„Den Begriff ‚Heimat‘ sollte man nicht einfach hergeben“

Alena Dausacker hat ihre Masterarbeit über Heimat geschrieben. Und findet ein Heimatministerium fragwürdig.
Interview von Quentin Lichtblau

Das Heimatgefühl an den Nationalstaat zu binden macht laut Alena Dausacker „no fucking sense at all“.

Collage: Katharina Bitzl; Foto: melrose / photocase.com

Braucht Deutschland tatsächlich ein Heimatministerium? Wenn es nach den Groko-Plänen von CDU und SPD geht, soll mit Horst Seehofer erstmals ein Heimatminister in Berlin arbeiten. Alena Dausacker hat ihre Masterarbeit zum Thema Heimat geschrieben und das Heimatministeriums-Vorhaben in einem viralen Twitter-Thread aus wissenschaftlicher Sicht kritisiert. Im Interview hat sie uns erklärt, warum sie den Begriff „Heimat“ gerade jetzt wichtig findet – und warum man ihn nicht einer rechten Deutung überlassen sollte.

jetzt: Alena, warum hast du dich überhaupt wissenschaftlich mit dem Begriff „Heimat“ auseinandergesetzt?

Alena Dausacker: Weil ich eine meiner Heimaten gefunden habe, wo man sie klassischerweise nicht erwartet: im Internet. In meiner Masterarbeit ging es um die Frage, ob technische Medien oder mediale Umfelder als Heimat gewertet werden können. Am Begriff Heimat interessieren mich aber auch andere Fragen: Was bedeutet der Begriff im Moment? Wie hat er sich gewandelt? Wie kann man mit ihm umgehen, ohne dieses schwere Erbe des NS-Heimatbegriffs und ohne Kitsch? Das finde ich extrem spannend.

Wo siehst du denn die Gründe dafür, dass gerade viele den Begriff „Heimat“ so wahnsinnig wichtig finden?

Heimat hat immer etwas mit Sehnsucht zu tun, vor allem nach der Kindheit und ihrer Unbeschwertheit. Aber auch nach dem einfachen, vorindustriellen Leben auf dem Land. Bei „Heimat“ schwingt immer eine Art velorene Geborgenheit mit. Das ist gerade aktuell, weil sich viele Menschen aus einer Vielzahl von Gründen nicht geborgen fühlen. Einerseits hat natürlich die AfD diesen Begriff in den gesellschaftlichen Diskurs zurückgebracht. Aber auch unabhängig von diesen nationalistischen Tönen haben Ereignisse wie die Finanz- und Eurokrise viele Menschen ratlos gemacht, sie suchen nach Halt, Identität und damit auch nach einer Heimat.

Alena Dausacker

Foto: privat

Im vergangenen Jahr haben sich bereits die Grünen um einen neuen Heimatbegriff bemüht, um das Wort nicht der rein nationalistischen Auslegung zu überlassen. Was hältst du von solchen Plänen?

Das halte ich für ziemlich sinnvoll! Den Begriff „Heimat“ sollte man nicht einfach hergeben, finde ich. Er ist so emotional aufgeladen und positiv besetzt – wenn man sich diesem Wort komplett verwehrt und sagt: „Es gibt eigentlich keine Heimat mehr“, stößt man damit einem Haufen Leute vor den Kopf. In den 70er- und 80er-Jahren gab es in der politischen Linken bereits einmal die Idee, „Heimat“ als „Gestaltungsbedürfnis für das eigene Umfeld“ zu verstehen, also eine positive, progressive Deutung auszuprobieren, die nicht ständig diese Verlustangst ins Zentrum rückt. Eine gute Idee, finde ich. Heute wie damals sollte man  aber wahnsinnig vorsichtig sein, bei seiner Heimat-Begrifflichkeit eine deutliche Grenze zur rechtskonservativen Auslegung zu ziehen – um nicht falsch verstanden zu werden.

„Eine nationale Vorstellung von Heimat finde ich furchtbar“

Sowohl die Heimat-Debatte der Grünen, als auch das neue Heimatministerium binden das Heimatgefühl an den Nationalstaat, was laut deinem Twitter-Thread „no fucking sense at all“ macht. Was wäre denn die richtige Bezugsgröße für einen „guten“ Heimatbegriff? Meiner Meinung nach gibt es nicht nur eine Heimat, sondern mehrere Heimaten. Eine nationale Vorstellung von Heimat finde ich erst einmal furchtbar, weil man dabei so viel verallgemeinern muss. Das Quasi-Vorbild beim neuen Heimatministerium ist ja die schon länger bestehende bayerische Version davon – und die meinen mit ihrer Heimat ja den ländlichen Raum, die Berge, Dörfchen mit Kirche und so weiter. Damit können aber Großstädter aus Hamburg oder Berlin überhaupt nichts anfangen, für die bedeutet Heimat etwas völlig anderes. In Deutschland gibt es so unterschiedliche soziale, wirtschaftliche und landschaftliche Strukturen – das alles über einen Kamm zu scheren, ist relativ zwecklos. Der einzige Weg, über den „Heimat“ als nationales Konzept ansatzweise funktionieren könnte, wäre eine extreme Verknüpfung mit sozialstaatlichen Gedanken. Der Staat wäre dann insofern eine Heimat, dass er derjenige ist, der einen auffängt, wenn man in Not gerät.

Könnte man nicht auch sagen: Die Benennung eines Heimatministeriums ist erst mal nur Symbolik, die Namensgebung beruhigt vielleicht ein paar besorgte Menschen, was spricht also dagegen?

Wenn die Schaffung eines Heimatministeriums eine rein kosmetische Maßnahme sein soll, dann frage ich mich: Worüber will man damit eigentlich hinwegtäuschen? Heimat heißt auch: Hier fühle ich mich wohl, hier kann ich gut leben, hier will ich bleiben. Einen solchen Zustand herzustellen, war schon immer Aufgabe des Staates, dafür braucht es doch kein eigenes Ministerium! Und wenn man dann aus reiner Symbolik doch eines erschafft, dann ist das auch ein Eingeständnis, dass man anderweitig bei der Aufgabe versagt hat, bei den Bürgern einen positiven Bezug zum Staat zu schaffen.

Gibt es denn in anderen Sprachen eigentlich auch Äquivalente zum deutschen Wort „Heimat“?

Teilweise. In den meisten Sprachen sind diese Wörter sehr nah am lateinischen „patria“. Damit ist meistens das „Vaterland“ gemeint, was etwas anderes, räumlich viel größeres ist als „Heimat“. Im Englischen gibt es „home“, aber das bedeutet wiederum eher etwas kleineres, man würde es wohl eher mit „zuhause“ übersetzen.

 

Was sind denn eigentlich deine ganz persönlichen „Heimaten“?

Meine kindliche Heimat ist in Schwaben, meine Wahlheimat ist das Ruhrgebiet, meine mediale Heimat ist Twitter, dann noch ein paar weitere reale, digitale und fiktive Orte. Man könnte das eigentlich „Heimatnetzwerk“ nennen, ich fühle mich sowohl an den einzelnen Punkten heimisch, aber auch auf den Wegen dazwischen. Ich mag es an Orten zu sein, bei denen ich weiß, wo ich bin, wo ich mich geborgen fühle und wo ich die Menschen kenne. Außerdem ist mir wichtig, diese Erfahrungen zu teilen. Wenn man eine schöne Heimat hat, warum sollte man sie dann nicht auch mit anderen teilen? 

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