Warum nicht alle Jungen mit Sahra Wagenknecht aufstehen

Das Interesse der Unter-30-Jährigen an einer linken Sammelbewegung ist da. Doch manche resignieren schon wieder.
Von Johanna Roth

Grafik: jetzt; Foto: Ryoji Iwata/Unsplash

Ein Montagabend Mitte Oktober in Lichtenberg, einem Hochhausviertel im Berliner Osten. Über den Plattenbauten geht gerade die Sonne unter, ältere Frauen ziehen ihren Einkaufstrolley hinter sich her, die Cocktailbar „Mauritius“ hat 24 Stunden geöffnet. In der „Kiezspinne“, dem Stadtteilzentrum gegenüber, schaut Julia Müller auf die Uhr. Die Stuhlreihen im Mehrzwecksaal mit den grellen Deckenlampen haben sich längst gefüllt, rot-weiße Buttons mit Logo liegen bereit, aber es fehlt noch der Gast: Die Bundestagsabgeordnete Sevim Dagdelen von der Linkspartei soll heute über „Aufstehen“ reden, die selbsternannte „Sammlungsbewegung“, deren Unterstützerin sie ist. Und Julia, dunkelroter Lippenstift und schwarzer Rollkragenpulli, ist mit ihren 24 Jahren nicht nur stellvertretende Bezirksvorsitzende der Linken, sondern engagiert sich auch bei „Aufstehen“, zusätzlich zu ihrem Studium der Politik und Verwaltung an der Uni Potsdam.

Heute Abend hat sie die Interessierten aus Lichtenberg per Facebook zu einem Auftakttreffen eingeladen. Von den Menschen im Raum sind manche Parteimitglieder, vor allem aus der Linken, aber die meisten haben mit Politik bisher nichts zu tun. Viele haben schon graue Haare, andere dagegen sehen aus, als kämen sie gerade aus dem Club oder der Uni. Einig sind sich aber alle in einem Punkt: Die gegenwärtige Politik der Parteien läuft in eine komplett falsche Richtung, auch die links der Mitte. Als Sevim Dagdelen mit einiger Verspätung ankommt, haben sie deshalb auch wenig übrig für deren Grundsatzvortrag. Sie wollen wissen, was sie hier erwartet, und vor allem wollen sie: endlich mal was machen.

Für Julia Müller sind die Verluste linker Parteien nicht zuletzt eine Frage des Alters.

Foto: Johanna Roth

Denn seitdem sich „Aufstehen“ am 4. September gegründet hat, hat man außer diversen Interviews mit Sahra Wagenknecht und ein paar Bald-geht’s-los-Mails wenig von der Bewegung gehört. Wohin will sie eigentlich, wofür steht sie inhaltlich, wen will sie erreichen? Fest steht bisher nur: „Aufstehen“ ist das große Projekt von Linksfraktion-Chefin Wagenknecht und ihrem Mann Oskar Lafontaine zur „Überwindung des neoliberalen Mainstreams“, wie sie selbst es formuliert. Der Slogan über dem Gründungsaufruf lautet: „Gemeinsam für ein gerechtes und friedliches Land.“ Das klingt erst mal wie etwas, auf das sich alle einigen können. Umstritten ist die Bewegung trotzdem: Als Konkurrenz zu Die Linke, Grünen und SPD würde sie das linke Milieu spalten statt stärken, befürchten viele. Und: Wagenknecht will laut eigener Aussage auch AfD-Wähler zurückgewinnen. Das Wort „links“ wird insofern auch auffallend vermieden; auf der Homepage nennt sich das Ganze schlicht „Aufstehen – die Sammlungsbewegung“.

Für Julia ist klar: „Aufstehen“ soll Menschen Gehör verschaffen, die sich schon lange nicht mehr gehört fühlen. Oder denen, die sich noch nie gehört gefühlt haben – vor allem junge Menschen. „Viele haben ein immer stärkeres Bedürfnis nach Gerechtigkeit“, sagt sie. „Die SPD war mal die Partei, die sich darum gekümmert hat, aber sie rutscht immer weiter ab.“ Die Ergebnisse der letzten Wahlen zeigen allerdings: Nur weil die SPD weniger Stimmen bekommt, heißt das noch lange nicht, dass Die Linke plötzlich viel mehr hätte. Lichtenberg galt mal als linkester Wahlkreis Deutschlands; inzwischen ist die AfD auch hier zweistellig.

