Warum Neo-Nazis nicht gehauen werden dürfen

Und Schadenfreude über den Schlag gegen Richard Spencer nicht cool ist. Auch ironisch nicht. Echt nicht.
Kommentar von Friedemann Karig
richard spencer screenshot
Foto: Screenshot / Youtube

Seufz. Dass man es immer noch aufschreiben muss, nervt ja eigentlich am meisten. Aber meine Timeline läuft über vor dieser dick aufgetragenen Ironie, die den harten Kern der Botschaft aufweichen soll wie bei einem moralischen Tiramisu. Sie sagen: Eigentlich ist es nicht okay, Menschen zu hauen. Aber Neo-Nazis – vor laufender Kamera, hihi, vielleicht als Meme geremixt, hoho, mit cheesy 80er-Musik unterlegt, hehe – dann halt doch.

Richard Spencer, seit seiner „Hail Trump“ Rede zur US-Wahl weltweit bekannter amerikanischer Neo-Nazi, hat eins auf die Fresse bekommen. Von einem schwarz vermummten Antifaschisten. Bei einem TV-Interview in Washington. Während ansonsten bemerkenswert friedlicher Proteste. Ohne ernsten Schaden. Und das Netz johlt. Genau wie sein Anführer Trump ist Spencer zum Netz-Witz verkommen, oder besser: Der Moment, in dem ihm ein Fremder ansatzlos aufs Maul haut.  

Ironische Distanzierung bei gleichzeitiger Verbreitung – genau so machen es gerade Millionen Pazifisten. Mit einem Gewaltvideo

Und während auf der ernsten Ebene doch diskutiert wird, ob man (Neo-)Nazis schlagen dürfe, springt der große Humor-Fleischwolf namens Internet an. Und bietet auch den ethisch sensibelsten Linken in meinem erweiterten Netzwerk die Möglichkeit, das Video zu feiern. „Ich bin gegen Gewalt. Aber irgendwie kann ich trotzdem nicht aufhören, hinzuschauen. Was stimmt mit mir nicht?“, schreibt jemand. Und teilt das GIF mit dem Angriff. Ironische Distanzierung bei gleichzeitiger Verbreitung – genau so machen es gerade Millionen Pazifisten. Mit einem Gewaltvideo.

Der Druck scheint hoch. Die letzten Jahre haben uns, die friedlich-liberalen „Gutmenschen“, langsam gekocht wie den Frosch im Wasser. Gegen alle Unverschämtheiten, Bosheiten, gegen Trumps Pussygrabbing und Höckes Holocaust-Hetze, gegen Populismus und Rassismus und gegen den ganzen Dreck auf Facebook und Twitter waren wir machtlos. „When they go low, we go high“, forderte Michelle Obama uns auf. Lasst euch nicht auf deren Niveau herunter. Der Klügere gibt nach. Die andere Backe und so.

Haben wir versucht. Und mussten mitansehen, wie die Arschlöcher dieser Welt unsere Offenheit und Friedlichkeit nicht als Angebot oder wenigstens Waffenstillstand annahmen. Sondern ausnutzten. Wie sie jeden Kompromiss, den wir ihnen ließen, verseuchten mit ihrem Gift. 

Also schlagen wir jetzt zurück. Mit einer Faust. Und den Bildern davon, zur Not eben ironisch verbrämt. Denn natürlich wissen wir, dass Gewalt falsch ist. Immer. Gegen jeden. Sogar gegen den Neo-Nazi mit den rasierten Schläfen und den Maßanzügen, der alles verkörpert, was wir verabscheuen. Aber jetzt, wo es nunmal passiert ist, gönnen auch wir aufrechten Linken uns ein kleines bisschen Schadenfreude. Haben wir das nicht auch mal verdient?

