Millennials sollen die Welt retten?

Dafür müssen wir uns allerdings grundlegend ändern. Fünf Denkanstöße.
Kommentar von Charlotte Haunhorst
Illustration: Johannes Englmann

Eigentlich ging es schon vor der US-Wahl los. „Millennials würden Hillary wählen“ lautete die Schlagzeile einer Meldung, die massenhaft durch die Timelines lief. Darunter eine Grafik mit dem Umriss der USA, fast alle Bundesstaaten darin sind blau eingefärbt. Denn blau, das ist die Farbe der Demokraten. Die Botschaft dahinter: Wären wir, die jungen Menschen unter 35, in der Mehrheit und nicht die alten Säcke, wäre alles besser.  

Jetzt, wo Donald Trump tatsächlich der 45. Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika wird, hat sich die Zirkulation dieser Meldung verzehnfacht. Dazu Texte wie „Wir sollten mehr Kinder machen, denn die Welt braucht bessere Erwachsene“ oder „Lasst uns doch gemeinsam einen neuen Planeten suchen.“ Dieser Mechanismus ist nicht neu, es gab ihn auch schon nach dem Brexit, bei dem auch schnell klar war: Die jungen Leute waren für den Verbleib Großbritanniens in der EU. Zumindest theoretisch, in der praktischen Umsetzung haperte es. Aber dazu unten mehr.

Ähnlich wie beim Brexit sind auch jetzt die Sorgen groß: Was wird nun aus unser schönen, freien Welt? Viele machen sich Gedanken über die Bundestagswahl 2017, bei der wir mit der AfD ebenfalls eine rechtspopulistische Option haben, die viele Leute anspricht. Die Wahlen in Sachsen-Anhalt, Mecklenburg-Vorpommern und Berlin waren da schon dunkle Vorzeichen: In Sachsen-Anhalt wählte jeder Vierte unter 25 Jahren AfD.

Der Tenor ist also eindeutig: Wir, die jungen Leute, sind in der Verantwortung. Wir müssen etwas tun, damit diese ganze Mischung aus Hass, Menschenverachtung und Abschottung, die da gerade in den USA aus einer riesigen Eiterblase ausläuft, nicht auch nach Deutschland rüberschwappt. Beziehungsweise dass der Eiter, der sich bei uns ja durchaus auch ansammelt, schnell und sicher wieder abfließt. Die theoretische Diskussion darüber ist bereits in vollem Gange. In Metadiskussionen sind wir schließlich sehr gut. Aber Diskussionen alleine reichen nicht. Wir müssen konkret etwas tun. Fünf Gedanken, wie das aussehen könnte:

1. Kapieren: Unser Weltbild ist nicht automatisch das der anderen.

Klingt phrasig, ist aber keine Selbstverständlichkeit. Klar, die Filterbubble hat das Ignorieren anderer Meinungen vereinfacht. Aber auch in der realen Welt ist es doch so: Mit Menschen, die anders leben als man selbst, für die anderen Themen wichtig sind, hat man kaum noch zu tun. Vielleicht noch in der Grundschule, danach geht es mit seinesgleichen auf die höheren Schulen. Viele Akademiker haben in ihrem engen Freundeskreis niemanden, der eine Ausbildung gemacht hat. Der auf dem Land wohnt. Langfristig von Hartz IV lebt.

Das hat uns gegenüber ganz grundlegenden Dingen zu unkritisch gemacht. Denn ein Großteil von uns profitiert von unserem System. Freut sich über Globalisierung, weil man so bequem überall hinreisen kann. Leute, die kein Englisch sprechen, nie von zu Hause rausgekommen sind? Kurios bis bemitleidenswert.  Kapitalismus? Ist zwar irgendwie unmenschlich – aber hey, im Supermarkt kann man Ben & Jerry’s oder Häagen Dasz kaufen! Und die Welt wird auch nicht gerettet, weil einer alleine in den Wald zieht.

Aus dieser Position heraus allerdings beurteilen zu wollen, wie die Menschen denken, fühlen und handeln sollten, die am Kapitalismus zugrunde gehen oder wegen der Globalisierung ihren Arbeitsplatz verloren haben, ist überheblich. Derzeit wird viel über die „angry white men“ diskutiert,  die angeblich nicht verstanden haben, dass Trump Amerika vor die Wand fahren wird. Und über die Frauen, die zu doof waren um zu verstehen, dass er ein Chauvinist ist. Aber gerade das ist doch das Problem: Wir kennen diese Menschen nicht und deshalb können wir sie gar nicht verstehen. Wir können uns nicht vorstellen wie das ist, wenn „genug zu Essen haben“ und „Arbeit finden“ die Hauptprobleme eines jeden Tages sind. Dass Probleme wie Rassismus, Sexismus und Lügen dann in den Hintergrund treten. Und missachten bei all unserer Wut die Tatsache, dass viele dieser Menschen, die wir so gerne als „abgehängt“ bezeichnen, eben auch demokratisch gewählt haben. Ganz so einfach kann die Antwort auf das "Warum Trump?" also nicht sein.

