Diese Merkel-Momente bleiben im Kopf

Illustration: Daniela Rudolf-Lübke

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Angela Merkels Amtszeit als (geschäftsführende) Kanzlerin ist so gut wie zu Ende, nächste Woche wird Olaf Scholz im Bundestag zum neuen Kanzler gewählt. Wir haben in der Redaktion all jene Momente gesammelt, die uns nach 16 Jahren Kanzlerinnenschaft nicht mehr aus dem Kopf gehen werden.

Alexander Gutsfeld erinnert sich an die Elefantenrunde mit Merkel und Schröder:

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Gerhard Schröder glaubte während der Elefantenrunde 2005 fest daran, dass er als Kanzler wiedergewählt worden war.

Foto: John Macdougall / AFP

Bis zum Tag der Bundestagswahl kannte ich Merkel vor allem als Witzfigur. Ich war 15, interessierte mich seit Neuestem für Politik, und sah im Fernsehen eine Frau, die bis vor kurzem noch eine Art Prinz-Eisenherz-Frisur getragen hatte. Eine Frau, die in den Medien als Kohls Mädchen galt, über die die Titanic titelte: Darf das Kanzler werden? Ja, darf die das? Und konnte die das überhaupt? Ich hatte da so meine Zweifel. Im Wahlkampf überzeugte mich ein anderer. Der amtierende Kanzler Gerhard Schröder, der vor allem ausstrahlte: Bundeskanzler, das kann nur ich! Und ich glaubte ihm das. 

Doch dann wurde am 18. September 2005 gewählt – und Merkels CDU gewann die Wahl knapp vor der SPD. Spätestens jetzt war mir und ganz Deutschland klar: Kohls Mädchen wird jetzt wirklich Bundeskanzlerin. Nur Gerhard Schröder war das anscheinend nicht so klar. Obwohl er die Wahl verloren hatte, reklamierte er am Wahlabend in der Elefantenrunde im Testosteron-Rausch das Kanzleramt für sich. Und Angela Merkel? Saß ihm gegenüber, lächelte stoisch und argumentierte sachlich. Und zeigte so, dass es auch einen anderen Typus Bundeskanzler geben kann. Nämlich eine BundeskanzlerIN. Eine Frau, die ruhig bleibt, statt auf den Tisch zu hauen. An diesem Abend bewies Angela Merkel mir: Die Kanzlerin, die bin jetzt ich.

Lara Thiede erinnert sich daran, wie Merkel eine Schülerin zum Weinen brachte:

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Angela Merkel beugt sich zu Reem Sahwil herunter. Das Mädchen mit palästinensischen Wurzeln erzählte damals von der schwierigen Situation ihrer  aus dem Libanon geflüchteten Familie.

Foto: Steffen Kugler/Bundesregierung/dpa

2015 sagte Angela Merkel  „Wir schaffen das!“ und ließ die Grenzen für ankommende Geflüchtete geöffnet. In diesem Jahr gab sie aber auch zu: „Es werden manche wieder zurückgehen müssen.“ Letzteres sagte Merkel einem aus dem Libanon kommenden Mädchen direkt ins Gesicht, nachdem es sie um ein bisschen Hoffnung gebeten hatte. 

Die beiden trafen in einer Dialogrunde zum Thema „Gut Leben in Deutschland“ aufeinander. Vor laufenden Kameras erzählte die damals 15-jährige Reem Sahwil davon, dass sie sich nach der Gewissheit sehne, in Deutschland bleiben zu dürfen. Als ich das Video davon sah, wünschte ich mir wenig mehr, als dass Merkel einfach sagen würde: „Natürlich darfst du bleiben.“ Aber sie tat es nicht. Stattdessen gab sie eine ehrliche Antwort: Dass sie das nicht garantieren könne. Reem weinte. In den kommenden Tagen bebte das Internet. Man amüsierte sich über Merkels unbeholfenen Versuch, Reem zu trösten. Viele waren sogar entrüstet über Merkels angebliche „Gefühlskälte“ und „Herzlosigkeit“. Ich dagegen war nachhaltig beeindruckt. Davon, dass Merkel nicht den einfachen Weg gegangen war, nicht schnelle Versprechungen gemacht oder sich durch ausweichende Aussagen aus der Situation laviert hatte. Reem durfte übrigens in Deutschland bleiben. Das allerdings wurde erst zwei Jahre später klar.

