Zusammenziehen, nein danke!

Sechs Gründe, warum unsere Autorin auf keinen Fall mit ihrem Freund zusammenleben will.
Von Michele Lötzner
Foto: Raffiella / photocase.de

Am Wochenende besuchte mich eine meiner ältesten Freundinnen. Im Vorfeld murmelte sie schon am Telefon etwas von einer Überraschung, woraufhin ich ihr am Samstag ganz aufgeregt bei Kaffee und Zigaretten gegenüber saß und schon das Konfetti in der Hosentasche bereit hielt. Während ich hibbelig auf dem Stuhl rumrutschte, eröffnete sie mir, dass sie in drei Monaten nach München ziehen werde und ihr neuer Freund wahrscheinlich auch mitkäme.

Nachdem ich das Konfetti wieder auf dem Tisch zu einem Häufchen zusammengeschoben hatte, erörterten wir das Für und Wider einer gemeinsamen Wohnung mit ihrem neuen Typen. Richtig wohl war ihr bei diesem Gedanken nämlich nicht und so fragte sie mich, warum ich und mein Freund Dominic denn eigentlich nach drei Jahren immer noch in getrennten Wohnungen leben.

Mit Dominic zusammenzuziehen war für mich noch nie ein Thema und ich erzählte ihr von meiner Pro-und-Kontra-Liste, nur eben ohne Pro.

1. Wohnungssuche

Der Wohnungsmarkt in München ist eine Katastrophe. Dieses Lieblingsklischee über München entspricht leider der Wahrheit. Wer eine Wohnung sucht, braucht also entweder Ausdauer oder genug Kohle, um sie einem Makler fürs Nichtstun zu schenken. Dominic besitzt beides nicht. Folglich würde das für mich bedeuten, dass ich ununterbrochen mit Sepp und Depp telefonieren müsste, während er sich dezent aus der Affäre zieht mit den Worten: „Ach Michèle, du machst das schon. Außerdem muss DIR die Wohnung doch gefallen.“

2. Wohnungseinrichtung

Zusammenleben ist ein Kompromiss, schon klar. Ein Perserteppich ist allerdings kein Kompromiss, sondern ein Zustand. Dass dieses Ding in der Wohnung meines Freundes liegt, ist für mich akzeptabel, aber in einer gemeinsamen würde er schlicht nicht stattfinden. Andersherum bin ich mir sicher, dass ich auch so einiges besitze, was bei meinem Freund Augenkrebs verursacht. So, und wo macht man da Abstriche? Einrichtungsgegenstände, am besten noch verknüpft mit Erinnerungen, bergen ein horrendes Diskussionspotential, was unter Garantie in Tränenausbrüchen endet.

3. Sauberkeit

Wenn ich Putzfrau hätte werden wollen, hätte ich mir die letzten Jahre meiner Ausbildungslaufbahn geschenkt. Das darf man bitte nicht falsch verstehen: Ich zolle jeder Putzfrau dieser Welt enormen Respekt. Dreck wegmachen gehört nämlich zu dem verhasstesten Zeitvertreib, den ich mir vorstellen kann. Mein Freund sieht das ähnlich, allerdings ist seine Schmerzgrenze weit höher als meine. Ich rede den Pizzakartons ja auch gerne gut zu, dass sie doch alleine in den Müll laufen sollen, mein Freund schafft das nur in der Regel vier Wochen länger als ich.

4. Streit

Eine Beziehung ohne Streit ist keine Beziehung. In vier von fünf Fällen erledigen sich sinnlose Streitereien allerdings, wenn man einfach mal ein bisschen Abstand voneinander nimmt und in seine eigene Wohnung geht. Dort merkt man dann, dass man doch eigentlich ein echter Depp ist, sich wegen einer Kleinigkeit so anzustellen. In einer gemeinsamen Wohnung kann man nicht einfach so abhauen, ohne gleich ein unsensibler Idiot zu sein. Und so schaukelt sich der ganze Unsinn hoch ins Unermessliche bis man ungerecht und albern wird. Würden Dominic und ich zusammenwohnen, würden wir uns wahrscheinlich zuallererst wegen der klassischen Zahnpastatube streiten. Das ist kein Witz, er beschwert sich tatsächlich ununterbrochen darüber, dass ich in die Mitte drücke. So lange es meine Wohnung und meine Zahnpastatube ist, bin ich aber auf der sicheren Seite. Soll er doch bei sich zuhause Origamie aus der Tube falten, bei mir nicht. Seht ihr, wie lächerlich das ist?

5. Gesprächsstoff

Wer in getrennten Wohnungen lebt, agiert auch meistens nach einem individuellen Tagesablauf. Der beinhaltet einen bunten Strauß an Vorfällen, die man beim nächsten Treffen ausführlich vortragen kann. Wohnt man zusammen, ist man schnell zu faul, etwas mit anderen zu unternehmen. Ich sehe Dominic so schon ziemlich oft, würden wir zusammenwohnen fielen aber tatsächlich einige Dinge weg. Ich könnte ihm nicht mehr von meiner Mitbewohnerin erzählen, wenn sie mal wieder aus Langweile den Küchenschrankinhalt nach Farben sortiert hat oder von meinen ständig poppenden Nachbarn. Selbst unser unterschiedlicher Schlafrhythmus lässt uns täglich Dinge erleben, die wir als angeglichenes Pärchen sicher nicht mehr mitbekommen würden. Man gibt mit einer Beziehung sowieso schon viel vom eigenen Leben automatisch auf, durchs Zusammenwohnen multipliziert sich das aber immer weiter.

6. Trennung

Meine eigentliche Angst ist aber eine andere. Der totale Supergau tritt nämlich ein, wenn man merkt, dass die eigene Beziehung am Ende ist. Finde mal in München auf die Schnelle eine neue Wohnung. Das ist quasi ausgeschlossen, außer man nimmt in Kauf, in einem Schuhkarton in Moosach für 500 Euro zu wohnen. Man wacht also jeden Morgen mit einem Mitbewohner auf, dessen Visage man satter als satt hat. Herzlichen Dank! Lisa und ich sind nach einer Weile von Kaffee auf viel Bier umgestiegen. Die Idee der gemeinsamen Wohnung hat später die Kellnerin mit den leeren Flaschen zum Abfall gebracht. Ich bin nach Hause gewankt, habe Dominic angerufen und ihm von meinem schönen Abend erzählt. Danach habe ich mich in meinem Bett zusammengerollt und war sehr glücklich, dass ich alleine einschlafen durfte.

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