Warum Angela Merkels Kanzlerschaft viel für junge Frauen bedeutet

Obwohl sie keine Feministin ist.
Von Nadja Schlüter

Eine Kanzlerin ist dank Merkel nicht nur möglich, sonder für viel junge Menschen sogar selbstverständlich.

Foto: afp/Tobias Schwarz

Am 18. September 2005 war ich seit fünf Tagen 19 Jahre alt, hatte gerade mein zweites Semester abgeschlossen und zum ersten Mal bei einer Bundestagswahl abgestimmt. Feminismus interessierte mich nicht die Bohne und auch niemanden von meinen Freunden. Darum feierte es auch niemand von uns, dass an diesem Tag entschieden wurde, dass in Zukunft zum ersten Mal in der Geschichte der Bundesrepublik eine Frau das Kanzleramt bekleiden würde. Im Gegenteil, wir waren mit dem Ergebnis eher unzufrieden – die CDU war für uns der Feind.

Angela Merkel kam also und sie blieb und sie ist immer noch da, auch, wenn durch ihren angekündigten Rückzug gerade Nachrufstimmung herrscht. Auf dem Parteitag im Dezember will sie nicht mehr für den Vorsitz kandidieren, den sie seit dem Jahr 2000 innehat. Wenn sie aber ihre aktuelle Amtszeit als Regierungschefin wie versprochen noch bis 2021 durchzieht, wird sie 16 Jahre lang Kanzlerin gewesen sein. Viele junge Menschen in Deutschland werden dann nur eine Frau als Regierungschefin gekannt haben, einige werden noch vage Erinnerungen an Gerhard Schröder und ein paar vielleicht noch sehr, sehr vage an Helmut Kohl haben, aber die meiste Zeit ihres Lebens wird durch Angela Merkel geprägt worden sein. Das hinterlässt Spuren. Auch und gerade bei jungen Frauen. Und das, obwohl es bei Angela Merkel nie um das Frau-Sein und auch nie um Feminismus ging.

Kinder lernen heute nicht mehr das Wort „Bundeskanzler“, sie lernen das Wort „Bundeskanzlerin“

Die Bundeszentrale für politische Bildung schreibt, dass 2005 die dritte Welle des Feminismus auch die Bundesrepublik erreicht habe und dass Angela Merkels Wahlsieg von der „bürgerlichen Frauenbewegung“ bejubelt, von anderen aber als „Karrierefeminismus“ kritisiert wurde. Merkel selbst hat sich von keiner Seite instrumentalisieren oder beeinflussen lassen, und die meisten Frauen und Mädchen, die damals noch sehr jung waren, haben von der Diskussion nicht mal etwas mitbekommen.

Wie gesagt: Auch mich interessierte Feminismus damals nicht. Ich musste erst älter werden, selbst ins Berufsleben einsteigen und die Erneuerung, Verjüngung und teils auch Radikalisierung der feministischen Debatte erleben, um zu merken: Gleichberechtigung gibt es immer noch nicht. Während dieser ganzen Zeit war eine Frau Kanzlerin – und immer, wenn jemand das als Argument für Fortschritt auf dem Weg zur Gleichberechtigung erwähnte, sagte jemand anders sofort: „Merkel zählt nicht.“

Dabei zählt Merkel. Sie zählt insofern, dass wir ihretwegen damit erwachsen geworden oder sogar aufgewachsen sind, dass eine Frau selbstverständlich in eines der höchsten Ämter des Landes gewählt wird und die Regierungsgeschäfte führt. Das ist eine Tatsache, die in unserem Unterbewusstsein fest verankert ist. Bei den Jüngsten sogar so fest, dass für sie eher die Frage ist, ob das eigentlich auch ein Mann kann. Das Zitat „Mama, kann auch ein Mann Bundeskanzlerin werden?“ wird verschiedenen Kindern zugeschrieben. Welche davon es wirklich gesagt haben, ist eigentlich egal – Fakt ist, dass es nicht abwegig ist. Denn Kinder kennen eben nur Merkel und sie lernen eben heute nicht mehr das Wort „Bundeskanzler“, sie lernen das Wort „Bundeskanzlerin“. 

