Grosny: Der tschetschenische Republikchef Ramsan Kadyrow (l) winkt neben Ägyptens Stürmerstar Mohamed Salah (r) den Fans im Stadion von Grosny zu.

Grosny: Der tschetschenische Republikchef Ramsan Kadyrow (l) winkt neben Ägyptens Stürmerstar Mohamed Salah (r) den Fans im Stadion von Grosny zu.

Foto: dpa

Die ägyptische Nationalmannschaft hat ihr offizielles Quartier in Tschetschenien aufgeschlagen. Ausgerechnet dort also, wo der autoritäre bis diktatorische Ramsan Kadyrow regiert. Für viele Menschenrechtsorganisationen ist das ein Skandal. Sowohl das Team selbst als auch die Fifa scheinen sich wenig um die dortigen Menschenrechtsverletzungen, Folterungen und Angriffe auf Homosexuelle zu kümmern. Kadyrow selbst nutzte die Ankunft des ägyptischen Teams bereits öffentlichkeitswirksam und ließ sich im Stadion von Grosny mit dem Stürmerstar Mohamed Salah ablichten. 

Ekaterina Sokirianskaia ist Konfliktforscherin und Menschenrechtsaktivistin und hat jahrelang in Tschetschenien gearbeitet. Mittlerweile lebt sie in Istanbul, beschäftigt sich dort mit dem Aufbau ihres eigenen „Think-and-do-Tanks“, dem Conflict Analysis and Prevention Centre, und ist weiterhin regelmäßig in Tschetschenien. Ihr früherer Arbeitgeber, der Chef der tschetschenischen Abteilung der Menschenrechtsorganisation Memorial, wurde im Januar unter fadenscheinigen Gründen verhaftet. Sie macht sowohl dem ägyptischen Nationalteam als auch der Fifa schwere Vorwürfe.

jetzt: Frau Sokirianskaia, was empfinden Sie, wenn sie die Bilder von Kadyrow und der ägyptischen Nationalmannschaft sehen?

Ekaterina Sokirianskaia: Bestürzung und Enttäuschung. Tschetschenien ist eine schreckliche totalitäre Enklave in Europa. Nirgendwo sonst werden auf europäischem Boden so systematisch Menschenrechte verletzt, perverse Formen der Erniedrigung angewendet und ein Klima der Angst geschaffen. Europäische Normen oder auch die russische Verfassung sind hier wie außer Kraft gesetzt: Es gibt Entführungen, Geheimgefängnisse und Hinrichtungen. Es kann passieren, dass man allein wegen eines ironischen Kommentars in sozialen Medien gefoltert wird. Gleichzeitig wollen der Kreml und sein Stellvertreter Ramsan Kadyrow die Region Tschetschenien als Erfolgsstory verkaufen: Die Hauptstadt Grosny, früher eine völlig zerbombten Ruine, soll mit ihren Wolkenkratzern und Springbrunnen einen neuen Wohlstand darstellen. Es ist sehr traurig, dass die Fifa und die ägyptische Nationalmannschaft nicht hinter diese Fassade blicken. Die Fifa unterstützt so offen Kadyrows Propaganda.

Glauben Sie, dass die Fifa und die ägyptische Nationalmannschaft die Lage in Tschetschenien bewusst ignorieren?

Die Untaten des tschetschenischen Regimes sind sehr gut dokumentiert. Die USA haben Kadyrows Namen auf ihrer Sanktionsliste, sie werfen ihm außergerichtliche Tötungen und Folter vor. Und Kadyrow selbst spricht sehr offen aus, was er von Menschenrechten hält: Vor kurzem erst hat er gesagt, dass Tschetschenien „kein Ort für Menschenrechtler“ sei, sie sind für ihn „Feinde des tschetschenischen Volkes“. Auch seine Haltung gegenüber Homosexuellen ist kein Geheimnis, er sagte, es gäbe keine schwulen Menschen in seiner Republik, falls doch, mögen sie andere Länder aufnehmen, damit Tschetschenien sein Blut reinhalten könne. Die Fifa müsste sich schon sehr taub stellen, um das alles nicht wahrzunehmen.

