Die Nationalmannschaft ist heute ganz anders als die von 1990 – und steht auch für ein neues, bunteres Deutschland.

Die Nationalmannschaft ist heute ganz anders als die von 1990 – und steht auch für ein neues, bunteres Deutschland.

Fotos: dpa-Bildfunk / Collage: jetzt.de

Ich erinnere mich genau: Am 8. Juli 1990 gegen 21.50 Uhr waren wir endlich Weltmeister. Wir, das waren Jürgen Kohler, Klaus Augenthaler und Lothar Matthäus. Jürgen, Klaus und Lothar trugen Schnauzbärte und Schwarzrotgold bis ins Finale in Rom, gewannen 1:0 und ich durfte ausnahmsweise bis zum Abpfiff aufbleiben. Am nächsten Tag wehte aus einem Klassenzimmer der Grund- und Hauptschule, die ich als Siebenjähriger besuchte, eine Deutschlandfahne. 

Wenn die deutsche Nationalmannschaft am 17.6. in Luschniki ihr erstes WM-Spiel gegen Mexiko spielt, werden zehntausende Fahnen wehen, Mädchen sich die drei Streifen auf die Backen geschminkt haben, das ganze Land in Schwarzrotgold glänzen. Man kann das finden, wie man möchte: Sich freuen über die harmlose Party, genervt sein von so viel Event-Pathos, alles Deutsche nach wie vor verdächtig finden. Oder es einfach ignorieren. 

Interessanter finde ich, für wen genau all diese Menschen jubeln. Nicht Jürgen, Klaus und Lothar, sondern Jérôme, Mesut und Sami werden die Nationaltrikots tragen. Und die Rechtsnationalen werden wieder mitzählen, wer von ihnen wie laut die Hymne singt, wen man als Nachbarn haben wollte und wer blond genug ist, „unsere Farben“ zu tragen. Ihnen wird nicht schmecken, dass die deutsche Nationalmannschaft inzwischen in Personal und Spielweise eine ganz andere ist als 1990.  

Dass sie spielt wie die Spanier oder die Franzosen, manchmal sogar wie Brasilianer. Dass es ihr, wenn überhaupt, an den einstmals „deutsche Tugenden“ genannten Eigenschaften wie Kampfkraft und Gnadenlosigkeit fehlt. Dass ihr Trainer einen sanften Führungsstil pflegt. Dass ein Ex-Nationalspieler sich zu seiner Homosexualität bekennt und keiner was dagegen hat. Vor allem aber, dass ein paar Spieler andere Hautfarben haben, andere Namen, andere Wurzeln. Man kann zusammenfassen: Ausgerechnet die Rechtsnationalen haben ein riesiges Problem mit der Nationalmannschaft, Botschafter und Aushängeschild dieses Landes. 

Der DFB erschwert es den Rechtsnationalen, sich plakativ mit der Nationalelf zu identifizieren

Den Dumpferen unter den Rechtsextremen, die auch in den Bundesligen als Hooligans im Stadion grölen, ist das scheinbar egal. Sie machen bei Auswärtsspielen der DFB-Elf leider immer wieder mit Nazi-Parolen auf sich aufmerksam. Zuletzt in Prag 2017, als 200 Rechtsextreme im Stadion „Sieg Heil!“ skandierten. Sie sind eine kleine, traurige Minderheit, denen die Spieler und Funktionäre immer wieder deutlich sagen: „Wir sind nicht deren Nationalmannschaft, und das sind auch nicht unsere Fans.“ (Trainer Jogi Löw nach den Vorfällen in Prag). 

Auch als Ilkay Gündogan jüngst im Testspiel gegen Saudi-Arabien ausgepfiffen wurde, weil er sich einige Wochen vorher öffentlichkeitswirksam mit dem türkischen Staatspräsident Erdoğan getroffen hatte, war die Kritik an diesen Pfiffen lauter als der Protest selbst. Trainer, Mitspieler und DFB-Verantwortliche verteidigten ihn. Der Hinweis von AfD-Chefin Alice Weidel zeigt klar, welche Nationalmannschaft man sich in ihrem Lager wünscht. Sie forderte, dass „die Spieler am besten gleich ihr Glück in der türkischen Nationalmannschaft ihres Präsidenten suchen“ sollten. Das heißt: eine Nationalmannschaft, in der Spieler mit Wurzeln in anderen Ländern auflaufen, will man nicht. Erst recht nicht, wenn diese Wurzeln auch noch sichtbar werden, zum Beispiel in Form eines unbeholfenen und diskussionsträchtigen Fotos mit einem Staatschef, der sein Land despotisch regiert. 