Für junge Frauen ist Merkel eine Zukunftsvision aus der Vergangenheit

Dass Merkels Kanzlerschaft trotzdem fast nicht in der Feminismus-Debatte auftaucht, dass sie für viele „nicht zählt“, liegt wohl auch daran, dass sie Kanzlerin wurde, bevor Social Media und damit auch der neue, junge Feminismus wirklich groß wurden. Zum Vergleich muss man sich nur mal Hillary Clinton anschauen: Sie führte ihren Wahlkampf 2016 mitten im Sturm dieser neuen feministischen Debatte, die außerdem dadurch zugespitzt wurde, dass sie einen misogynen Gegenkandidaten hatte. Ständig ging es darum, dass sie eine Frau ist, was sie für andere Frauen getan oder auch nicht getan hatte, ob sie weiblich genug oder zu männlich agierte. In den USA gab es Streit darüber, ob man als Frau Clinton wählen müsse, weil sie nunmal eine Frau sei. Clinton wurde beschimpft, durchanalysiert, als Symbol hochgehalten. Immer wieder wurde hervorgehoben, was sie als Kämpferin für Frauenrechte erreicht habe, sie hob es auch selbst hervor, musste es sogar, sonst hätte sie in diesem Wahlkampf noch größere Nachteile gehabt. 

Angela Merkels Wahlkampf im Jahr 2005 hingegen war davon noch unberührt (dabei hatte auch sie ein Alphatier als Gegenkandidaten) und seitdem konnte sie durchregieren. Eigentlich ist Merkels Kanzlerschaft für junge Frauen darum so etwas wie die Blaupause des feministischen Idealzustands. Eine Zukunftsvision aus der Vergangenheit. Ihre Position als Kanzlerin ist schon so lange so selbstverständlich, dass man, wenn man über Merkel spricht, so gut wie nie darüber spricht, dass sie eine Frau ist. Dass man sie als mehr oder weniger geschlechtslos wahrnimmt. Und so sollte es doch eigentlich sein, oder? Dass wir die Menschen, die Ämter, Posten und Rollen einnehmen, unabhängig davon auswählen und bewerten, welches Geschlecht sie haben. Dafür steht Merkel – wenn auch ungewollt und obwohl das längst noch nicht die Realität abbildet.

Man darf Merkel natürlich nicht idealisieren. Denn obwohl sie als Figur die Wahrnehmung junger Menschen geprägt hat, hat sie als Politikerin für den Kampf um Gleichberechtigung wenig getan. Sie hat sich nie besonders für Frauen und Gleichstellung eingesetzt, noch 2013 hat sie die Frauenquote verhindert und auch ansonsten keine feministische Themen auf ihre politische Agenda gesetzt. Auf dem Podium des Frauen-Gipfels im Frühjahr 2017 wandte sich die Moderatorin Miriam Meckel an die Bundeskanzlerin und fragte: „Sehen Sie sich selbst als Feministin?“ Merkels Antwort war ausweichend, sie sagte, dass sie bei sich Gemeinsamkeiten und Unterschiede mit der Geschichte des Feminismus sehe, sich aber nicht mit einem Titel schmücken wolle, den sie gar nicht habe etc. pp. Als Meckel um eine Abstimmung bat, wer sich selbst als Feministin sieht, meldete sich die Kanzlerin nicht. 

Feminismus hat viel mit Solidarität zu tun und wenig damit, sich als Frau einem männlichen System so anzupassen, dass man darin besteht. Feministinnen setzen sich für andere Frauen ein und dafür, dass sich das System ändert. Merkel tut all das nicht. Sie ist darum keine Feministin und ihre Kanzlerschaft kein Sieg des Feminismus. Aber sie ist eine Frau – und ihre lange Kanzlerschaft hat dadurch sehr wohl einen Einfluss auf Frauen. Vor allem auf die jungen, für die es selbstverständlich ist, dass eine Frau Kanzlerin ist. Vor Merkel hatte wohl kaum ein Mädchen den Wunsch, Bundeskanzlerin zu werden – es gab ja nicht mal das Wort Bundeskanzlerin. Jetzt ist das anders. Eine Frau im Kanzleramt ist jetzt möglich, sie ist sogar selbstverständlich. Angela Merkel hat diesen ersten Schritt gemacht und damit den nächsten Schritt vorbereitet, der hoffentlich irgendwann getan wird: eine Feministin im Kanzleramt.

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