"Der Höhenflug der AfD wird nicht enden"

... vor allem nicht im Osten Deutschlands, sagt ein Politologe – und nennt Gründe.
Interview: Max Sprick

Nicht alle sind Fans der AfD.

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Unter Sachsen-Anhalts Jugendlichen ist die AfD stärkste Kraft. 17 Prozent der 18- bis 29-Jährigen würden die rechtspopulistische Partei wählen. Knapp einen Monat vor der Landtagswahl steht die AfD in Sachsen-Anhalt so gut da, wie nirgendwo sonst. Politologe Carsten Koschmieder von der Arbeitsstelle Empirische Politische Soziologie an der FU Berlin sagt warum. 

jetzt: Herr Koschmieder, die AfD als stärkste Partei unter Jugendlichen. Überrascht Sie das?

Carsten Koschmieder: Das ist wenig überraschend, nein. Und solange das Flüchtlingsthema noch eine so große Rolle in der Gesellschaft spielt, wird der Höhenflug der AfD auch nicht enden. Eher steigen.

Warum scheint die rechtspopulistische Partei gerade bei jungen Wählern so beliebt zu sein?

Zuerst einmal muss man sagen, dass sie nicht nur rechtspopulistisch ist, sondern deutliche Schnittmengen mit Rechtsextremismus aufweist. Gerade in Sachsen-Anhalt, gerade durch den Landesvorsitzenden André Poggenburg. Er versteht seine Partei nicht als einfache Oppositionspartei, sondern als Partei, die das ganze politische System in Frage stellt, die gegen unsere westlich liberale Demokratie agiert.

Und das kommt bei Sachsen-Anhalts Jugendlichen so gut an?

Ja, aus verschiedenen Gründen. Zum einen ist in Ostdeutschland generell die Parteiidentifikation niedriger. Die Bürger und Bürgerinnen der ehemaligen DDR hatten ja früher keine Wahlmöglichkeit, können sich daher nicht schon seit Ewigkeiten mit SPD, CDU oder einer anderen Partei identifizieren. Junge Wähler, gerade im Osten, sind ungebunden, können sich schnell umentscheiden. Zum anderen wird die AfD in den Medien als Außenseiter-Partei geächtet. Auch das zieht.

Also eine Art des Protests gegen das Establishment.

Hier muss man zwischen männlichen und weiblichen Wählern unterscheiden. Frauen sind noch immer so sozialisiert, dass sie sich Normen entsprechend entscheiden. AfD zu wählen – das gehört sich nicht, sagt die gesellschaftliche Norm. Deswegen hat die AfD auch sehr viel weniger weibliche Wähler. Bei Männern ist das anders. Sie symphatisieren eher mit einer Partei wie dieser, die ganz explizit Gewalt gegen Flüchtlinge fordert. Es sind folglich zwar einige, die mit der Wahl der AfD lediglich einen abstrakten Protest ausdrücken wollen – die meisten aber entscheiden sich bewusst für diese und nicht für eine andere Partei, weswegen man nicht einfach von ziellosem Protest sprechen kann.

Sie sprachen die deutliche Ausrichtung der AfD unter Poggenburg an. Wieso wird diese nicht als solche erkannt und abgestraft?

Es gibt in Deutschland – auch in der sogenannten bürgerlichen Mitte – Menschen, die diese Ansichten teilen, auch wenn in der öffentlichen Kommunikation rechtsextreme Aussagen immer noch tabuisiert sind. Ein Tabu, das auch durch die AfD übrigens zunehmend erodiert. Dass jemand rechtsextreme Einstellungen entwickelt, hat natürlich vielfältige individuelle Gründe. In einigen Teilen von Ostdeutschland sind die Bedingungen, dafür, dass Menschen rechtsextreme Einstellungen entwickeln, aber leider sehr günstig.

  • Warum?

Zum einen sind da Abstiegsängste, Menschen befürchten, ihre Privilegien oder ihre Stellung in der Gesellschaft zu verlieren. Junge Männer im Osten haben das Problem, dass qualifizierte Frauen immer häufiger in den Westen gehen. Es herrscht ein deutlicher Männerüberschuss und die Angst, als Loser zu gelten, wenn man keine klassische Familie gründet. Das verarbeiten diese Menschen oft mit dem Hass auf andere, immer häufiger mit Hass auf Ausländer. Die AfD setzt da strategisch klug an, das muss man ihr lassen.

Inwiefern?

Sie hat das Thema "Asyl" zu ihrem Hauptthema gemacht. Die sogenannte Flüchtlingsfrage ist die entscheidende Wahlfrage und solange sie so prominent ist und sie vor allem in der Gesellschaft als nicht gelöst gilt, solange bleibt die AfD in den Augen vieler jüngerer Wähler der einzig wählbare Gegner zu den Parteien, die bislang regieren und die Thematik offenbar nicht bewältigen können.