2. Zu wissen, dass es andere Weltbilder gibt, ist gut. Sich mit ihnen auseinanderzusetzen ist anstrengend, aber noch besser.

 

Um andere Menschen wirklich zu verstehen, brauchen wir mehr Durchmischung. Bedeutet: Nicht nur im Geiste Syrien befrieden, sondern auch dort hingehen, wo andere Leute mit anderen Meinungen sind. Im Fußballverein, beim Tanzen, im Chor. Als man jünger war, ging das doch auch. Ansonsten drüber nachdenken, ob Politik wirklich so schlimm ist, dass man sich da auf keinen Fall engagieren möchte. Vielleicht auch eine Jugendbewegung gründen, wie das gerade schon auf Facebook passiert. Und dabei Fragen stellen. Warum hat die Rewe-Kassiererin Angst um ihre Rente? Warum wählt unser Klassenkamerad aus der Grundschule jetzt AfD? Und warum gab es eigentlich nur ein Arbeiterkind in meinem Uni-Kurs?

 

Diese neue Aufmerksamkeit muss sich auch in Medien widerspiegeln. Denn wenn das Auftauchen einer Putzfrau auf einer SPD-Veranstaltung ein Riesenereignis ist, zeigt das vor allem, wie wenige von uns mit Putzfrauen befreundet sind.

 

Bei all dem darf und muss man natürlich auch weiterhin sagen: „Die AfD ist doof“. Oder gemeine Trump-Gifs teilen. Aber sich lustig machen allein reicht nicht mehr. Weil man dabei vergisst, dass man sich nicht nur über einen Menschen, sondern über ziemlich viele lustig macht – der enorme Anteil an Trump- und AfD-Wählern zeigt es ja gerade.

Sich über sie und ihre Inhalte nur lustig zu machen, ist keine inhaltliche Auseinandersetzung. Das macht sie weder leiser, noch schwächer, noch entkräftet es ihre Argumente. Es drängt sie gemeinsam an den Rand. Schweißt sie zusammen in ihrer Ablehnung. Man redet über sie, statt mit ihnen. Und sie werden sich berechtigterweise wehren. Wenn auch vielleicht nicht so laut wie ihre Anführer, die Trumps, Höckes und Farages, dann zumindest mit ihrem Kreuz bei der nächsten Wahl.

 

Natürlich ist die ernsthafte Auseinandersetzung mit Weltbildern, die man selber ablehnt, anstrengend. Man muss den anderen dabei Raum geben. Sich selbst rechtfertigen und hinterfragen. Und sowieso: „Die Deutschen sind ein harmonisches Volk“, sagte ARD-Wahlexperte Jörg Schönenborn am Mittwoch im Brennpunkt. Aber wenn es diese Auseinandersetzungen nicht jetzt gibt, ist das wirklich das Ende der freiheitlichen Welt, wie wir sie kennen. Wir werfen den Rechtspopulisten und Trump-Wählern oft vor, dass sie es sich zu einfach machen. Argumente verkürzen oder ignorieren. Aber genau das tun wir auch, wenn Humor unsere einzige Antwort bleibt und wir gar nicht erst echte Diskussionen wagen.  

3. Wir müssen wieder richtig diskutieren lernen.

 

Sind wir theoretisch ganz groß drin. Wir philosophieren gerne beim Wein. Haben kein Problem damit, auf Facebook unter Posts von Freunden unsere Meinung zu schreiben. Viele haben nicht mal ein Problem damit, ihre Meinung ungefragt ins Spiegel-Online-Forum zu schreiben. Aber das ist keine echte Diskussion.

 

In echten Diskussionen machen wir ziemlich schnell schlapp. Sagen Dinge wie „Ach, du willst mich ja nicht verstehen“ oder den Pädagogensatz des Todes „Wer es lauter sagt, hat nicht automatisch recht.“

 

Wenn wir denn überhaupt mal mit einer anderen Meinung als unserer eigenen konfrontiert werden. Meist sind das dann ältere Leute wie Opa, der wieder irgendwas Ekliges über „die Asylanten“ sagt. Dann schalten wir auf Durchzug oder verlassen den Raum. Weil wir denken, dass es eh nichts bringt. Aber auch Opa geht wählen. Diese Generation und die unserer Eltern wird noch längere Zeit bei Wahlen ein entscheidender Faktor sein. Unsere Ignoranz ist auch viel Bequemlichkeit. Diskussionen basieren darauf, dass man wirklich zuhört. Argumente entwickelt, sich vielleicht auch mal anschreit und verletzt. Aber danach eben auch den Standpunkt des anderen nicht nur wahrgenommen sondern sich damit auch auseinandergesetzt hat. Und das Gute ist: Das funktioniert in beide Richtungen.

