„Das Leiden könnte von einem Tag auf den nächsten einfach enden“

Das Corona-Zentrum im Camp Moria musste schließen. Für Caroline, Projektleiterin bei Ärzte ohne Grenzen, nur ein Beispiel für die Untätigkeit der EU.
Interview von Raphael Weiss
caroline willemen cover

Foto: Faris Al-Jawad / Médecins Sans Frontières

Anm. d. Red.: Dieses Interview wurde das erste Mal am 14. August 2020 veröffentlicht. Wir haben es aufgrund des Brandes in Moria am 09. September erneut auf unsere Startseite gezogen.

Caroline Willemen, 34, ist die Projektleiterin für das Covid-19-Team auf der griechischen Insel Lesbos. Die Corona-Isolationsstation sollte dabei helfen, dass sich das lebensgefährliche Virus nicht innerhalb des als Camp Moria bekannten Flüchtlingsaufnahmezentrums ausbreitet. Nun wurde die Station aufgrund einer Klage, die die Regierung von Lesbos zugelassen hatte, geschlossen. Mit jetzt spricht sie über die Gründe der Klage, die Lebensumstände in dem Camp und die Untätigkeit der europäischen Politik.

jetzt: Caroline, drei Monate lang hast du dich um die Corona-Verdachtsfälle aus Camp Moria gekümmert. Nun musste die Covid-19-Isolationstation geschlossen werden. Warum?

Caroline Willemen: Vor gut eineinhalb Monaten gab es von einem Bürger aus Lesbos eine Anzeige, dass wir gegen Raumplanungsvorschriften verstoßen würden. Sie wurde dann von den lokalen Behörden geprüft und schließlich als korrekt befunden. Wir mussten mit einem Bußgeld, aber auch mit schweren rechtlichen Konsequenzen für einzelne Personen rechnen. Wir haben jetzt einen Monat lang alles versucht, um die Behörden dazu zu bewegen, die Strafanzeige fallen zu lassen, aber es war alles vergebens. Deswegen mussten wir die Station vor zwei Wochen leider schließen.

Was wurde euch denn vorgeworfen?

Die Station war in einer alten Lagerhalle. Der Platz, den wir dort zur Verfügung hatten, hat nicht ausgereicht, weshalb wir zusätzlich noch Zelte und drei Container neben der Lagerhalle aufgebaut haben. Das hat zum einen gegen die Landnutzungsbestimmungen dieses Areals verstoßen, weil der Boden dort nur für Landwirtschaft oder Fabriken genutzt werden darf. Zum anderen gegen Baubestimmungen, denn selbst Zelte werden dort als permanente Gebäude definiert. Aber die Sache ist: Alle Behörden wussten lange vorher Bescheid, was wir planen. Verschiedenste lokale und nationale Behörden haben uns im Vorfeld und während der Bauarbeiten besucht und uns nicht nur ihr Okay gegeben, sondern uns explizit in unseren Plänen unterstützt. 

„Wir machen den Job der Europäischen Union und werden dabei auch noch behindert“

Warum war es nicht möglich, eine Einigung mit den Behörden zu erzielen?

Ich verstehe es immer noch nicht. Allen war bewusst, dass wir uns inmitten einer globalen Pandemie befinden und dass wir sehr schnell handeln müssen und nicht alle Bestimmungen perfekt erfüllen können. Wie gesagt, wir hatten die Unterstützung aus Athen. Aber auch das Krankenhaus auf Lesbos war sehr froh über unsere Arbeit. Auf der Insel leben normalerweise 80 000 Menschen, dazu kommen 15 000 Menschen, die im Camp Moria unter schlimmsten Bedingungen zusammengepfercht sind, das Krankenhaus hat sechs Betten auf der Intensivstation. Es sollte auch im Interesse der Insel sein, dass im Camp das Virus nicht ausbricht.

Der Fall erinnert an das, was zum Beispiel Seenotretter*innen, die sich für die Menschen, die über das Mittelmeer nach Europa gelangen möchten, schon häufiger passiert ist: Von offizieller Stelle wird ihre Arbeit mit der Androhung von Geldbußen und Haftstrafen be- oder sogar komplett verhindert, oft geht es dabei ebenfalls um im Grunde kleinere, angebliche Rechtsverstöße. 

Es gibt auf jeden Fall Parallelen. Ich weiß nicht, was es ist, ob das ein Teil ein größeren Strategie der EU ist. Es fühlt sich auf jeden Fall so an, als würde den Nichtregierungsorganisationen und den Freiwilligen die Arbeit absichtlich erschwert. Was uns besonders frustriert, ist, dass wir hier die Arbeit der Europäischen Union übernehmen, die für das Lager in Moria verantwortlich ist. Wir machen ihren Job und werden dabei auch noch behindert.

Waren die Verstöße gegen die Bestimmung aus deiner Sicht nur ein Vorwand, weil man im Grunde die Geflüchteten gar nicht auf der Insel haben möchte?

Die Klage kam aus der Bevölkerung. Wir haben natürlich gemerkt, dass Teile der Bewohner von Lesbos uns und vor allen Dingen die Geflüchteten nicht auf der Insel haben wollen. Das hat alleine die Gewalt gegen die Nichtregierungsorganisationen und die Geflüchteten Anfang des Jahres gezeigt. Jetzt versucht man es mit Verordnungen anstatt mit Gewalt. Aber die Sache ist ja die: Die Bevölkerung hat natürlich das Recht zu klagen. Aber die Lokalregierung hätte auch einfach die Möglichkeit gehabt, unser medizinisches Zentrum für die Zeit der Pandemie zu billigen. Und auch die Regierung in Athen hätte einschreiten können. Das wirkt schon wie ein größeres Schema.