Für Julia sind die Prozentverluste der linken Parteien nicht zuletzt eine Frage des Alters: „In meiner Generation können viele mit Initiativen oder Projektarbeit mehr anfangen als mit einem Parteibuch.“ Die Bewegung sieht sie deshalb nicht als Widerspruch zur Mitgliedschaft bei der Linken. In ihrem Profil auf der Homepage des Bezirksvorstands zitiert Julia Die Ärzte: „Es ist nicht Deine Schuld, dass die Welt ist, wie sie ist, es wär nur Deine Schuld, wenn sie so bleibt.“

Das Etikett „Friedensbewegung“ sagt denen, die beim Nato-Doppelbeschluss noch nicht geboren waren, ziemlich wenig

In Lichtenberg zeigt sich: Das ist nicht so einfach. Denn wofür oder wogegen protestiert werden soll, ist eine Frage der Betrachtung – und die scheint je nach Generation vollkommen unterschiedlich auszufallen. Für die Älteren im Raum ist klar: gegen atomare Aufrüstung. „Wir sind kurz vorm Krieg!“ rufen zwei ältere Frauen aus der letzten Reihe immer wieder dazwischen. Sie wollen sich mit der Friedensbewegung zusammenschließen und haben auch gleich Infomaterial mitgebracht. Das Etikett „Friedensbewegung“ sagt denen, die beim Nato-Doppelbeschluss noch gar nicht geboren waren, allerdings ziemlich wenig. Für die Jüngeren hier zählen konkrete Themen: Wohnen, Rente, Zukunft. Ein Mann um die 30, der sich als Ingo vorstellt, steht auf und sagt: „In meinem Umfeld stellt man sich inzwischen ernsthaft die Frage: ,Wann lebe ich mein Leben?‘ Schaut euch doch mal Mieten und Löhne an: Eine Familie zu gründen, muss man sich leisten können, und wie viel Rente ich später kriege, weiß ich auch nicht. Um das, was Leute in meinem Alter beschäftigt, kümmert sich im Moment keine Partei.“

Im „Aufstehen“-Gründungsaufruf steht, jeder und jede könne sich einbringen. Während man bei SPD, Grünen oder Linkspartei oft jahrelang Mitglied sein muss, bis man in der entsprechenden Position ist, etwas zu bewegen, soll es hier niedrigschwelliger sein. „Für viele ist es wichtig, ihre Themen reinspielen zu können, ohne erst einen Antrag zu schreiben oder zu einer Versammlung zu müssen“, sagt Moritz Müller, 27. Er arbeitet im Wahlkreisbüro von Sevim Dagdelen und verantwortet für die Bewegung den Bereich „Organizing“: Er koordiniert Freiwillige wie Julia Müller, die an ihren jeweiligen Wohnorten Events organisieren und dafür von „Aufstehen“ mit den entsprechenden Mailverteilern oder Facebook-Gruppen versorgt werden. So soll die Bewegung funktionieren: Interessierte finden sich in ganz Deutschland zusammen und bilden lokale Gruppen, um Aktionen zu starten. Moritz sagt: „Ich habe den Eindruck, dass junge Menschen sehr politisch sind und sich aktiv einbringen wollen, aber oft gar nicht wissen, wie sie das konkret machen sollen. Dabei geht es eigentlich ganz einfach: Einer kann eine Homepage bauen, die andere gut moderieren, der Dritte organisiert eine Protestaktion auf der Straße.“

Offizielle Erkenntnisse zur Altersstruktur der „Aufstehen“-Unterstützer gibt es noch nicht. Kurz nach der Gründung allerdings startete die Bewegung über das Befragungstool Pol.is eine große Umfrage, bei der ein Stimmungsbild der Interessierten erstellt werden sollte. 65 Prozent der Befragten gab dabei an, älter als 30 Jahre zu sein. Um mehr jüngere Menschen anzuwerben, setzt Moritz Müller auf soziale Medien. Mit Facebook erreiche man Anfang- bis Mitte-20-Jährige kaum noch, sagt er. Auf Instagram dagegen hat „Aufstehen“ mehr als 11.000 Abonnenten und postet regelmäßig Grafiken, die soziale Ungerechtigkeit oder Waffenexporte („Skandal-Uschi muss gehen!“) anprangern. Viele würden aber auch über Freunde oder Bekannte von der Bewegung erfahren und sich spontan als Unterstützer registrieren, sagt Moritz. Auch Aktionen an Unis und Schulen soll es bald geben; im Dezember ist ein Besuch von Sahra Wagenknecht an der Uni Bochum geplant, wo er selbst seinen Master macht.

In der letzten Reihe in der Kiezspinne sitzt Hendrik, 31, Programmierer. Über Sahra Wagenknecht ärgert er sich. Die hatte sich im Namen der „Aufstehen“-Bewegung von der großen #unteilbar-Demo vor ein paar Wochen distanziert, bei der eine Viertelmillion Menschen gegen Rassismus und Abschottung protestierte – mit dem Argument, die Kundgebung sei „weltfremd“. Viele hat das wütend gemacht, und von denen, die heute Abend da sind, sagt ein Großteil, sie seien trotzdem dagewesen. Aber was, wenn viele, die schon im Aufstehen begriffen waren, sich nach Wagenknechts Ansage wieder hingesetzt haben?