 

4. Das große Ganze ist eben doch wichtig.

Wenn man mal ganz tief in sich hineinschaut, muss man zugeben: Zusammenhänge zu durchdringen, ist für uns mindestens genau so anstrengend geworden wie richtige Diskussionen. Oberflächlich betrachtet sind wir super informiert. Scannen täglich die Überschriften auf Nachrichtenseiten und sozialen Netzwerken. Was wir nicht verstehen, gucken wir auf Wikipedia nach. Aber mal ganz ehrlich: Sich richtig in etwas hineindenken, auch wenn es spröde aufgeschrieben ist? Sich über Stunden in die Rentenfrage einlesen? Das tut kaum noch jemand. Wann auch? Da gibt es ja noch das Video aus der letzten Böhmermann-Sendung. Die Whatsapp-Nachricht von Mama. Die Mail vom Prof. Und dann ist da ja auch schon der Umsteigebahnhof.

 

Dabei ist es wichtig, Zusammenhänge zu durchdringen. Inhalte zu kennen, nicht nur Personen. Insbesondere bei Themen, die uns am Herzen liegen. Wer mit einem AfD-Sympathisanten diskutieren will, ohne Hass und Angst gesellschaftsfähig zu machen, braucht Munition. Wie ist denn der Zusammenhang zwischen Flüchtlingen und Kriminalität wirklich? Welche Mechanismen sichern, dass es in Deutschland keine „Lügenpresse“ gibt? Bekommen Flüchtlinge wirklich mehr Geld als Hartz-IV-Empfänger? Diese Themen sind vorhersehbar, man kann sich auf sie vorbereiten.

 

Oft ist aber genau das das Dilemma bei Diskussionen mit Personen mit einem anderen Weltbild: Die haben ihre Hausaufgaben gemacht. Weil sie Themen haben, über die sie ständig reden. Die sie Menschen aufdrängen. Bei denen sie es gewohnt sind, sich verteidigen zu müssen. Wir lernen das hingegen gerade erst wieder. Wenn man dann aber tatsächlich Ahnung hat, kann man unerbittlich sein. Wenn man sich nicht perfekt auskennt, sollte man hingegen zumindest darauf trainiert sein, Phrasen zu erkennen. Genauer nachfragen, wenn jemand in seiner Argumentation wankt. Widersprüche aufdecken, Belege einfordern. Ja, das klingt alles wahnsinnig anstrengend. Aber wenn wir nicht genau so hartnäckig unser freiheitliches Weltbild verteidigen wie die ihr von Angst geprägtes, können wir nicht gewinnen.

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5. In den Geschichtsbüchern geht es nie um die Diskussionen. Sondern darum, was am Ende getan wurde.

 

Aktuell diskutieren wir sehr viel darüber, wie die Welt aussehen soll. Aber seien wir ehrlich zu uns: Wie viel tun wir wirklich? Viele von uns schaffen es ja nicht einmal, wählen zu gehen. Zur Abstimmung über den Brexit ist die Hälfte der Unter-35-Jährigen einfach nicht hingegangen. Bei der US-Wahl haben sich in dieser Altersgruppe gerade einmal 58,5 Prozent der junge Leute überhaupt registriert. Wie viele am Ende tatsächlich gewählt haben, ist noch nicht bekannt, insgesamt lag der Anteil an Millennials (in diesem Fall 18 bis 30-Jährige) an der Gesamtwählerschaft bei 19 Prozent. Und auch in Deutschland ist unsere Wahlfreude nicht hoch. Zur Bundestagswahl 2013 sind nur 60 Prozent der jungen Menschen unter 25 hingegangen. Wenn wir am Ende sagen wollen: „Wir waren dagegen“ muss das bis zur Bundestagswahl 2017 mehr werden. Denn alte Leute, Rechte, wütende Menschen – die gehen auf jeden Fall hin. Noch besser wäre es natürlich, wenn die vorher noch einmal über ihre Meinung nachdenken. „Beziehungsarbeit“ nennt man das wohl. Tut auch oft scheiße weh. Aber viele Paare bleiben danach zusammen.

 

Mehr über die US-Wahl und wie wir uns jetzt fühlen:

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