

Doch genau das will Kamba mit seiner interaktiven Karte verhindern. Er will das Bewusstsein für die zunehmende Überwachung wieder schärfen. In Hannover gibt es auch schon über 1100 Einträge von Sicherheitskameras, die sein Vorhaben unterstützen. In Berlin sind es um die 1000. Doch dann gibt es auch noch so weiße Flecken wie  zum Beispiel Kassel.  "Da scheint die Welt noch in Ordnung zu sein", meint Kamba, fügt jedoch hinzu: "was ich allerdings nicht glauben kann."

Die Entlarvungskarte mag gut gemeint sein. Ein Leben wie in George Orwells Buch "1984" zu führen, wo man dauernd und überall die Augen der Regierung auf sich ruhen hat – wer will das schon? Andererseits könnte so eine Karte eben auch von Menschen mit weniger hehren Zielen  genutzt werden, die durch sie wissen, wo überall ungesicherte Bereiche sind, die sie mithilfe der Karteninformationen nutzen können. Vielleicht will aber auch einfach verliebtes Paar seine Freiheit nutzen, sich unbeobachtet zu küssen. Ob es sich lohnt, diese Freiheit für noch mehr Überwachung aufzugeben? Kambas Antwort wäre wohl: Nein.

 

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