Ekaterina Sokirianskaia, Tschetschenien-Expertin, Menschenrechtsaktivistin und Chefin des Conflict Analysis and Prevention Centre

Ekaterina Sokirianskaia, Tschetschenien-Expertin, Menschenrechtsaktivistin und Chefin des Conflict Analysis and Prevention Centre

Foto: privat

„Eine offene Menschenrechtsarbeit ist in Tschetschenien mittlerweile so gut wie unmöglich“

Wie muss man sich die tägliche Einschüchterung von Aktivisten in Tschetschenien vorstellen?

In Tschetschenien sprechen wir von „offenen“ und „geschlossenen“ Themen. Es gibt Themen, auch menschenrechtliche, die man offen diskutieren darf: Zum Beispiel die Diskriminerung von Tschetscheniern in anderen Regionen Russlands. Aber die Entführungen durch die Sicherheitskräfte, Folter oder mehr LGBT-Rechte, das sind geschlossene Themen. Wenn man also ein echter Menschenrechtsaktivist ist, der keinen Unterschied zwischen offenen und geschlossenen Themen macht, dann ist man entweder bereits aus Tschetschenien geflohen, führt ein Leben im Untergrund oder ist im Gefängnis. Viele sind auch einfach verschwunden. Wer nach vier bis sechs Monaten nicht zurückkehrt, ist höchstwahrscheinlich tot. Eine offene Menschenrechtsarbeit ist in Tschetschenien mittlerweile so gut wie unmöglich.

Warum konnte es Ihrer Meinung nach dann trotzdem dazu kommen, dass das ägyptische Team – genehmigt von der Fifa – ihre Unterkunft in Grosny bezogen hat und nun mit Kadyrow posiert?

Das tschetschenische Regime hat eine sehr starke PR-Abteilung. Sie laden Stars wie Jean-Claude van Damme, Liz Hurley oder Sportler wie Ronaldinho ein, die Kadyrow dann öffentlich ihr Lob aussprechen. Wir wissen natürlich nicht, wie es zu der Entscheidung des ägyptischen Teams kam, aber man kann davon ausgehen, dass das tschetschenische Regime sie sehr aktiv überzeugt hat.

Aber wirkt es sich nicht schlecht auf die PR der Stars und Sportler aus, wenn sie sich mit Kadyrow fotografieren lassen? Wo liegen deren Gründe?

Ein Grund ist natürlich das leichte Geld. Die kleine tschetschenische Elite ist sehr reich und spendabel gegenüber Prominenten. Andererseits muss man auch sehen, dass der populistische Autoritarismus gerade weltweit an Zustimmung gewinnt. Viele Menschen fühlen sich von Figuren wie Kadyrow regelrecht angezogen. Sie halten ihn für einen starken, jungen Führer, der den Terror besiegt und sein Land mit harter Hand aus dem Dreck gezogen hat.

Verteidiger der Fifa sagen ja auch: Es ist immer gut, wenn eine Veranstaltung wie die WM in einem problematischen Land stattfindet, weil dann auch die dortigen Aktivisten und Minderheiten öffentliche Aufmerksamkeit erhalten. Stimmen Sie da zu?

Der PR-Profit, den die Autoritäten in Russland aus der WM schlagen, überragt die Aufmerksamkeit für Menschenrechtsthemen. Das gilt erst recht für die russische Öffentlichkeit, aber auch weltweit. Russland präsentiert sich hier als Gastgeber eines fantastischen Welt-Events, auf das alle Patrioten stolz sein können. Trotz der einladenden Stimmung kommt es aber gleichzeitig auch zu fremdenfeindlichen Ausfällen: Erst vor drei Tagen haben zwei bekannte russische Abgeordnete vor den Fußballfans aus dem Ausland gewarnt: Sie brächten Krankheiten, man solle ihnen bloß nicht zu nahe kommen und erst recht keine Romanzen mit ihnen eingehen, es sei denn, sie sind von der gleichen „Rasse“.

„Ich bin gegen Boykott-Aufrufe. Ich halte sie für kontraproduktiv“ 

Russische Aktivisten, die gerade jetzt zur WM auf Menschenrechtsverletzungen hinweisen wollen, werden oft als „Agenten des Westens“ verunglimpft. Wie verteidigen Sie sich gegenüber solchen Vorwürfen?