Die Haltung: Wenn die die Fakten verdrehen, dürfen wir Gewalt verdrehen. Was für ein Quatsch

„That wasn't a punch. That was an alternative hug“, schrieb die Amerikanerin Shannyn Moore auf Twitter, und lieferte uns Ironikern eine clevere Doppel-Codierung, um moralisch aus der Nummer raus zu kommen. Die Haltung: Wenn die die Fakten verdrehen, dürfen wir Gewalt verdrehen. Was für ein Quatsch. 

Wir haben zwar nicht selbst zugeschlagen. Aber der Antifaschist, der hat zugeschlagen. Auch, weil wir darüber lachen und uns insgeheim freuen. Den Schlag vor der Kamera anzusetzen war schlau von ihm, vielleicht sogar Taktik. Der Angreifer wusste: Wenn das gut geht, geht es um die Welt. Weil wir, die „Gutmenschen“, es verbreiten. Mit oder ohne Ironie. Der Schlag ist damit sofort symbolisch geworden. Als seltene Ausnahme, die unsere Regel der Gewaltlosigkeit bestätigt.

Normalerweise teilen wir solche Videos nicht. Und darum ist es umso wirkungsvoller in seiner psychologischen Botschaft: Wir können auch anders. Und wir sind im Recht. Das erinnert mich in der Mechanik an Terroranschläge, die absichtlich vor laufenden Kameras durchgeführt werden, damit ihre Wirkung sich maximiert. 

Diese Faust, ihre Verbreitung und vor allem das ganze Haha und Hoho, das es als Gleitmittel schmiert, nerven. Weil es den Graben an einer empfindlichen Stelle vertieft: dem Humor. Unsere Ironie verstehen viele Leute sowieso nicht. Wenn wir sie dann auch noch benutzen, um Gewalt zu relativieren, zu Recht nicht. Schon fragen die ersten Eierköpfe auf Twitter hämisch: Na, was ist jetzt mit eurer Toleranz? Seid ihr etwa gar nicht so gut, wie ihr immer tut? Ist Gewalt als Meme okay?

Die Faust nervt. Weil bei dem bösen Spiel mit den lustigen Videos jemand der Spielverderber sein muss. Weil dann jemand wie ich so einen belehrenden Text mit einer eigentlich selbstverständlichen Forderung schreiben muss. Weil sonst so viel Unsinn stehen bleibt. Zum Beispiel dieser Tweet von Julia Schramm, ex-Piratenpolitiker, Buch-Autorin und Netz-Publizistin: "Wie wir nach der Shoa ernsthaft darüber diskutieren, ob Nazis gewaltsam gestoppt werden dürfen, erschließt sich mir nur widerstrebend."

Widerstrebend, aber hoffentlich doch noch. Hier kommt noch ein letztes Mal die, je nach Perspektive, schlechte oder gute Nachricht: Das Gewaltmonopol, die Menschenrechte, sogar der ganz normale Anstand gelten auch für Neo-Nazis. Die Shoa für eine andere Argumentation heranzuziehen, ist platt und schäbig und öffnet Türen für noch platteren und schäbigeren Missbrauch. In dem Moment, indem wir nicht mehr leben, was wir predigen, haben sie gewonnen. 

Mit den Richard Spencern dieser Welt braucht man nicht diskutieren. Aber den viel zu vielen Leuten, die ihnen momentan zuhören, denen kann man etwas Wichtiges zeigen: Wir sind besser. Wir halten uns gegenseitig aus. Ohne Fäuste. Also kommt doch rüber. Wir haben die besseren Drinks und das bessere Essen.

Und wenn jemand geschlagen wird, ist er für uns kein Loser. Dann hat er es nicht verdient, weil er einen schlechten Deal gemacht hat. Dann ist er nicht selbst schuld, egal woran er sonst für uns schuld ist. Wenn bei uns jemand geschlagen wird, lachen wir nicht darüber wie Trump und seine Fans über den Reporter mit Behinderung, den er im Wahlkampf nachäffte. 

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