Die FIFA, die UEFA und der DFB fahren immer wieder große Kampagnen gegen Rassismus, der leider auch hinter den Pfiffen gegen Gündogan steckt. Sie müssten immer noch mehr tun, gerade in konkreten Fällen. Aber doch erschweren sie es den Rechtsnationalen damit, ohne ihnen die Ehre einer namentlichen Nennung zu erweisen, sich plakativ mit der Nationalelf zu identifizieren. Angesichts dieser leider fußballtypischen Dumpfheit im Stadion ist umso bemerkenswerter, wie auffällig schwer sich die große Masse rechts der Mitte tut, die Nationalmannschaft für ihren Nationalismus zu instrumentalisieren. 

Dieses Team wird den Ewiggestrigen vor Augen führen, dass ihr Kampf gegen ein buntes Deutschland verloren ist

Kein AfD-Politiker, kein Pegidianer, keiner der neurechten Publizisten oder „alternativen Medien“, die in letzter Zeit den Diskurs dominieren, traut sich an „Die Mannschaft". Weil die Nationalmannschaft so ziemlich alles darstellt, was sie und ihre Anhänger an diesem Land nicht mögen, nicht verstehen und deshalb fürchten: die Vision eines Zusammenlebens verschiedener Ethnien ohne rassistische Hierarchie, Integration, Vielfältigkeit, Patriotismus ohne Chauvinismus. Letztes klappt leider nicht immer. Aber allein, dass wir heftig diskutieren, ob ein Spottgesang bei einer Weltmeisterfeier auf „die Gauchos“ okay sei, ist schon mehr Diskurs und Fairness, als die Rechtsnationalen jemals ertragen. Ebenso wie die Tatsache, dass Gündogan gemeinsam mit Mesut Özil bei Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier war und über die Aktion mit Erdogan redete. Dass sich alle Seiten gütlich einigen wollten ohne Ressentiments, ist das Gegenteil der Eskalation, die von rechts gefordert wäre.  

In den gut vier Wochen der WM wird dieses Team den Ewiggestrigen immer und immer wieder vor Augen führen, dass ihr Kampf gegen ein buntes Deutschland verloren ist. Dass das Deutschland, das die AfD sich seit der Bundestagswahl „zurückholen" will, ein Hirngespinst ist – längst vergangen oder vielleicht nie gewesen, zum Glück. Fast niemand weint der grauen Nachkriegsrepublik eine Träne hinterher. Genau so wenig wie dem Fußball dieser Jahre. Die meisten Menschen spüren, dass früher nicht alles besser war, im Gegenteil. Die DFB-Elf ist – so vorsichtig man auch sein sollte, den Fußball als Symbol überzustrapazieren – doch Stellvertreter dieser anderen, bunten Gesellschaft. So bemerkte Alexander Gauland schon 2016: Die deutsche Fußballnationalmannschaft sei "schon lange nicht mehr deutsch im klassischen Sinne“. 

„Wenn die AfD die Fußballnationalmannschaft hasst, dann hat sich die Bedeutung von ‚Nationalmannschaft‘ verändert“, sagte der Grünen-Vorsitzende Robert Habeck dem deutschen Rolling Stone. Er hat recht. Doch sein Satz gehört gleichzeitig knapper und weiter formuliert: Wenn die AfD die Fußballnationalmannschaft hasst, dann hat sich die Bedeutung von „Nation“ verändert. Dann sind nicht die Boatengs und Özils, sondern die Gaulands und Weidels in der Minderheit: kulturelle Außenseiter, die sich wieder in diese Gesellschaft integrieren sollten. Wenn irgendjemand nicht zu Deutschland gehört, dann sind es nicht Spieler dieser Nationalmannschaft. Sondern eine Partei, die sie nicht zu Deutschland zählt. Wenn die AfD die Fußballnationalmannschaft hasst, dann hasst sie Deutschland, wie es heute ist. Ein Grund mehr, den Titel zu verteidigen. Das haben Jürgen, Klaus und Lothar damals nicht geschafft. Vielleicht schaffen es Jérôme, Mesut und Sami heute. 

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