„Ich wünschte, ich hätte dich angefurzt"

Illustration: Katharina Bitzl

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 Maya will feiern, will tanzen, will Spaß haben. Sie ist beim Hamburger HipHop-Festival Spektrum und steht in der Menge, als ein Typ ihr, aus der Anonymität der Menge, an den Hintern fasst. Sie ist genervt, sie ist wütend, zornig und verzweifelt. Ihre Gefühle tippt sie in einen Text und veröffentlicht ihn auf der Facebook-Seite der Veranstaltung. Sie wünscht dem Täter wortwörtlich "Scheiße an seine Grabbelhand" – als Metapher für das erniedrigende Gefühl, das sie den ganzen Tag mit sich herumtragen musste. Der Post sammelt über 10 000 Likes und wird knapp 150 Mal geteilt. Am Telefon erzählt Maya von dem Vorfall und sagt deutlich, was sich endlich ändern muss. 

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Bild: Screenshot/Facebook

jetzt: Wann hast du den Entschluss gefasst, den Post zu schreiben?

Maya: Da stand keine große Überlegung dahinter. Ich war so wütend und es wurde immer schlimmer. Ich wollte nicht, dass so etwas wieder mal einfach passiert und es keine Reaktion gibt. Ich wollte es nicht einfach so durchgehen lassen. So viele Frauen erleben das. Die Idee zum Text kam mir Samstagnacht. Sonntagvormittag habe ich es dann ausformuliert und aufgeschrieben. Mit so viel Resonanz hätte ich aber nie gerechnet.

Kannst du den Vorfall beschreiben?

Ich stand beim Konzert in der Menge und merkte, wie mir jemand an den Arsch grapscht. Ich hab’ mich umgedreht und gefragt, was das soll und wer das war. Da standen drei, vier Typen, die alle betreten auf den Boden geguckt haben. Dann hab’ ich die noch mal einzeln gefragt, aber keiner hat was gesagt. Aber das ist ja nicht alles. Ich war einmal ganz vorne beim Konzert und danach nie wieder. Die ganze Zeit packen dich irgendwelche Typen an den Schultern an oder sie lassen dich vor und fassen dir dann an die Hüfte. Und das ging vielen Frauen so, mit denen ich geredet habe. Das ist einfach nur super unangenehm.

Wie war die Rückmeldung auf deinen Post?

Sehr gemischt. Ich hab’ total viel Unterstützung für meinen Text bekommen. Nicht nur von meiner Familie und von meinen Freunden, sondern auch von vielen Fremden. Das war total toll. Viele Frauen haben mir geschrieben, wie gut und wichtig sie meinen Text finden. Weil sie ähnliche Erfahrungen gemacht haben und deswegen nicht mehr auf Konzerte gehen. Auf der anderen Seite habe ich mega viel Hass bekommen. Ich hätte nicht gedacht, dass Leute so dumm sein können. Da kamen Kommentare wie „sei froh, dass dich überhaupt jemand anfasst“ oder „es war bestimmt ein Versehen“. Manche haben auch gefragt, ob ich eine Leggins anhatte. Ich hab auch Nachrichten bekommen von Leuten, die mir gesagt haben, ich sei voll eklig, oder dass sie mir Aids wünschen. Einige haben mich auch einfach nur ausgelacht.

Das Spektrum ist ein Hip-Hop-Festival. Ist das ein Problem der Rap-Szene im Speziellen?

Ich hoffe nicht. Ich wünschte nicht. Ja, es gibt sexistische Texte und manche junge Hörer können nicht zwischen Kunst und Realität differenzieren. Aber man kann das nicht pauschalisieren. Es ist eher ein gesellschaftliches Problem. Manche haben auch geschrieben: „Geh doch auf Techno-Festivals“. Da ist mir das genau so passiert.

Was müsste sich ändern?

Das Thema geht alle etwas an: Besucher, Veranstalter und auch die Künstler. Bei manchen Festivals gibt es Plakate, die auf das Problem hinweisen und deutlich machen, dass es nicht geduldet ist. Einige bieten sogar extra Ansprechpartner für solche Fälle. Das schafft eine Atmosphäre, die zumindest ein Stück weit sicherer ist. Aber das sind nur Strukturen und Maßnahmen, die es eigentlich gar nicht geben müsste. So kitschig das klingt, aber jeder muss an sich arbeiten und verstehen: Ich kann nicht die Grenzen anderer definieren. Jeder definiert seine Grenzen und seine Freiheiten selber. Niemand hat das Recht, über die Körper anderer Menschen zu verfügen.

Welche persönliche Konsequenz ziehst du daraus?

Ich habe keine Lust, mir Konzerte dadurch versauen zu lassen. Aber es ist schon immer diese permanente Angst da. Ich geh zu einem Festival, weil ich da Bock drauf hab. Weil ich gut gelaunt bin. Viele haben geschrieben: „Warum hast du ihm nicht eine reingehauen?“ Selbst wenn ich gewusst hätte, wer das war – ich hab’ keine Lust auf Aggression. Ich bin da, um das Konzert zu genießen. Nicht, um mich zu prügeln. Es gibt einen Unterschied zwischen Mainstream-Veranstaltungen und Anti-Sexistischen-Veranstaltungen. Dort gibt es Strukturen, an die man sich wenden kann, wenn so was passiert. Da entscheide ich mich in Zukunft eher für solche Veranstaltungen.

Denkst du, der Täter hat den Post gelesen?

Vielleicht nicht mein Täter. Aber viele andere.

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