Was war die Aufgabe eurer Station?

Wir haben Covid-19-Verdachtsfälle aufgenommen, sie isoliert und getestet. Insgesamt waren 55 Menschen in den vergangenen drei Monaten bei uns, zum Glück waren alle negativ. Diese Station ist unglaublich wichtig, weil für die Menschen im Camp Moria das Gleiche gilt, was für dich und mich gilt: Wenn wir Covid-19-Symptome haben, müssen wir in Quarantäne, dürfen nicht unter Leute gehen. In Moria ist das aber auf gar keinen Fall möglich. Das Camp hat eine Kapazität von maximal 3000 Menschen, es leben fünfmal so viele dort. Isolieren kann sich niemand. Es gibt nur eine Gemeinschaftstoilette, zu der man durch das halbe Camp laufen muss. Es gibt auch viel zu wenig Wasserhähne und sie funktionieren nur eingeschränkt, auch Seife ist nicht immer da. 

„Die Leute sterben hier. Speziell für Kinder ist das eine traumatische Erfahrung“

Wie geht es jetzt für dich und dein Team weiter?

Die Station ist geschlossen. Ich musste 50 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aus der lokalen Bevölkerung von einen Tag auf den anderen entlassen, auch wenn es in erster Linie um die Menschen im Camp Moria geht, das war auch ein schwieriger Moment. Aber Ärzte ohne Grenzen ist noch mit  22 Mitarbeiter*innen vor Ort. Wir versuchen präventiv so gut es geht, die Menschen im Lager auf das Virus vorzubereiten, erklären, wie sie sich davor schützen können und machen Pläne, wie sich die Bewohner verhalten müssen, wenn es einen positiven Fall gibt.

Was passiert, wenn es einen positiven Corona-Fall gibt?

Dieses Szenario ist uns bisher zum Glück erspart geblieben. Aber ich bin fest davon überzeugt, dass das Virus früher oder später im Camp ankommen wird. Auf Lesbos gibt es schon Fälle und es kommen immer wieder neue Leute in das Camp. Wenn es den ersten positiven Fall gibt, wird sich das Virus sehr, sehr schnell ausbreiten. 15 000 Menschen zusammengepfercht auf einem Fleck. Der Vergleich ist unpassend, aber es ist wie ein riesiges Massenevent, die ja aus gutem Grund überall in Europa verboten sind. Nur, dass dieses „Event“ monatelang geht, die Hygienebedingungen unmenschlich sind und die Leute gegen ihren Willen dort festgehalten werden. Es ist einfach unfassbar, dass das in einem offiziellen Aufnahmezentrum der EU geschieht.

Vor Kurzem war CDU-Politiker Armin Laschet vor Ort und hat seinen Besuch im Camp Moria nach kurzer Zeit wegen Sicherheitsbedenken wieder abgebrochen. Wie stehst du zu diesem Auftritt?

Generell finde ich es gut und wichtig, dass Menschen hierher kommen und sich mit eigenen Augen anschauen, was hier wirklich passiert. Es hatte sich relativ schnell eine kleine Demonstration gebildet. Die Leute haben „Moria, no good“ gerufen, das ist so etwas wie der Slogan der Menschen, die hier leben müssen. Aus meiner Sicht war das keine gefährliche Situation, aber ich glaube, die Lebensrealitäten von mir und Herrn Laschet unterscheiden sich grundsätzlich. Ich bin es einfach nicht gewohnt, mit einem Sicherheitsstab durch die Gegend zu laufen. Aber ernsthaft: Was wirklich gefährlich ist, ist das Leben im Camp. Hier werden Menschen erstochen. Die Leute sterben hier. Speziell für Kinder ist das eine traumatische Erfahrung. 

„Ich kann mir gar nicht ausmalen, was passiert, wenn Covid-19 tatsächlich im Camp ankommt“

Was würdest du dir von der Politik in Deutschland, in der EU wünschen?

Es ist eine Schande, dass dieses Camp in dieser Form überhaupt existiert. Wie gesagt: Das ist ein offizielles Aufnahmezentrum der EU. Und es herrschen diese Bedingungen. Ich verstehe beim besten Willen nicht, wie das sein kann, wie die EU das zulassen kann und nichts dagegen unternimmt. Ich arbeite seit vielen Jahren in der humanitären Hilfe. Ich habe schon Lager gesehen, in denen ähnlich schlimme Bedingungen geherrscht haben, aber das lag an Naturkatastrophen, nicht an einer politischen Entscheidung. Mit einem einfachen Formular, mit einem Gesetz, indem man sich über die Verteilung der Menschen einigt, könnte man diese Krise hier lösen. Das Leiden könnte von einem Tag auf den nächsten einfach enden, doch es geschieht nichts. Wenn ich eine Frage an die Entscheidungsträger und Entscheidungsträgerinnen in der EU stellen dürfte, wäre das: Wie schafft ihr es, nachts zu schlafen? Das ist mir unerklärlich. 

Wie fühlt es sich für dich persönlich an, dass die Station schließen musste?

Es ist sehr, sehr frustrierend. Es ist nicht das erste Mal, dass ich hier im Camp Moria bin. Ich habe schon einmal fast ein Jahr lang hier gearbeitet und bin für diese Station zurückgekommen. Was mich selbst überrascht hat: Ich hatte von damals ein sehr schlimmes Bild von Moria. Aber dieser Ort schafft es irgendwie immer wieder, die schlimmsten Befürchtungen noch zu übertreffen. Ich kann mir gar nicht ausmalen, was passiert, wenn Covid-19 tatsächlich im Camp ankommt. Mit der Schließung unserer Station ist dieses Szenario leider noch ein gutes Stück wahrscheinlicher geworden.

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