„Wenn wieder nur Sahra Wagenknecht von oben die Linie diktiert, dann hab ich keinen Bock mehr“

„Es kommt doch darauf an, zusammen was zu bewegen und nicht einander auszuschließen“, sagt Hendrik. „Genau das passiert in der Politik ja schon die ganze Zeit. Wenn ich jetzt merke, dass es wieder nur Sahra Wagenknecht ist, die von oben die Linie diktiert, dann hab ich keinen Bock mehr.“ Er ist heute Abend gekommen, weil er endlich konkrete Vorschläge hören will, wie und wo er mitmachen kann. Genau wie seine Freundin Lilli, eine 27-jährige Linguistik-Doktorandin, die erzählt, wie sie in den letzten Wochen gegenüber Freunden und Familie daheim in Thüringen die Idee einer neuen linken Bewegung verteidigt habe. Jetzt will sie wissen: Wofür?

So richtig jung und fresh sieht es nicht aus in der „Kiezspinne“ in Lichtenberg. Aber das ist gar nicht das Problem der Jungen hier.

Foto: Johanna Roth

Hendrik und Lilli könnten der Prototyp für diejenigen sein, die das Mitmach-Konzept von „Aufstehen“ erreicht: jung, politisch interessiert und bereit, etwas von ihrer Zeit zu investieren. Die Frage ist nur: Wohin will die Bewegung? Schaut man sich die „Aufstehen“-Gruppe auf Facebook an, die immerhin mehr als 17.000 Mitglieder hat, zeigt sich ein völlig anderes Bild als in Lichtenberg oder auf Instagram. Die Mitglieder heißen Petra, Monika oder Uwe, jüngere scheinen kaum aktiv zu sein. In den Kommentarspalten toben oft ideologische Grundsatzdiskussionen, moderiert wird hier so gut wie gar nicht. Die Inhalte der Posts reichen von Aufrufen zu Versammlungen über Empfehlungen zu Talkshow-Auftritten von Sahra Wagenknecht bis hin zu tendenziell rechten Artikeln mit Verschwörungstheorien über Flüchtlinge, Russland und die USA. Unter einem Video schreibt zum Beispiel ein Gruppenmitglied: „Noch ein paar Millionen Afrikaner und es führt dazu, dass der Sozialstaat abgeschafft wird.“ Auch Alexander Gauland hat Wagenknecht und „Aufstehen“ schon gelobt.

Christian Stotz, 32, findet diese Töne „schaurig“. Er hat zwar lange vor dem offiziellen Start der Bewegung auf „Gefällt mir“ geklickt. Bislang aber zögert er, sich zu engagieren: „Mir ist immer noch vieles unklar“, sagt er am Telefon. „Was für Strukturen gibt es, wie wollen sie die Parteien zusammenbringen und vor allem die vielen unterschiedlichen Meinungen?“ Ein Newsletter hin und wieder ist ihm zu wenig für eine Bewegung, die die Menschen mitreißen will. Christian studiert Medien- und Kommunikationswissenschaften, nebenher arbeitet er für eine SPD-Abgeordnete im Bundestag. Er zählt sich klar zum linken Flügel der SPD und hatte eigentlich gehofft, dass die Bewegung sozialen Themen auf konstruktive Weise neuen Schwung geben würde, auch über Parteigrenzen hinweg.

Stattdessen empfindet er die Bewegung als „politisches Buffet“ aus abstrakter Kapitalismuskritik und fehlender Abgrenzung gegenüber rechts. „Man sollte den Menschen die Angst nehmen und sie nicht verstärken. Die ganze Sache gab es gerade mal einen Monat und schon ging es wieder los mit der Spaltung“, sagt er über Wagenknechts Absage an die #unteilbar-Demo, die er genau wie Hendrik als Desaster sieht. „Die Aussicht, irgendwann drei oder vier verschiedene Aufstehen-Bewegungen zu haben, finde ich deprimierend.“

Blickt man auf die Bewegung im Netz, wirkt es, als könnte es tatsächlich so kommen. Das Konzept von „Aufstehen“ mag viel zu diffus sein, um als ein solches Umsturz-Movement zu funktionieren, wie Sahra Wagenknecht es gerne hätte. Aber immerhin: In der Lichtenberger Kiezspinne planen jetzt Menschen etwas gemeinsam, die einander sonst nie begegnet wären. Sie wollen weitermachen und schauen, wie sich ihre unterschiedlichen Interessen zusammendenken lassen – egal, was Wagenknecht und andere von oben für Ansagen machen.

Lilli spricht mit einem alten Mann im karierten Jackett, der Papierschnipsel mit seiner Telefonnummer mitgebracht hat, „für das Whatsapp“. Hendrik meldet sich freiwillig, um mit den beiden friedensbewegten Frauen eine Aktion zu organisieren. Und erinnert sich im Rausgehen daran, was Sevim Dagdelen in ihrer Rede gesagt hatte: Es würde alles so langsam vorangehen, weil das ehrenamtliche „Aufstehen“-Team jede der Tausenden Mails beantworten würde, die täglich eingingen. „Ich bin doch Programmierer“, sagt Hendrik und grinst. „Ich kann denen einfach ein Tool bauen, mit dem sie 160.000 Mails am Tag schreiben können.“ Dann stellt er sich zu den anderen, die sich gerade für die nächsten Wochen verabreden. Die Abgeordnete ist da schon längst aus der Tür gehuscht.

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