Das Wort „ausländischer Agent“ ist ein gesetzlich definierter Begriff in Russland. Organisationen können dieses Label erhalten, wenn sie in irgendeiner Form aus ausländischen Mitteln finanziert werden und sich politisch engagieren. Sie müssen dann in all ihren Publikationen angeben, dass sie „ausländische Agenten“ sind, was in russischer Sprache synonym zu „ausländischer Spion“ ist. Wer diesen Status vor Gericht in Frage stellen will, muss eine Menge Zeit und Geld in Anwälte und Gerichtstermine stecken. Es ist also sehr schwer für aktivistische Organisationen, nicht auf dieser „Agenten-Liste“ zu landen. Andererseits werden wir ja auch als Agenten des Westens bezeichnet, weil wir westliche Werte repräsentieren. Der Kreml versucht mit allen Mitteln, seine angeblich traditionellen Werte gegenüber den liberalen, westlichen Werten in Stellung zu bringen. Aus jedem Menschen mit liberalen und demokratischen Ansichten wird so ein Agent des Westens, selbst, wenn er überhaupt kein Geld aus dem Ausland erhält. Aber in diesem Fall gibt es meiner Meinung nach nichts, wogegen es sich zu verteidigen gibt: Ja, wir finden, dass Demokratie besser ist als Unterdrückung. Und ja, wir sind bereit, jedem zu erklären, warum unsere Werte überlegen sind.

Wenn man etwas gegen die Instrumentalisierung der WM durch Ramsam Kadyrow oder den Kreml hat, solle man sie dann boykottieren?

Ich bin gegen Boykott-Aufrufe. Ich halte sie für kontraproduktiv. Die russischen Medien würden das in etwa so verkaufen: „Seht her, der Westen will unser schönes Fußballfest sabotieren! So wie sie alles pauschal bekämpfen, was mit Russland zu tun hat!“ Es steht ja außer Frage, dass viele Menschen ihre Freude an der WM haben. Boykott-Teilnehmer lassen sich da leicht als Spielverderber darstellen.

Aber sollte man sich nicht in irgendeiner Form zu den Menschenrechtsverletzungen verhalten, selbst als Fußballfan?

Obwohl ich ja gesagt habe, dass die staatliche PR von der WM am meisten profitieren wird, ist diese Weltmeisterschaft trotzdem ein guter Zeitpunkt, um die wichtigen Themen zu Russland wieder in Erinnerung zu rufen: Die Rechtsverletzungen in Tschetschenien, die politischen Gefangenen, die Demokratie, der Schutz von Zivilisten in Syrien und der fast vergessene Konflikt in der Ukraine. Ich halte es für besser, wenn viele Menschen, zum Beispiel Journalisten und Politiker, ins Land kommen und diese Themen auf die Agenda heben, als wenn sie die WM von daheim aus boykottieren und die Lage hier ignorieren.

Eine der letzten in Tschetschenien verbliebenen Menschenrechtsorganisationen ist die NGO Memorial. Deren dortiger Chef, Oyub Titiyev, wurde im Januar verhaftet. Ihm wird illegaler Drogenbesitz vorgeworfen, wobei es eine gängige Polizeitaktik in Tschetschenien ist, unliebsamen Kritikern Drogen ins Auto zu legen, um sie anschließend zu verhaften. Sind Sie optimistisch, dass er bald freikommt?

Leider nicht. Er ist ein Freund von mir, im Mai war ich bei seinem Prozess. Das war ein absolut absurdes Theater: Jeder im Raum, vom Richter bis zu den Sicherheitskräften, wusste, dass Oyub nicht schuldig ist. Die Ankläger haben nicht einmal versucht, ihre Klage mit Argumenten oder Beweisen zu belegen, während wir mit unseren besten Anwälten zugegen waren. Trotzdem hat der Richter alles getan, was die Kläger verlangt haben. Dieser Fall ist zu 100 Prozent politisch motiviert und wird mit einer Verurteilung enden, wahrscheinlich mit zehn Jahren Gefängnis. Die Fifa hätte ihre Fehlentscheidungen bezüglich Tschetschenien ansatzweise ausgleichen können, wenn sie öffentlich Oyubs Freilassung gefordert hätte. Sie hätte durchaus die Mittel, um hier Druck auszuüben. Aber jetzt hat die WM bereits begonnen. Und Oyub sitzt weiterhin in seiner Zelle.

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