Patrick Wehner erinnert sich an die Sache mit Putin und den Hunden:

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Psychologische Kriegsführung? Putins Labrador strawänzelt um Merkel herum, die große Angst vor Hunden hat. Putin selbst scheint das Ganze zu genießen.

Foto: Dmitry Astakhov / dpa

Ein großer, schwarzer Labrador strawänzelt um die deutsche Bundeskanzlerin herum. Dieses Bild bleibt mir aus zwei Gründen bis heute im Kopf: Erstens, weil der Labrador Wladimir Putin gehörte. Zweitens, weil Angela Merkel bekanntlich große Angst vor Hunden hat – und diese Info offenbar auch am ehemaligen KGB-Offizier Putin nicht vorbeigegangen war. 

Die Szene spielte sich 2007 in Putins Sommerresidenz bei einem Treffen zwischen dem russischen Staatschef und der deutschen Bundeskanzlerin ab. Putin lächelte dabei und schien die Situation zu genießen. Merkel dagegen war sichtlich bemüht, sich nichts anmerken zu lassen. Menschen, die selbst Angst vor Hunden haben, können hier sicher gut nachfühlen, wie viel Selbstbeherrschung ihr das abverlangt haben muss. Alles nur Zufall? Möglich. Doch schon bei einem früheren Zusammentreffen hatte Putin Merkel ein für einen Staatschef eher ungewöhnliches Geschenk gemacht: einen großen Plüschhund.

Gracia Ndona erinnert sich an den Moment, in dem Merkels Körper erstmals offen diskutiert wurde:

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Über dieses Dekolleté der Kanzlerin wurde 2008 heftig diskutiert.

Foto: Bjorn Sigurdson / AFP

2008 bekam ich Brüste – und es kam mir vor, als erlebe Angela Merkel zur selben Zeit etwas Ähnliches. Natürlich hatte die damals 54-jährige Politikerin schon vorher Brust. Doch man bekam sie nie zu sehen, weil sie immer die hochgeschlossenen Hosenanzüge trug, für die sie bis heute bekannt ist. Doch aus Österreich konnte ich mitverfolgen, wie der Körper der Bundeskanzlerin zum ersten Mal offen thematisiert wurde. Denn zur Operneröffnung in Oslo trug Merkel ein bodenlanges, schwarz-blaues Abendkleid, das tief ausgeschnitten war. Viele Medien waren damals entsetzt. Andere verglichen Merkel mit Popstars wie Madonna. Ich liebte es, bewunderte den Mut der Kanzlerin und blickte neidisch auf das Nachbarland hinüber. Schließlich hatten wir keine weibliche Bundeskanzlerin und würden diese für die nächsten Jahre auch nicht bekommen. 

Anna Flörchinger erinnert sich an brennende Flaggen im Fernsehen:

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Angela Merkel wurde während der Proteste in Griechenland immer wieder auch mit Hitler verglichen.

Foto: Simela Pantzartzi / dpa

EU-Flaggen brennen, Tausende skandieren wütende Parolen gegen Merkel, Fäuste ballen sich in der Luft. Diese Bilder sah ich mit 13 Jahren in der Tagesschau. Griech:innen demonstrierten gegen die deutsche Finanzpolitik und konkret gegen die Bundeskanzlerin. Mein Vater ist Deutscher, meine Mutter kommt aus Zypern, wir sprechen zu Hause griechisch und deutsch. Ich konnte deshalb all die Dinge lesen, die auf den griechischen Schildern standen. Und war darüber schockiert, genau wie meine Eltern. Zunächst verstand ich nicht, warum die Leute so wütend waren. 

Meine Eltern erklärten mir deshalb die Finanzkrise in Griechenland und Zypern – und was Deutschland und Europa damit zu tun hatten. In dem Moment wurde mir klar, dass die deutsche Politik meiner Familie in Zypern schaden könnte. Bekannte aus Griechenland und Zypern würden durch die Schuldenbremse viel Geld verlieren. Mir wurde erst dann klar, wie weit Merkels Einfluss reicht. Dass sie nicht nur auf die deutsche Politik Einfluss nimmt – sondern dass sich ihre Entscheidungen auch auf die Leben von Menschen auswirken kann, die nicht in Deutschland leben.

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