Die Petition #LeaveNoOneBehind fordert, jetzt auch die Schwächsten zu schützen

Angesichts der Corona-Pandemie soll unter anderem das Flüchtlingscamp Moria evakuiert werden.
buzz tuerkische grenze

Foto: Elias Marcou / REUTERS

Deutschland trifft die Corona-Pandemie hart: Sie schränkt den Alltag der Bürger*innen ein, stellt Bars, Läden und Unternehmen vor enorme Schwierigkeiten. Noch viel härter aber könnte das Virus diejenigen treffen, die sich nicht gemütlich in ihr Wohnzimmer oder die warme Küche zurückziehen und sich in „Social Distancing“ üben können, sondern die auf engstem Raum und ohne gute medizinische Versorgung zusammenleben: die Geflüchteten im Camp Moria auf Lesbos zum Beispiel. Oder obdachlose Menschen in ganz Europa, die sich nicht einfach in den eigenen vier Wänden schützen können. 

Wir dürfen diese Menschen nicht allein lassen, findet der EU-Abgeordnete Erik Marquardt. Deswegen hat er die Aktion #LeaveNoOneBehind gestartet. „Es ist schockierend, dass man in der EU Social Distancing betreibt, Abstand hält, die Hände wäscht und niemand Kontakt mit anderen Menschen hat – und gleichzeitig Zehntausende Menschen in einem Camp zusammengepfercht sind“, sagt Erik Marquardt gegenüber jetzt. Der Grünen-Politiker und Migrationsexperte befindet sich schon seit einiger Zeit auf Lesbos, um Geflüchteten zu helfen. Er betont, die Menschen müssten nun solidarisch durch die Krise gehen: „Corona betrifft uns alle. Wir haben einen gemeinsamen Gegner, der sich nicht darum schert, welche Hautfarbe, welches Geschlecht und welche Religion jemand hat“, sagt er. 

Die Kampagne fordert medizinische Versorgung für alle Menschen 

Im Flüchtlingscamp Moria auf Lesbos leben derzeit mehr als 20 000 Menschen, Platz ist eigentlich nur für 3000. Ständig Händewaschen? Abstand halten? Quarantäne? Das ist für diejenigen, die dort ausharren, undenkbar. „Bricht die Epidemie in einem solchen Lager aus, wird es fast unmöglich sein, Ansteckungsketten zu unterbrechen“, fürchtet Marquardt. „Die humanitären Standards hier entsprechen keinem europäischen Kriterium. Alle Menschen brauchen ausreichend Platz.“ Er fordert daher, Quarantäne-Möglichkeiten zu schaffen. „Es gäbe keine medizinische Versorgung mehr, würde das Virus hier ausbrechen.“ Die Menschen sollten daher schnell aufs europäische Festland evakuiert werden, „damit sie dort erst mal in Quarantäne kommen können“. Er betont weiter: „Wir brauchen medizinische Versorgung für alle. Das gilt nicht nur für Moria, sondern auch für obdachlose Menschen in Europa.“

Auch Ricarda Lang, stellvertretende Bundesvorsitzende der Grünen, unterstützt die Kampagne. „Selbstverständlich sind die Bedingungen derzeit extrem schwierig. Aber es geht um eine europäische Lösung, statt in Kleinstaaterei zu verfallen. Wir reden gerade so viel über Solidarität, doch die darf nicht vom Pass oder der Hautfarbe abhängen.“ Die Antwort auf die Corona-Pandemie müsse solidarisch und gleichzeitig pragmatisch sein. Man müsse jetzt die Schwächsten der Schwachen schützen.

#LeaveNoOneBehind will in den kommenden Tagen ein Netzwerk erschaffen. Durch eine Petition und Online-Aktionen soll auch auf andere Menschen aufmerksam gemacht werden, die gerade nicht im Fokus der Öffentlichkeit stehen, aber Hilfe brauchen. „Wir wollen Menschen zusammenbringen. Wir brauchen in der Gesellschaft gerade kreative Menschen, die jetzt Verantwortung übernehmen und sich Aktionen ausdenken, und viele von ihnen tun das auch schon“, sagt Erik Marquardt. „Wenn wir jetzt wegschauen, dann hat das zwei Effekte: Wir steuern auf eine humanitäre Katastrophe zu, denn in den Camps sind die Zustände ohnehin schon unerträglich. Außerdem breitet sich das Virus dann weiter aus“, betont Ricarda. Deswegen sei die Kampagne so wichtig. 

Die Aktion richtet sich direkt an die Politik und fordert schnelle Maßnahmen. Bislang haben mehr als 10 000 Menschen die Petition unterschrieben, in den sozialen Netzwerken wird sie von vielen geteilt. Schriftsteller Saša Stanišić schreibt zum Beispiel: „Krisen treffen die am krassesten, die gegen Krisen am wenigsten gewappnet sind. Wir finden uns solidarisch, weil wir in der Apothekenschlange den Meter Abstand wahren. Dort, wo man unsere Solidarität als konkrete Unterstützung braucht, gibt es die Apotheke nicht.“ 

soas

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